Kolumne

Auslaufmodell TV-Star?

 

Stefan Nünlist, 2. Oktober 2015

Vor 25 Jahren hatte der damalige RTL-Chef Helmut Thoma eine revolutionäre Idee. Statt das Programm wie bis dahin üblich möglichst abwechslungsreich zu durchmischen, setzte er auf sogenannte Strecken. Will heissen: Jeder Abend war einer anderen Zielgruppe gewidmet, und die sollte möglichst lange am Schirm und auf dem gleichen Sender gehalten werden. Diese Idee setzte sich durch. Damit begann auch die goldene Zeit des Zappings: Man switchte umher, blieb irgendwo hängen und wurde vom Sender verführt, dranzubleiben. Die einzelne Sendung verlor damit an Bedeutung, gefragt waren geschickte Programmplaner.

 

Mitte September haben wir dieses Zeitalter beendet. Am Abend nach der Präsentation des neuen Swisscom TV 2.0 wurde mir das so richtig bewusst. Es gäbe zu diesem Update viel zu sagen: Sprachsteuerung, 4K, Gaming, Serien direkt aus den USA – aber die wohl grösste Revolution ist die leiseste von allen. Ein neuer «Replay-Guide» auf der Benutzeroberfläche. Der stellt mir die besten Sendungen der letzten sieben Tage bereit. Schön gruppiert nach Rubriken. Ich will eine Doku? Aus dem Bereich Natur? Kein Problem: Ein Knopfdruck – und schon zeigt mir Swisscom TV 2.0, was alles gelaufen ist und für mich präventiv aufgezeichnet wurde. Nach 25 Jahren also steht nun wieder die Sendung im Vordergrund und nicht mehr der Sender.

25 Jahre nach der Revolution durch Thoma geht auch der September 2015 in die TV-Geschichte ein.

Wir kennen dieses Prinzip von Plattformen wie Youtube oder Netflix. So wunderts denn auch nicht, dass man auf Youtube keine Stars mehr antrifft wie Günther Jauch – Quizmaster, Sportmoderator, Polittalker in einem. Nein, PewDiePie, Y-Titty, LeFloid & Co. sind alle untrennbar mit ihrem Format verbunden. Sie sind Köpfe und Kanal in einem. Sie können nicht darauf zählen, dass einer mal durchzappt und aus Langeweile hängen bleibt. Sie leben davon, dass man sie ganz bewusst anklickt. Youtube unterstützt sie dabei, indem man Innovation fördert. Man stellt ihnen zum Beispiel sogenannte Creator Spaces zur Verfügung, Produktionszentren, in denen sie die nötige technische Unterstützung erhalten, damit sie ihre Ideen auch umsetzen können.

 

Und das Fernsehen? Supertalent, 9. Staffel. Superstar, 11. Staffel. Wer wird Millionär?, 36. Staffel. Natürlich das alles in mehreren Ländern, auf mehreren Sendern. Das ist das Vermächtnis von Thomas Idee: Wir befinden uns in einer nicht enden wollenden Ideen-Wiederholungsschlaufe, multipliziert bis zum Gehtnichtmehr, kostenneutral endlos wiederholbar. Aber eben: Für weit über eine Million Schweizer Haushaltungen ist das nun vorbei.

 

Zwar gibt es Swisscom TV 2.0 in unseren Nachbarländern noch nicht in dieser Ausprägung – aber es wird sicher kommen. Und spätestens wenn in Deutschland eine vergleichbare Funktion mit einer ähnlich grossen Reichweite ausgerollt wird, ist die Ära des Zappings endgültig vorbei. Die Sendermarke rückt in den Hintergrund, die Bedeutung der einzelnen Sendung steigt wieder. Dann wird ein goldenes Zeitalter anbrechen, neue Kreativität wird gefragt sein, eine neue Chance für wirklich innovative, kreative Köpfe. Und es würde mich nicht überraschen, wenn es die heutigen Youtube-Selfbroadcaster wären, die dannzumal die neuen grossen TV-Events prägen würden. Die Frage lautet daher nicht, wann Youtube zum Fernsehsender wird. Die Frage, die ich mir heute stelle, ist: Wann wird das Fernsehen zu Youtube? Vielleicht gar zu einem schweizerischen Youtube? 

 

Stefan Nünlist

Leitet die Unternehmenskom­munikation von Swisscom und reflektiert in seiner Kolumne den Alltag eines Topmanagers.

 

Diskutieren Sie mit

 

Zappen Sie noch oder schauen Sie schon Fernsehen 2.0?

 

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.