Kolumne

Morgen dann, ganz sicher!

Von: Reda El Arbi, 3. September 2015

 

Ich bin ein vielbeschäftigter Mensch, ehrlich. Dauernd muss ich die Welt retten, tausend wichtige Dinge tun, und ich habe ständig zu wenig Zeit. Wie wir alle.

 

Das führt dazu, dass ich Dinge, die eine geringere Priorität aufweisen, meist verschiebe. Auf morgen. Oder übermorgen. Oder nächste Woche, aber dann ganz sicher. Diese Strategie hat einen Namen: Prokrastination. Hört sich widerlich an, nicht? Aber wir leiden ja alle darunter.

 

Da ich hauptberuflich im Internet rumsurfe, sehe ich auch dort tausend Fundstücke, die ich ganz bestimmt noch lesen, anschauen oder weiterempfehlen will. Hintergrundreportagen über den Kaffeeanbau in Island oder diese geilen MacGiver-Lifehacks, die mir zeigen, wie ich aus einer Gurke, zwei Büroklammern und einer halben PET-Flasche ein Bügeleisen bauen kann. Und natürlich komm ich nie dazu, und wenn ich wieder auf den Link stosse, hab ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn noch nicht gelesen oder umgesetzt hab. Wie bei allen Dingen, die ich in die Zukunft verschiebe und dort dann versuche, ihnen möglichst auszuweichen.

Das Grossartigste an Pinterest ist die Befriedigung, dass meine Freunde genau gleich viele aufgeschobene Projekte haben wie ich.

Nun, für die Onlinefunde gibt’s im Web 2.0 eine grossartige Lösung: Pinterest. Eine Social-Media-Plattform, auf die ich alle Dinge, die ich irgendwie später nochmals anschauen will, hinlegen kann. Ein Fass ohne Boden, das ich mit guten Vorsätzen und ungelesenen Posts fülle.

 

Ich pinne den Link einfach auf mein Pinterest-Anschlagbrett und weiss, wo er ist. Und ich muss ihn nie mehr anschauen, weil ich ihn ja finde, sollte ich ihn dann mal brauchen. Was natürlich nie geschieht.

 

Das Grossartigste an Pinterest ist aber die zutiefst demokratische Befriedigung, wenn man auf die Accounts seiner Freunde geht und sieht, dass die genau gleich viele aufgeschobene Projekte haben, die gleichen Mengen an ungeheuer intelligenten und interessanten, aber ungelesenen Posts und Artikeln wie ich.

 

Es ist beruhigend, dass es irgendwo auf der Welt einen Server gibt, der alle Vorsätze und nicht so dringenden guten Ideen sammelt und aufbewahrt. Man liest zwar die eigenen, liebevoll beiseitegepinnten Inhalte nicht mehr (also schon, aber vielleicht morgen oder am Wochenende, wenn man Zeit hat), aber sie sind nicht verloren, sie fallen nicht der Vergessenheit anheim. Sie sind gespeichert!

 

Das Ritual, der Klick, mit dem man diese Ideen und Inhalte festpinnt, ist ungeheuer befreiend.

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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