Kolumne

«Hä? Festnetztelefon?»

Reda El Arbi, 24. März 2016

«Was ist das?», fragt der 7-jährige Sohn eines Bekannten, als er mit unserem Festnetztelefon aus dem Schlafzimmer kommt.

 

«Das ist ein Telefon», antworte ich. Er schaut mich zweifelnd an. «Das hat keinen Tätschscriin und keine Spiele-Äpps», stellt er fest. Ich setze mich hin und erkläre ihm, dass dies ein Telefon für zuhause ist, dass man damit nur telefoniert. Er hört zu und schaut das Plastikteil in seiner kleinen Hand an.

«Wie ein Eifon, aber es funktioniert nur zuhause und hat kein Internetz und keine Spiele drin.»

Jetzt schaue auch ich unser Festnetztelefon an. Ja, wie ein Handy, nur ohne irgendwelche sonstigen Sachen, die ich grundsätzlich von einem Telefon erwarte. Und für die ich alle zwei Jahre begeistert ein Vermögen für die neueste Version ausgebe.

«Niemand kennt die Nummer meines Festnetzanschlusses. Nicht mal ich.»

Ich weiss eigentlich nicht, wozu ich dieses Gerät noch besitze. Es sitzt jahrein, jahraus auf seiner Ladestation und wartet deprimiert auf einen Anruf. Der nicht kommen wird, da niemand die Nummer dieses Anschlusses kennt. Nicht mal ich. Die Nummer meines Festnetzanschlusses könnte ich nur dann herausfinden, wenn dieses veraltete Teil seinen Enkel in meiner Tasche anriefe – und ich so am Display ablesen könnte, wie denn meine Telefonnummer von zuhause lautet. Ich lasse es bleiben.

In meinem Umfeld siehts nicht anders aus. Die jüngeren unter meinen Kollegen haben zwar mit ihrem Internetpaket irgendwo noch zehn Franken für einen Festnetzanschluss bezahlt, haben aber physisch kein Gerät mehr drangehängt. Die älteren haben, wie ich, noch ein Festnetztelefon, können sich aber kaum daran erinnern, wo das Gerät in der Wohnung zu finden wäre.

«Wenn ich mein Handy in der Wohnung verlegt habe, ist das Festnetz die letzte Möglichkeit, es wieder zu finden.»

Für uns ist es eine Art Nostalgie. Wir wuchsen mit Telefonen auf, die noch per Kabel an die Station gefesselt waren, deren Nummern erst mit Wählscheiben, dann mit Tasten eingegeben werden mussten und die nicht in der Hosentasche schrillten, sondern so laut eingestellt waren, dass man die Klingel durchs ganze Haus hören konnte. Ein Festnetztelefon gehört einfach zum Neubezug einer Wohnung. Das ist wie fliessend Wasser, Strom und eine Küche. Basisausrüstung, die sich im Falle des Telefons schon lange selbst überholt hat.

Noch vor fünf oder sechs Jahren benutzte ich das Festnetz für Auslandanrufe, da diese übers Handy einfach zu teuer waren. Inzwischen habe ich Skype und Facetime auf dem Smartphone und telefoniere übers Internet.

«Meine Handynummer ist übrigens die einzige Nummer, die jemals von diesem Gerät aus gewählt wurde.»

Ich habe mir mein altes Nur-Telefon mal genauer angesehen, und ich komme mir vor wie ein Programmierer, der vor einer mechanischen Enigma-Chiffriermaschine aus dem Zweiten Weltkrieg steht. Ich weiss, dass man auf diesem Gerät Nummern speichern kann, aber die Zeichen auf den Tasten sind für mich kyrillisch. Ich finde heraus, welches die Wahlwiederholungstaste ist, und schaue mir die letzte gewählte Nummer an.

Und plötzlich weiss ich wieder, wozu ich ein Festnetztelefon habe. Wenn ich nämlich mein Handy in der Wohnung verlegt habe, ist das Festnetz die letzte Möglichkeit, es wieder zu finden. Wenn ich mich selbst anrufe, kann ich dem Klingeln folgen und finde mein Smartphone wieder. Meine Handynummer ist übrigens die einzige Nummer, die jemals von diesem Gerät aus gewählt wurde.

 

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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