Kolumne

Das virtuelle Meeting

Reda El Arbi, 6. Oktober 2015

«Hallo, hallo? … Krrk … Hört mich jemand?» – Nein, wir sind nicht in einer Hochseerettungszentrale während eines Sturmtiefs über dem Atlantik, wir nehmen an einem Meeting aus Smartworkern und digitalen Nomaden teil. Drei Personen sitzen im Raum, weitere drei nehmen über Videokonferenz auf dem Laptop teil. Wir hören den virtuellen Teilnehmer Nummer 1. Wir hören ihn sehr gut, wir hören auch seine zwei Mitarbeiter (die Chips aus der Tüte futtern), und wir hören auch die Kaffeemaschine in seinem Nachbarbüro. Sein Laptop verfügt über ein beeindruckendes Mikrofon. Aber das können wir ihm leider nicht mitteilen, da offenbar unser Mikro nicht für die Konferenz-Software konfiguriert ist. 

 

Wir wechseln den Laptop und sitzen ganz nahe beieinander, um mit vorgereckten Köpfen den Teil des Rechners anzuschreien, in dem wir das Mikro vermuten. Auch Teilnehmer 1 denkt sich, wenn er lauter schreit, könne er uns besser hören. Das funktioniert nicht. Was wir ihm natürlich nicht mitteilen können, da auch dieser Laptop mit der Videokonferenz-Software seine Differenzen hat. Ein Fenster poppt auf, das Bild des virtuellen Teilnehmers 2 erscheint. Er hört kurz hin, lächelt überrascht, zeigt uns einen erhobenen Daumen und meint begeistert: «Kna krrz pppftt, za kkrkrk wa bbrrt pfü!» Offenbar kann er uns hören, wir ihn aber nur rudimentär.

Jetzt, über zwei Handys im Lautsprechermodus, haben wir den Ton, über den Laptop kommt das Bild.

Wir lehnen uns zurück und überlegen, ob Teilnehmer 2 dem Teilnehmer 1 mitteilen könnte, was wir ihm sagen, und Teilnehmer 1 uns dann die Antworten von Teilnehmer 2 übermitteln kann. Das erscheint uns dann aber zu kompliziert. Wir rufen über zwei Handys Teilnehmer 1 und 2 an und schalten den Ton am Laptop ab. Jetzt, über zwei Handys im Lautsprechermodus, haben wir den Ton, über den Laptop kommt das Bild. Es wirkt wie ein tschechischer Film, der in Kuba billig auf Deutsch synchronisiert wurde. Kurz frage ich mich, wozu wir Bild brauchen, aber es funktioniert, also mäkle ich nicht daran herum.

 

Teilnehmer 3 schaltet sich ein und erscheint mit schwarzem Videofenster. Hören tun wir ihn auch nicht. Es dauert drei Minuten, bis wir merken, dass wir den Ton am Laptop abgeschaltet haben. «Krnz fr au chr pfsssst!», sagt Teilnehmer 2 laut über den wieder audioaktiven Laptop. Wir schalten den Ton gleich wieder aus, und das letzte freie Handy klingelt. Es ist Teilnehmer 3, der froh ist, auch noch am Meeting teilnehmen zu können. Wir schalten ihn auf Handylautsprecher und beruhigen ihn, er habe noch nichts verpasst.

Inzwischen können alle alle hören, wenn wir die Handys in der Tischmitte anschreien, und ein Teil der Gruppe sieht sogar einen Teil der anderen.

So, inzwischen können alle alle hören, wenn wir die Handys in der Tischmitte anschreien, und ein Teil der Gruppe sieht sogar einen Teil der anderen. Die genauen Sichtverhältnisse sind kompliziert. Teilnehmer 3 will uns seine Präsentation zeigen und benutzt eine alternative Konferenz-Software, um uns das Dokument auf dem Bildschirm zu zeigen. Zur besseren Sichtbarkeit schliessen wir die Multimedia-Anlage des Meetingraums an den Laptop an. «KRA KRK KRAA PFFFT», brettert Teilnehmer 2 aus den sechs Boxen der Surroundanlage. Was wir wegen der pfeifenden Rückkopplung von Teilnehmer 1 nicht hören können. Panisch suchen wir die Audiosteuerung, um den Ton wieder abzudrehen.

 

Der grosse Monitor an der Wand bleibt dunkel. Wir wechseln den Laptop, um dem HDMI-Anschluss der Multimedia-Anlage gerecht zu werden. Jetzt sehen wir die Präsentation. Teilnehmer 3 erklärt uns, was wir sehen, aus dem Handylautsprecher. Wir legen die Handys nahe nebeneinander auf den Tisch, damit die anderen virtuellen Teilnehmer übers Smartphone den Lautsprecherkommentar auch mitbekommen.

 

Leider haben wir nur noch fünf Minuten für das Meeting, sodass wir uns nur durch die ersten drei Folien arbeiten können. Wir stehen auf, verabschieden uns und machen uns wieder an die Arbeit. Den restlichen Tag verbringen wir mit dem Schreiben von je 16 Rundmails, um uns zu versichern, dass wir an der Sitzung wirklich alles richtig verstanden haben.

 

Wer immer den Begriff «smart work» geprägt hat, machte das ganz alleine, ganz ohne virtuelles Gruppenmeeting.

 

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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