Kolumne: Reda El Arbi

Das Ende der Kritiker

Reda El Arbi, 22. September 2016

Zurzeit macht Elke Heidenreich als Literaturkritikerin beim Schweizer Fernsehen Schlagzeilen, weil sie eine junge Schweizer Autorin als psychisch krank betitelte.

 

Nun, wenn das einfach ihre Meinung wär, könnte ihr die Autorin auf Augenhöhe zurückgeben. Heidenreich gilt aber als «Literaturkritikerin». Sie kann ihre Meinung als Fachmeinung transportieren. Wieso das so ist, hat mir noch kein Kunst- oder Literaturkritiker erklären können.

 

Ehrlich, ich versteh den Nutzen von Kritikern nicht. Die Bewertung von Literatur und Kunst liegt immer im Auge des Betrachters. Natürlich haben sich Kunst und Literatur schon immer für eine Abgrenzung missbrauchen lassen - für Leute, die sich als Elite oder Avantgarde sehen und sich damit wichtigtun, für andere Wertvolles von Trivialem zu unterscheiden. Als ob wir uns nicht selbst eine Meinung bilden könnten. Aber eben, es geht um eine Bildungselite, die sich als Speerspitze der kulturellen Entwicklung sieht.

Niemand getraut sich, einen Literaturnobelpreisträger schlecht zu finden.

Sie kennen das sicher auch: Bücher, die man gelesen haben muss, um als gebildet dazustehen. Dabei ist es eine Qual, sich durch das Buch zu ackern. Aber niemand getraut sich, Tolstoi oder einen der grossen Literaturnobelpreisträger schlecht zu finden, auch wenn man wirklich nichts mit Geschichte oder Schreibstil anfangen kann. Man fürchtet sich, mit seiner eigenen Meinung gegen die der «Fachleute» abzufallen. Und man hat ja die Einschätzung der Kritiker aus dem Feuilleton, um dann beim Cüpli an der Vernissage ein paar eloquente Sachen zu zitieren.

 

Zum Glück ist das auch nur noch für Bildungsspiesser relevant. Die meisten Bücher werden für ein breites Publikum und nicht für eine selbsternannte geistige Elite aus gescheiterten Autoren und Hobbyphilosophen geschrieben. Und mit dem Web 2.0 haben endlich wieder die Leser die Deutungshoheit über die Lesbarkeit eines Buches und die Qualität eines Autors.

 

Bei Online-Buchhändlern wie Amazon oder books.ch sind die Bewertungen der anderen Leser um Welten aussagekräftiger als die Einzelmeinung eines Wichtigtuers. Wenn 800 Leute ein Buch als «gut» bewertet haben, die ebenfalls ein anderes Buch mochten, das ich gerade zu Ende gelesen hab, hat das eine Aussagekraft.

Ich traue einer Crowd aus verschiedensten Personen mehr als einer Einzelmeinung.

Ich traue einer Crowd aus verschiedensten Personen mit den verschiedensten Perspektiven bei der Beurteilung von Qualität mehr als einer Einzelmeinung. Und ich habs einfach nicht nötig, Bücher zu lesen, nur weil eine kleine Gruppe Intellektueller sie in selbstreferenziellem Reihum-Schulterklopfen für wichtig befunden hat. Ich lass mir gerne ein Buch empfehlen, am Liebsten von ganz vielen Leuten, oder von Menschen, die ich persönlich kenne.

 

Was ich wirklich nicht brauche, ist, dass mir jemand ein Buch erklärt. Denken und Lesen kann ich noch immer ganz alleine.

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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