Kolumne

Ein Spiel vom anderen Leben

Leyla Feiner, 14. Oktober 2015

Spieleentwickler – das sind für mich richtige Stars. Einige von ihnen erreichen sogar Kultstatus in der Szene, Insider erwähnen die Namen der Studios mit wissendem Unterton. Umso härter traf es mich, als eines dieser kultigen Entwicklerstudios plötzlich dichtmachte. Tale of Tales war pleitegegangen! Ich war frustriert. Obwohl ich – ich gebe es zu – noch gar nie ein Spiel von diesen Entwicklern gespielt hatte. In der Szene war es ein Geheimtipp. Das musste vorerst reichen.

Das neuste Spiel, «Sunset», war ein Flop und trieb Tale of Tales in den Konkurs. «Letzte Chance», dachte ich mir und kaufte das Spiel. Einige Tage später wusste ich, warum die Firma pleitegegangen war – und hatte trotzdem ganz wunderbare und nachdenkliche Stunden vor dem PC verbracht.

Als ich die Wohnung zum ersten Mal betrete, steht sie leer.

Im Game spiele ich Angela Barnes, eine junge Frau, die sich als Putzfrau des reichen Kunstmäzens Gabriel Ortega durchschlagen muss. Anchuria, ein fiktives südamerikanisches Land, steckt mitten in einem brutalen Putsch. Ich spiele: Als ich Ortegas Wohnung zum ersten Mal betrete, steht sie noch leer. Überall stapeln sich Umzugskisten, jede mit der Option, sie auszupacken. Ich lasse das erst mal sein. Es wäre doch unanständig, einfach Herrn Ortegas Haus für ihn einzurichten, oder? Schliesslich siegt meine Neugier. Es ist ja nur ein Computerspiel. Ich packe einen roten Plastikstuhl aus.

Gabriel Ortegas Wohnung hat einen riesigen Balkon, einen Wintergarten, einen Teich im Atrium. Angela macht aus ihrer Abneigung gegen jemanden, der so reich ist, keinen Hehl. Ortega könnte einfach das Land verlassen, warten, bis der brutale Putsch vorbei ist. Angela dagegen ist als eine Frau der Unterschicht hier gefangen.


Im Laufe des Spiels erfahre ich, dass Angelas Bruder der Anführer einer Rebellengruppe ist. Ich entscheide mich, Ortegas geheime Daten für ihn zu stehlen, und frage mich, ob Ortega mir seine Geheimnisse vielleicht absichtlich unter die Augen kommen lässt.

Vor allem aber wandere ich in der virtuellen Wohnung herum und suche Dinge, die sich seit dem letzten Tag verändert haben. Die auf Zetteln geschriebenen Anweisungen für den Tag sind schnell erledigt und ziemlich unputzfrauenhaft. Ich will mich ja nicht beklagen, aber dieser Mann bezahlt mich, um ihm den Aschenbecher zu leeren und dann ein Mixtape aufzunehmen? Vielleicht steht er einfach nur darauf, mit fremden Frauen über die in der Wohnung verstreuten Post-its zu flirten? Ich flirte natürlich zurück.

In der Loft herrscht absolute Stille. Nur wenn ich ganz nah ans Fenster trete, höre ich Bomben, aufgeregte Helikopter und Geschrei – die Geräusche des gnadenlosen Kampfs um die Macht in Anchuria. An meinen Lieblingstagen ist Ortegas Musikanlage zugänglich, und die melancholische lateinamerikanische Musik, die aus ihr erklingt, ist vielleicht der beste Teil des Spiels. Sie füllt die Wohnung mit menschlicher Wärme. Ich setze mich auf einen virtuellen Sessel und fange an, nachzudenken.

Meine eigene Familiengeschichte ist plötzlich sehr präsent: Wüsste ich, wie man eine Aufenthaltsbewilligung bekommt?

Angela Barnes ist meine Spielfigur, aber als jemand, der instabile Verhältnisse und Krieg nur aus der Zeitung kennt, kann ich ihre Situation nicht so richtig nachvollziehen. Warum flieht Ortega nicht? Und nimmt er Angela mit? Er mag sie ganz offensichtlich.

Meine eigene Familiengeschichte ist plötzlich sehr präsent: Mein Vater floh vor einem brutalen Militärputsch und verbrachte sein Leben in einem anderen Land, wohin es ihn durch Zufall und Pragmatik verschlug. Er wollte immer zurück, bis zum heutigen Tag, obwohl unser Volk noch immer gewaltsam unterdrückt wird. Es ist sein Zuhause.


Ich kann den fiktiven Ortega nicht verurteilen, weil er diesen Weg nicht gehen will. Wie viel würde ich ertragen, nur um meine Familie und meine Freunde nicht verlassen zu müssen? Ich bekomme Angst. Wüsste ich überhaupt, wie man in einem anderen Land eine Aufenthaltsbewilligung bekäme?


«Sunset» vermittelt in manchen Momenten Verständnis für die Situation der Charaktere, aber eine unüberwindbare Distanz bleibt immer. Nur über meine eigene Geschichte kann ich auch emotional einen Zugang zu Angela finden. «Sunset» fühlt sich wie die Beta-Version eines wirklich grossartigen Spiels an; zu vieles bleibt Stückwerk, zu vieles ist nicht zu Ende gedacht. Ich habe das Spiel noch nicht einmal fertig gespielt. Trotzdem bin ich froh, dass ich es gekauft habe. Es bot eine gute Plattform, um in einem virtuellen Raum zu sitzen, Musik zu hören und über das Weltgeschehen nachzudenken.

 

Mitten im Leben

Leyla Feiner wollte eigentlich Indogermanisch studieren. Jetzt lernt sie Mediamatikerin bei Swisscom. Sie berichtet über ihre digitale Freizeit und ihr Arbeitsleben bei Swisscom.

 

Diskutieren Sie mit

 

Bei welchem Spiel hatten Sie das Gefühl: das ist ja so real wie das Leben?

 

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.