Kolumne: Reda El Arbi

«Stirb, du Zombie!»

Reda El Arbi, 3. November 2016

«Aber das ist doch Zeitverschwendung», muss ich mir von Bekannten anhören, «kindisch», «brutal», «unreif» und «gewaltverherrlichend». Es geht um meine Vorliebe für Computergames – wohlverstanden keine Sportsachen wie «Fifa16» oder fröhliche Gruppen-, Fitness- Musik-, oder Rätselspiele an der Konsole. Sowas ist für Kinder und Leute, die nebenbei auch mal noch ein Computerspiel spielen, nichts für echte Nerds.

 

Ich zocke «Doom 4», «Watchdog», «Metro: Last Light», «Fallout 4», «Battlefield 4» und andere Shooter in düsteren Atmosphären und mit hohem Bodycount. Ich befreie die Welt in «Wolfenstein» von Nazis, die die Herrschaft übernommen haben. Ich kämpfe in «Farcry 4» gegen einen durchgeknallten Diktator, der sein Volk abschlachten lässt. Ich folge in «Deus Ex» einer Mission, die die Welt rettet und erledige in «Hardline» die Drogenmafia und gleichzeitig die korrupten Bullen. Alles mit grossen Knarren, viel Munition und herumspritzendem Blut.

 

 

Im Game «Wolfenstein» befreit man die Welt von Nazis. Video: Youtube/GameKiller346

 

 

Meist sind es Egoshooter, die mein Herz höherschlagen lassen. Also Spiele, in denen ich aus der Eigenperspektive mit der eingeblendeten Waffe durch Schlachtfelder, Endzeitszenarien und Hinterhöfe renne, um den digitalen Feind zu erwischen, bevor er mich mit einer Kugel zum letzten Speicherstand schickt. Ja, das ist brutal. Und gleichzeitig tue ich damit niemandem weh.

Der Vorwurf «gewaltverherrlichend» kann von Bekannten geäussert werden, die sich am TV bei Vergewaltigungs- und Folterszenen in «Game of Thrones» ein Kissen an den Bauch drücken.

Der Vorwurf «Zeitverschwendung» kommt oft von Leuten, die keine Skrupel haben, ein Wochenende mit heruntergeladenen Serien zu verbringen. Staffel auf Staffel. Der Vorwurf «gewaltverherrlichend» kann durchaus von Bekannten geäussert werden, die sich vor dem TV bei Vergewaltigungs- und Folterszenen in «Game of Thrones» auf dem Sofa ein Kissen an den Bauch drücken.

 

Stellen wir also erst mal klar: Computerspiele sind nicht brutaler als «Breaking Bad», «Homeland» oder jeder beliebige Thriller oder Actionfilm, den man im Kino sieht. Im Gegenteil. In Shootern wie «Hitman» oder «Deus Ex» bekommt der Spieler eine höhere Punktzahl, je weniger Gegner er umnietet.

 

 

Im Game «Deus Ex: Mankind Divided» erhält man mehr Punkte, je weniger Gegner man eliminiert. Video: Youtube/GameStar

 

 

Der Unterschied zu Filmen und Serien besteht darin, dass ich nicht passiv vor dem Monitor hocke, sondern aktiv die Geschichte mitgestalte. Viele Spiele funktionieren inzwischen mit verschiedenen Storylines: Die Geschichte verändert sich, je nachdem, welche Entscheidungen ich im Spiel treffe. Ich konsumiere nicht nur, ich muss mein Hirn anstrengen, um Lösungen zu finden, strategisch vorgehen, verhandeln und ethische und taktische Herausforderungen meistern. Die Spiele trainieren also nicht nur meine Auge-Hand-Koordination, sie fordern in einer hohen Frequenz Denkleistung und Entscheidungsfähigkeit.

Bis auf wenige Ausnahmen haben die Game-Helden eine moralische Botschaft und machen persönliche Entwicklungen durch, die ich bei Filmhelden oft vermisse.

Die Geschichten sind immer archetypisch wie die alten Märchen: Gut gegen Böse. Die Helden und Heldinnen sind in den meisten Fällen Menschen (oder Maschinen) mit persönlichen Schwächen und schwierigen Geschichten, mit denen sie klarkommen müssen. Und bis auf wenige Ausnahmen («GTA» und so) haben sie eine moralische Botschaft und machen persönliche Entwicklungen durch, die ich bei Filmhelden oft vermisse. Viele der guten Games hängen die Hollywoodproduktionen in Sachen Dramaturgie schon lange ab.

 

Und jetzt der Witz: Ich bin Pazifist. Ich verabscheue Waffen und Gewalt. Aber ich kann auch sehr wohl zwischen Pixeln und Realität unterscheiden. Die Spiele helfen mir, zu entspannen. Sie putzen meinen Kopf durch, entführen mich in eine Fantasiewelt und lassen mich zufrieden und erschöpft zurück, mit dem guten Gefühl, gerade mal die Welt gerettet zu haben.

 

Und der Hauptnutzen der Games? Die Spiele bauen meine durchaus menschlichen Aggressionen ab. Ich brettere meinem Boss keine rein, wenn er mich mal wieder zur Weissglut bringt, ich fluche nicht laut hinter rücksichtslosen Autofahrern her und ich bring meine Frustrationen aus dem Job und dem Alltag nicht in meine Beziehung.

 

Ich kann einfach eine Stunde vor meinen Rechner sitzen, lautlos «Stirb, du Zombie!» schreien und bin danach wieder ruhig wie ein Zen-Meister.

 

Eigentlich würden Computerspiele den Weltfrieden bringen, wenn alle sie spielen würden.

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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