Kolumne

Wenn einer eine Reise tut ...

Bernhard Imboden, 13. Mai 2016

... dann kann er nicht immer was erzählen.
Früher überlegte ich in den Ferien zweimal, wem ich eine Postkarte schickte. Schliesslich war diese Aufgabe mit Zeitaufwand und Kosten verbunden. Heute teile ich meine Ferienerlebnisse auf Facebook, Instagram, etc. und erreiche mit einem Klick hunderte Freunde. Die digitale Welt suggeriert, ich sei kommunikativer geworden. Stimmt das?

 

 

Ein Flug im Jahr 1998

Damals buchte ich mit einem Schulfreund meine erste Städtereise nach New York. In einem Reisebüro. Wie Verdächtige in einem Mordfall befragte uns die Fachfrau zu unseren Plänen. Sie beriet uns in allen Details und gab uns wertvolle Tipps.
Kommunikativ, persönlich, charmant.

 

Die Dame am Schalter buchte uns via Zürich auf die Abendmaschine um und zahlte jedem von uns eine happige Entschädigung.

 

Fliegen sollten wir morgens ab Genf mit der guten alten Swissair. Wie ein Rocker beim Gitarrenspiel schüttelte der Agent am Check-In den Kopf und sagte, der Flug sei überbucht. Ich spürte, wie meine Zündschnur kürzer wurde. Der Mann beruhigte uns. Am Schalter vis-à-vis würde uns geholfen. Kommunikativ, persönlich, charmant.

 

 

Als Fliegerei noch glamourös war: Swissair-Angestellte im Jahr 1990, zusammen mit Luigi Colani (5. v. r.), dem Designer ihrer neuen Uniformen.  

 

 

Wie die Klagemauer von Jerusalem hörte sich die Dame unsere Leidensgeschichte an. Sie buchte uns via Zürich auf die Abendmaschine um und zahlte jedem von uns eine happige Entschädigung. Kommunikativ, persönlich, charmant.

Statt einer neuen Hiobsbotschaft teilte man uns mit, dass wir wegen der Unannehmlichkeiten vom Vormittag ein Upgrade in die Business Class erhalten.

Als wir am Abend auf das Boarding warteten, wurden unsere Namen aufgerufen. Doch statt einer neuen Hiobsbotschaft teilte man uns mit, dass wir wegen der Unannehmlichkeiten vom Vormittag ein Upgrade in die Business Class erhalten. Mit einem Lächeln stellte man uns neue Bordkarten aus. Kommunikativ, persönlich, charmant.

Das Gefühl, vor der gesamten Holzklasse den Jumbo besteigen zu dürfen, werde ich nie vergessen. Beim Boarding wurden wir mit Namen angesprochen. Man wünschte uns einen angenehmen Flug. Dass der Service an Bord grandios war, muss ich nicht speziell erwähnen. Kommunikativ, persönlich, charmant.

Von diesem Erlebnis werde ich noch meinen Urenkelkindern erzählen.

Ein Flug im Jahr 2016


Den Flug von Wien nach Zürich buchte ich auf ebookers.ch. Das Ticket erhielt ich per E-Mail. Das Check-In erfolgte am PC, die Bordkarte erhielt ich auf mein iPhone. Am Flughafen stellte ich mein Gepäck an einem Self-Bagage-Drop-Schalter auf die Waage, brachte den Gepäckkleber selber an und schickte den Koffer per Förderband zum Flugzeug. Am Gate hielt ich das Smartphone auf einen Scanner, worauf sich die Türe wie von Geisterhand öffnete. Zur Holzklasse, notabene. Ich bestieg den Airbus ohne mit jemandem ein einziges Wort gewechselt zu haben, anonym und emotional unterkühl
t.

Von diesem Erlebnis werde ich meinen Urenkelkindern nichts zu berichten haben. Denn wenn einer eine Reise tut, kann er nicht immer was erzählen.  

 

Bernhard Imboden

Als Marketing Writer/Texter bei Swisscom schreibt Bernhard Imboden über Erlebnisse in der digitalen Welt aus Sicht eines Kommunikationsprofis. Er ist Heimweh-Walliser, Vater und Fan des FC Sion. Nebenbei engagiert er sich im Vorstand von ProRaris für seltene Krankheiten.

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