Kolumne: Bernhard Imboden

Kein Popcorn im Reality-Kino

Bernhard Imboden, 28. Juli 2016

Nizza, Ankara, München. Dramatische Bilder gingen in den vergangenen Tagen um die Welt.

 

Ein Lastwagen rast in eine Menschenmenge. Kampfjets donnern über eine Stadt im Ausnahmezustand als würde Top Gun II gedreht. Vor einem Einkaufszentrum werden auf offener Strasse Menschen erschossen. So unterschiedlich die Motive auch waren, einen gemeinsamen Nenner gab es: mindestens eine Kamera, die voll drauf hielt. Und damit ungefilterte Bilder im Netz.

Menschen, die eben noch unbekannt waren, erlangen von einer Sekunde auf die andere tragische Berühmtheit.

Das mobile Internet und diverse Apps verwandeln jeden Ort auf Knopfdruck in Hollywood – allerdings nicht als Traumfabrik, sondern als Alptraumfabrik. Menschen, die eben noch unbekannt waren, erlangen von einer Sekunde auf die andere tragische Berühmtheit. Ohne Casting und ohne gefragt worden zu sein, ob sie die Rolle überhaupt wollen. Sie werden zu Hauptdarstellern in Reality-Produktionen, deren Drehbücher grausamer sind als in jedem Horrorfilm. Frei nach dem Wild-West-Motto: tot oder lebendig.

Das Internet hat das Fernsehen als Unterhaltungsmedium Nummer 1 längstens abgelöst.

So ging Medienberichten zufolge in Nizza ein Voyeur mit seiner Smartphone-Kamera buchstäblich über Leichen. Er stieg über die Opfer, filmte deren Gesichter und stellte die Bilder live ins Netz. Wie Augmented Reality – nur mit Toten statt mit Pokémons. Kein Respekt vor dem Tod. Kein Respekt vor den Angehörigen. Kein Respekt vor den Helfern.

 

Als alternder TV-Romantiker bin ich mir bewusst, dass Unterhaltungsformate à la Gottschalk völlig out sind. Das Internet hat das Fernsehen als Unterhaltungsmedium Nummer 1 längstens abgelöst. Doch sind Aufnahmen von überfahrenen Kindern neben schreienden Müttern, in Unterhosen gedemütigten Soldaten und mit Leichen gepflasterten Strassen wirklich die Art von Unterhaltung, die wir wollen?   


Ich sage: Nein. Popcorn und Reality-Kino vertragen sich nicht.

 

 

Bernhard Imboden

Als Marketing Writer/Texter bei Swisscom schreibt Bernhard Imboden über Erlebnisse in der digitalen Welt aus Sicht eines Kommunikationsprofis. Er ist Heimweh-Walliser, Vater und Fan des FC Sion. Nebenbei engagiert er sich im Vorstand von ProRaris für seltene Krankheiten.

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