Digitaler Fortschritt

Werden wir allmächtig?

Das neue digitale Zeitalter eröffnet uns unglaublich viele Möglichkeiten. Möglichkeiten, von denen Menschen bisher nur träumen konnten. Ein exponentieller Fortschritt, dessen Entwicklung schwierig vorhersehbar ist.

Christian Petit (Text), Nadia Schweizer (Fotos), 22. Oktober 2015

Exponentieller Fortschritt ist in der Menschheitsgeschichte nichts Neues. Bereits in der ersten industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts – symbolisiert durch die Dampfmaschinen – durften wir ihn erleben. Plötzlich verfügten Menschen über eine Kraft, die sie von der Leistung der eigenen Muskeln und der von Tieren löste. Vieles wurde auf einmal möglich, das vorher unvorstellbar war. Doch die Entwicklung ging weiter: Rund hundert Jahre später durchstachen beispielsweise Schweizer Pioniere unsere Alpen und veränderten damit massgeblich unseren Verkehr und die Reisezeiten.

 

 

Intelligente Maschinen

 

Nach vielen Zwischenschritten sind wir nun bei der vierten industriellen Revolution angelangt, der des Internets. Information ist heute so schnell und einfach verfügbar wie nie zuvor. Maschinen kommunizieren nicht nur untereinander, sondern auch die Grenze zwischen Menschen und Computern verblasst zunehmend. Heute tragen wir unser Smartphone noch in der Tasche, in Zukunft werden Informationen eher auf eine Brille oder sogar eine Kontaktlinse projiziert. Forscher schätzen, dass ein herkömmlicher Computer in rund zehn Jahren gleich intelligent wie ein menschliches Gehirn sein wird.

«Ist Künstliche Intelligenz der Schlüssel zu Problemen wie Hunger oder Klimawandel?»

Vor 200 Jahren haben wir uns von den Grenzen unserer Muskelkraft gelöst, bald werden wir uns von den Grenzen unserer Hirnleistung lösen. Doch was bedeutet das? Ist künstliche Intelligenz der Schlüssel zu Problemen wie Hunger oder Klimawandel? Dürfen wir mehr Freizeit geniessen, da wiederkehrende Aufgaben an lernende Maschinen delegiert werden? Wird der Strassenverkehr in Zukunft sicherer sein, da Autos autonom fahren? Werden wir unser Leben dank neuen medizinischen Möglichkeiten um ein Vielfaches verlängern? Kommen wir sogar unserem «Traum», der Unsterblichkeit, näher? Und was werden diese Errungenschaften für unsere Welt, unsere Gesellschaft und unsere Lebensphilosophie bedeuten? Wie werden sich Infrastruktur, Pensionskassen, Arbeitswelten, Beziehungen oder auch der Glaube verändern?

 

 

Grenzen setzen

 

Mit jeder Art von Fortschritt stellt sich die Frage, was wir aus ihm machen, welchen Nutzen jeder persönlich daraus zieht und wie wir als Menschheit mit dem Fortschritt umgehen. Werden wir fähig sein, ihm Grenzen zu setzen? Ich persönlich glaube nicht daran.

«Was geschieht, wenn diese Technologien in falsche Hände geraten?»

Die Geschichte zeigt: Immer, wenn eine neue Kraft entdeckt wurde, haben wir sie maximal genutzt. Aber was geschieht, wenn diese Technologien in falsche Hände geraten? Wie können wir die Sicherheit aller Menschen garantieren? Das sind Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt.

 

Für mich wird das 21. Jahrhundert deshalb das Jahrhundert der Ethik sein. Je schneller der Fortschritt sein wird – und exponentieller Fortschritt ist das Markenzeichen der Digitalisierung –, desto dringender müssen ethische Fragen adressiert werden. Unsere Welt wird ein Spiegelbild unserer Ethik sein, von der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und unserer persönlichen Ethik. Wie wir diese Ethik definieren wollen, weiss ich selbst genauso wenig wie alle andern. Ich weiss nur, dass die technischen Möglichkeiten morgen da sein werden und dass wir uns deshalb schon heute Gedanken über die Konsequenzen machen müssen.

 

Über den Autor:

Christian Petit ist Leiter Enterprise Customers bei Swisscom.

 

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