Kolumne: Reda El Arbi

Kinder an die Handys!

Reda El Arbi, 15. Juli 2016

«Der Bueb sollte besser draussen spielen. Die Mutter macht sichs leicht, ihn einfach mit dem Handy ruhigzustellen», meinte eine Bekannte letzthin beim Kaffee mit Seitenblick auf einen 7-Jährigen, der gerade am Smartphone seiner Mutter rumspielte. «Es ist doch viel gesünder, draussen an der frischen Luft zu herumzutollen. Und für die sozialen Skills ist es auch besser, wenn die Kids sich nicht isolieren und miteinander kommunizieren und eine Gemeinschaft bilden müssen.»

 

Ich blickte über meinen  Tassenrand durchs grosse Fenster auf die menschenleere, verregnete Strasse und die Reihen parkierter Autos. Ich hab ja keine Kinder, deshalb muss ich mich hier sehr vorsichtig ausdrücken, wenn ich nicht in einem Shitstorm aufgebrachter Eltern gelyncht werden will. Deshalb:

 

Das ist totaler Bullshit.

 

Ich hab früher nie einen 7-Jährigen gesehen, der sich mit seiner Tante schriftlich per Messenger austauschen konnte. Ich selbst konnte in der ersten Klasse gerade mal fünf oder sechs Worte in kaum leserlichen Buchstaben auf ein Blatt Papier malen. Dafür bekam ich dann Lob und Kopfstreicheleinheiten. Braver Bub.

 

Der Junge am Nachbarstisch hat offenbar gelernt, aus einer Auswahl an Zeichen auf einer Tastatur seine Gedanken auszudrücken. Vielleicht noch etwas ungelenk und mit vielen Emojis, aber immerhin. Das ist ein Skill, den ich nicht beherrschte, nicht beherrschen konnte.

 

Ich durfte mich der analogen Kamera meines Vaters nicht auf zehn Meter nähern. Heute kann der 10-jährige Sohn eines Bekannten mit dem Handy eigene Trickfilme drehen.

 

Nur schon das Verstehen des Aufbaus einer Smartphone-Bedienungsoberfläche ist eine bemerkenswerte Leistung. Die Auseinandersetzung mit logischen Systemen ist sicher nicht schlecht für ein Kind. Im Gegenteil, wenn ich mir die rationalen Fähigkeiten meiner Miterwachsenen anschaue, wäre ein bisschen logisches Training in der Kindheit sicher nicht falsch gewesen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich das Leben dieser Kinder in einer Zukunft abspielt, deren Realität von solchen Geräten beherrscht werden wird.

 

Aber nicht nur die kognitiven Fähigkeiten können durch ein Smartphone vorangebracht werden, auch die Kreativität wird gefördert. Ich durfte mich der analogen Kamera meines Vaters nicht auf zehn Meter nähern, ohne dass alle Erwachsenen in Reichweite nervös wurden. Anfassen war nicht. Heute kann der 10-jährige Sohn eines Bekannten mit dem Handy eigene Trickfilme drehen. Die Tochter einer anderen Bekannten bearbeitet ihre selbstgemachten Tierbilder am Smartphone. Sie ist acht Jahre alt.

 

Digitale Kommunikation ist nicht ein Ersatz für direkten Kontakt. Es ist eine Erweiterung des direkten Kontakts.

 

Und was die sozialen Skills angeht: Ich selbst habe mich tagelang in mein Zimmer zurückgezogen, um mit Lego meiner eigenen Welt Ausdruck zu verleihen. Meine Mutter zwang mich dann bei schönem Wetter nach draussen, um mich mit Kindern auseinanderzusetzen, die ich nicht mochte und nicht verstand. Ich fühlte mich wie ein Loner. Heute weiss ich, dass es da draussen Millionen von Kindern gab, die ähnlich fühlten und dachten wie ich. Ich konnte sie nur nicht erreichen. Wär ich heute Kind, wär ich wohl Teil der Lego-Community und würde mich nicht wie ein Alien fühlen.

 

Was die Elterngeneration nicht versteht, ist, dass soziale Interaktion nicht Entweder/Oder-Szenarien sind. Sie regen sich auf, wenn Teenager miteinander chatten, obwohl sie im gleichen Raum sitzen.

 

Digitale Kommunikation ist nicht ein Ersatz für direkten Kontakt. Es ist eine Erweiterung des direkten Kontakts. Es ist ein weiterer Sinn, den wir für die Kommunikation nutzen können. Für die Kids ist diese Art des Austausches so normal wie Mimik und gesprochene Sprache. Der Wechsel zwischen den Ausdrucksformen findet natürlich und selbstverständlich statt. Smartphones sind ein Teil der Realität, die unsere Kinder beherrschen müssen. Oder hätten wir den Kindern zu Zeiten von Gutenbergs ersten gedruckten Büchern gesagt:

 

«Nein, lesen ist schädlich für dich, geh nach draussen und spiel ‹Hexenverbrennen › mit deinen Freunden!»

 

Aber wie gesagt, ich hab keine Kinder.

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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