Kolumne

Zum Glück keine Brüste!

Von Reda El Arbi, 16. September 2015

 

 

Ich finde ja die Facebook-Regeln, was «unerwünschte» Inhalte angeht, auch unausgeglichen. Man kann die schlimmsten Hasskommentare schreiben, ohne dass man damit gegen Community-Regeln verstösst, aber wehe, man postet ein Bild von einem Nippel oder deinem nackten Hintern! Damit kann man sich die Sperrung des Accounts zuziehen und wird als Veröffentlicher von pornographischen Inhalten gelistet.

 

Das ist natürlich der US-amerikanischen Prüderie geschuldet, einer Nation, in der ein Sechsjähriger bereits mehr Tote als Brüste im TV gesehen hat. Für einige meiner Freunde, meist Fotografen und andere Künstler, ist das ziemlich nervig, müssen sie doch ihre Werke mit kleinen schwarzen Balken auf den allfälligen Nippeln zensieren.

Bei Selfies von Freunden mit «unten ohne» schützt die Zensur von Facebook die Männer und Frauen vor allem vor sich selbst.

Aber! Auf der anderen Seite bin ich ganz froh, dass Facebook bei fehlenden Textilien einschreitet. Nicht um mein sittliches Empfinden zu verteidigen, sondern in erster Linie, um Menschen vor sich selbst zu schützen. Menschen, die den breiten Graben zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung eben nicht wahrnehmen.

 

Unter meinen 5000 Facebook-Freunden sind eine ganze Menge, männliche wie weibliche, die für ihre Profilbilder gerne in den unmöglichsten «erotischen» Stellungen posen. Sixpack und Ausschnitt sind immer im Zentrum der Aufnahme. Es gibt jede Menge «Duckfaces», gespitzte Kusslippen, laszive Bikinibilder, «sexy» Spitzenunterwäsche und angespannte Muskeln.

 

Die meisten dieser Posen und Bilder sind peinlich, nicht anziehend. Man möchte diese Menschen beiseitenehmen und ihnen möglichst schonend, ohne ihre Gefühle zu verletzen, beibringen, dass sie sich gerade zur Lachnummer machen. Aber die Schwelle dafür ist zu hoch, die Peinlichkeit nicht ohne Peinlichkeit zu vermitteln.

 

Und jetzt stelle man sich vor, diese Menschen dürften sich noch ihrer Textilien entledigen. Ihr seht, was ich meine?

 

Nein, ich bin wirklich gar nicht so unglücklich, dass Facebook diese Leute ungewollt vor sich selbst beschützt. Immerhin haben sie ja noch die Möglichkeit, ihre erotischen Selfies per WhatsApp oder SMS zu verschicken.

 

Und mit ein bisschen Glück landen die ja dann doch noch irgendwo im Web.

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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