Kolumne: Reda El Arbi

Intime (Schalt-)Kreise

Reda El Arbi, 11. August 2016

Stört es Sie, wenn die NSA Ihre Mails liest? Wenn Mark Zuckerberg ihre intimsten Föteli anschauen kann? Wenn Google weiss, was für Schweinkram Sie im Web gesucht haben?

Nein. Mich auch nicht.

 

Wie siehts aber mit Ihrem Arbeitgeber aus? Mit Ihren Freunden? Mit Ihrem Lebenspartner? Würde es Sie stören, wenn dieser engere Personenkreis wüsste, was alles auf Ihren Geräten passiert?

Ja. Mich auch.

 

Es geht darum, dass nicht alles, was man mit seinen Geräten macht, auch für das Umfeld bestimmt ist.

Es gibt Leute, die ihr Handy ohne Probleme ihrem Partner oder ihrer Partnerin in die Hand drücken, die einen Familien-PC haben und die sich oft auch eine Familien-E-Mail-Adresse teilen. Das ist unerträglich, eine virtuelle Version dieser basiskommunistischen Hippiekommunen der 60er: die totale Auflösung des intimen Freiraums.

 

 

Es geht nicht darum, dass man böse Machenschaften oder aussereheliche Affären verstecken will, es geht darum, dass nicht alles, was man mit seinen Geräten macht, auch für das Umfeld bestimmt ist. Ob es ein Chat-Verlauf ist, in dem man über seinen Partner oder seine Partnerin lästert (Psychohygiene!) oder ob es ein explizites Filmli ist, das man an einem einsamen Wochenende geschaut hat – es ist einfach nicht alles für alle gedacht (Ja ich weiss, niemand schaut Pornos. Dass sie immer noch weltweit den meisten Web-Traffic generieren, ist ein mathematisches Rätsel).

 

Ich will nicht, dass meine Punkergenossen herausfinden, dass ich heimlich Lily Allen höre oder eine Kopie von «You've got Mail» mit Meg Ryan auf meinem Rechner habe.

 

Ich will auch nicht, dass mein Auftraggeber oder meine Arbeitskollegen sehen, welche 15 dämlichen Ideen ich hatte, bevor ich auf die geniale Lösung für das gemeinsame Problem kam. Mein Chef soll nicht die Mail lesen, die ich in totaler Frustration vor einer Woche an ihn geschrieben habe, ohne sie abzuschicken.

 

Ich will nicht, dass meine politischen Freunde mitbekommen, dass ich mir als überzeugter Grüner manchmal Werbeclips für Offroader anschaue, die mit Kraft durch Dreck fräsen und puren Machismo ausstrahlen. Ich will nicht, dass meine Punkergenossen herausfinden, dass ich heimlich Lily Allen höre oder eine Kopie von «You've got Mail» mit Meg Ryan und eine von «Notting Hill» auf meinem Rechner habe.

 

Ich bin ein vehementer Verfechter von Transparenz. Aber das betrifft Handlungen und Bereiche, die einen Einfluss auf Dritte haben. Sie betreffen nicht meinen ganz persönlichen, intimen Raum. Schaltkreise und der Speicherplatz sind eine technische Erweiterung des Gehirns. Schliesslich heisst es schon im alten Lied: «Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten ...»

 

Niemand will wirklich alles wissen, was im Gehirn einer Partnerin, eines Partners oder eines Bekannten vorgeht. Und das ist gut so, bleiben damit doch Beziehungen und Freundschaften erhalten. Und natürlich Arbeitsverhältnisse.

 

Ich lasse niemanden an meinen Rechner. Ich schmiere die Tastatur mit Pizza, Kaffee und Zigarettenasche voll, so dass niemand auf die Idee kommt, ihn benutzen zu wollen.

 

Und wenn jemand mit meinem Handy telefonieren will, wähle ICH die Nummer und halte ihm das Gerät dann ans Ohr. Mit leidendem Blick.

 

Finger weg von meinen Schaltkreisen!

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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