Kolumne

Big Brother wacht – überall und jederzeit

Reda El Arbi, 3. Dezember 2015

Nach den Anschlägen von Paris rufen diverse Sicherheitspolitiker auch in der Schweiz nach verstärkter digitaler Überwachung. Und nach den Anschlägen in Paris kann man das dem Bürger auch ganz gut verkaufen.
 
Viele Schweizer sind bereit, für ihre «Sicherheit» auf ein wenig Freiheit zu verzichten. Meist wissen sie aber nicht, worum es sich bei der «erweiterten Kabelaufklärung» handelt. Die meisten stellen sich vor, dass ihre E-Mails unterwegs abgefangen und mitgelesen werden können. Oder dass man per Mobilanbieter nachvollziehen kann, wer wann wo war und mit wem er telefoniert hat. Das ist aber nur eine Ebene, und das alles kann man bereits jetzt.

Wenn Sie Ihre Bankaufträge erledigen, online einkaufen, unanständige Filmchen schauen, wird das 1:1 mitverfolgt und aufgezeichnet.

Neu sollen Trojaner eingesetzt werden dürfen. Das sind Programme, die direkt auf dem Handy und dem Laptop mitlesen. Das heisst, wenn Sie Ihre Bankaufträge erledigen, online einkaufen, unanständige Filmchen schauen, wird das 1:1 mitverfolgt und aufgezeichnet. Daraus ergibt sich ein ziemlich klares Bild Ihrer Person, Ihrer Gewohnheiten, Ihrer politischen Ausrichtung, Ihrer Vorlieben. Sie können Ihre Daten nicht mit einer Verschlüsselung sichern, da die Überwacher bereits vor der Verschlüsselung Zugriff auf die Informationen haben. Sie sitzen wortwörtlich in Ihrem Handy oder Laptop, können Kamera und Mikrofon steuern. Es ist die weitestgehende Überwachungsmöglichkeit seit Erfindung der Schrift.
 
Wenn man bedenkt, dass wir Handy und Laptop inzwischen als eine Art externen Speicher fürs Hirn benutzen, wird sogar das alte Schullied «Die Gedanken sind frei ...» zur Farce. 

Sie sitzen wortwörtlich in Ihrem Handy oder Laptop, können Kamera und Mikrofon steuern.

Das ist aber nicht das Einzige, was Trojaner können. Über die Schadsoftware können Fremde ohne Spuren Daten auf Ihren Geräten manipulieren. Das heisst, man könnte ohne Probleme Kinderpornografie oder Bombenbau-Anleitungen auf Ihren Laptop laden, ohne dass Sie je beweisen könnten, dass Sie nichts damit zu tun haben.  
 
Trojaner sind eine Waffe im Arsenal der Staatsschützer, und natürlich soll sie nur in schwerwiegenden Verdachtsfällen eingesetzt werden. Und sie soll niemals aggressiv – also zur Datenänderung – benutzt werden. 

In der Schweiz wurden solche Trojaner bereits von der Zürcher Kantonspolizei eingesetzt.

Nun, das ist so, als ob man Personen durch ein Zielfernrohr eines Gewehrs beobachten würde. Natürlich will man nur schauen, aber früher oder später wird jemand abdrücken. Das liegt nicht an der Software, sondern am Menschen. Wenn man etwas machen kann, wird es irgendwann von irgendwem auch gemacht. Und bei jedem Gerichtsverfahren, dessen Beweisführung auf Überwachungssoftware gründet, wäre der Zweifel der Manipulation gleich immanent.
 
In der Schweiz wurden solche Trojaner bereits von der Zürcher Kantonspolizei eingesetzt. Und das aufgrund einer Interpretation eines Gesetzes aus den 90ern. Aus einer Zeit also, als man sich die Möglichkeiten von Überwachungstrojanern oder nur schon von alltäglichen Handys noch nicht einmal vorstellen konnte. Das ist in etwa so, als ob man den heutigen Personenverkehr anhand der Gesetzgebung für Pferdedroschken regeln würde.
 
Es braucht also dringend eine neue Gesetzgebung. Aber vielleicht sollten die Schweizer Bürger sich überlegen, wie weit sie ihrem Staat die Überwachungsmöglichkeiten freigeben sollen. Viele von uns waren schon mal Opfer missbräuchlicher, unrechtmässiger Überwachung, damals beim Fichenskandal. Das sollte nicht vergessen werden, vor allem wenn man bedenkt, wie viel weiter heute die Möglichkeiten reichen.  
 
Demokratie ist ein sensibles Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheit. In Frankreich sind diese Überwachungsmöglichkeiten übrigens bereits weitestgehend umgesetzt. Die Anschläge haben sie nicht verhindern können.

 

 

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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