Kolumne

«Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!»

Reda El Arbi, 27. August 2015

Heute geht’s für einmal nicht um einen einzelnen Post, sondern um eine inflationäre Tendenz zur illustrierten, philosophischen Banalität in den sozialen Medien. Haben Sie den eingangs erwähnten Satz auch schon gelesen? Mit Schnörkelschrift auf das Bild eines Sonnenuntergangs gemalt? Als Facebook-Post am Sonntagmorgen? Einmal? Zweimal? Wöchentlich? Täglich?

 

Der Satz hatte im Herbst 1968 auf einen regenbogenfarbenen Batikschal gestickt durchaus eine berührende Wirkung. Sogar meiner reaktionären Grossmutter wäre damals bei so viel Pathos das Herz aufgegangen. Aber niemand erträgt den Satz, mit visuellem Kitsch imprägniert, noch ein einziges Mal in seinem Facebook-Feed. Nicht, ohne dem Absender grauenhafte Albträume zu wünschen, die derjenige dann gerne leben darf.

 

Auch «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar» ist ein Satz, der damals eingebettet in die Dialoge von «Le petit prince» ohne Zweifel seine herzige Wirkung entfalten konnte. Jetzt kommt er wie ein Diabetes auslösender Zuckerguss aus nichtssagendem Geschwafel auf einem noch banaleren Bild daher.

 

Der niederschwellige Zugang zu Bildbearbeitungssoftware und Zitate-Wikis nehmen auch dem romantischsten Spruch und der tiefsten Wahrheit die ihnen innewohnende Wirkung und wandeln sie in eine an Beliebigkeit nicht zu überbietende Aneinanderreihung von verschnörkelten Buchstaben.

 

Dagegen sind die allgegenwärtigen Zitate des Dalai Lama gerade noch inspirierend, auch wenn die meisten erfunden sind oder von irgendeinem 12-jährigen Backfisch stammen. Man kann sich ausrechnen, dass der Heilige Mann, hätte er all die ihm zugeschriebenen Sätze von bewegender Oberflächlichkeit gesagt, mindestens drei Inkarnationen lang nonstop von Zuckersäckchen und Kalenderblättern hätte ablesen müssen.

Hätte der Dalai Lama all die ihm zugeschriebenen Sätze gesagt, hätte er mindestens drei Inkarnationen lang nonstop Zuckersäckchen und Kalenderblätter vorlesen müssen.

Eine andere Zitatenleiche ist Paulo Coelho. Natürlich fand ich seine Weisheiten schon im Original nur für sehr einfache Gemüter wegweisend, aber das ist nur meine Meinung. Diesen als spirituelle Orientierung verbrämten Allgemeinplätzen aber täglich in Kombination mit (wahlweise) kleinen Büsis, Hündchen, Sonnenuntergängen, traurigen Kindern oder sonst irgendeinem berührenden Motiv begegnen zu müssen, ist nicht herz-, sondern hirnerweichend.

 

Wir leben im Zeitalter, in dem jedem eine eigene, virtuelle Bühne zur Verfügung steht. Warum sie also nicht für die eigenen Gedanken nutzen? Ich persönlich lese lieber einen Satz, den die postende Person selbst gedacht hat, auch wenn er nicht perfekt formuliert und vor allem nicht zuckergussartig illustriert ist. Oder aber ein Zitat, das mich wirklich zum Nachdenken bringt:

 

 

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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