Kolumne: Bernhard Imboden

Festmahl oder Fast Food?

Bernhard Imboden erinnert sich an die guten alten Zeiten, als man Radio gehört und seine Lieblingssongs auf Kassetten aufgenommen hat.

Bernhard Imboden, 28. Dezember 2016

1985

 

Aufgewachsen bin ich in Zermatt. Während die Familie beim Mittagessen sass, lief im Hintergrund das Lokalradio «Matterhorn». Unverhofft ertönte zwischen dem Gelabber ein Hammer-Song. Ich musste dieses Lied haben! Jeder Herzschlag wurde zu einem «Bitte». «Bitte, lieber Moderator, bitte. Bitte nenne am Ende des Liedes bitte den Titel und den Interpreten. Bitte!»


Natürlich tat er es nicht. Was also tun? Erster Gedanke: Wunschkonzert. Ich antizipierte den Titel: «Dance into the fire». Sicher war ich mir indes nicht. Keinesfalls wollte ich mich blamieren. So wie eine ältere Dame, die sich einst den Titel «Hallo Eugen» gewünscht hatte. Totale Ratlosigkeit beim Moderator und in der Musikredaktion. Später stellte sich heraus, dass sie Howard Carpendales «Hello again» gemeint hat.

 

Zweiter Gedanke: mich überwinden und beim Radiosender anrufen. Dort brachte ich in Erfahrung, dass der Song «A view to a kill» hiess, von Duran Duran stammt und Titelsong des neuen James Bond-Films war.

Hoffen und bangen: Reicht die Zeit noch aus bis zu den Nachrichten? Natürlich tat sie das nicht.

Für das nächste Wunschkonzert reichte ich den Song ein. So sass ich im Schneidersitz auf dem Boden meines Zimmers und wartete. Vor mir mein knallrotes Kassettengerät. Zwei Finger im Anschlag, um Play und Record gleichzeitig zu drücken, damit die Aufnahme startet. Dann endlich: Als letzten Titel spielten sie meinen. Hoffen und bangen: Reicht die Zeit noch aus bis zu den Nachrichten? Natürlich tat sie das nicht. Mit dem 18-Uhr-Gong wurde der Song richtiggehend abgewürgt. Die Aufnahme war im Arsch.


Gut, dann kaufe ich mir eben die Single. Taschengeld zusammenkratzen und ab in den Plattenladen. «Müssen wir bestellen, dauert 2-3 Tage.» Das Warten wurde zur Tortur. Ab dem zweiten Tag musste ich den Laden gar nicht mehr betreten. Das Kopfschütteln des Verkäufers durch das Schaufenster reichte aus, um meinen Traum ins Exil zu schicken. Bis die Scheibe endlich auf meinem Plattenteller lag, verging fast eine Woche. Mit chirurgischer Präzision setzte ich die Nadel des Plattenspielers an. Ich war überglücklich und stolz. Das musikalische Festmahl konnte endlich beginnen.

 

 

2016

 

Ein Song läuft irgendwo. Klingt gut! Von wem? Smartphone zücken, Shazam öffnen, drei Sekunden warten. Schon erscheinen Titel und Interpret auf dem Display. Downloaden? Warum nicht. Kostet mit der Flatrate ja nicht extra. Den Titel kann man wieder löschen, wenn man ihn oft genug gehört hat. Ein Klick – und der Song ist gespeichert. Kein Hoffen, kein Bangen, kein Warten. Aber auch keine grossen Gefühle.

Gänsehaut-Momente bescheren mir die ausgeklügelten und personalisierten Playlists von Apple, Spotify oder Google nicht.

Das Lokalradio Matterhorn existiert schon lange nicht mehr. Geblieben sind Erinnerungen und Emotionen. Solche Gänsehaut-Momente bescheren mir die ausgeklügelten und personalisierten Playlists von Apple, Spotify oder Google nicht. Schade eigentlich.

 

 

 

 

Bernhard Imboden

Als Marketing Writer/Texter bei Swisscom schreibt Bernhard Imboden über Erlebnisse in der digitalen Welt aus Sicht eines Kommunikationsprofis. Er ist Heimweh-Walliser, Vater und Fan des FC Sion. Nebenbei engagiert er sich im Vorstand von ProRaris für seltene Krankheiten.

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