Kolumne

Lieber nackt als ohne Handy

Bernhard Imboden, 30. Oktober 2015

Nach über acht Jahren ist es mir zum ersten Mal passiert: der Albtraum jedes Managers. Ich sitze im Intercity von Bern nach Zürich, will mein iPhone aus der Jackentasche ziehen und stelle fest: Ich habe es vergessen! Es hängt noch zuhause am Infusionsschlauch. Ausgerechnet heute, wo ich von meinem Arbeitgeber an einen Event zum Thema «Digitalisierung» eingeladen wurde, bin ich offline unterwegs. Wie originell.


Tina Turner hat einmal gesagt: «Lieber gehe ich nackt aus dem Haus als ohne Handy.» Ersteres muss ich nicht unbedingt sehen, Letzteres verstehe ich jetzt aber voll und ganz. Meinen digitalen Kochtopf einen ganzen Tag lang ohne Smartphone am Köcheln zu halten, wie soll das gehen? Was, wenn Christian Constantin den Trainer «meines» FC Sion nach der blamablen Heimniederlage doch feuert? Da muss ich doch einen Tweet absetzen! Die Sportwelt wartet darauf. Oder etwa nicht? Noch schlimmer: WhatsApp! Bestimmt empfinden es einige als Majestätsbeleidigung, wenn ich erst am Abend antworte. Wie ein Pulverfass auf dem Deck eines Schiffes wippe ich auf meinem Sitz hin und her. Zum x-ten Mal durchforste ich fieberhaft meine Taschen. Ich fühle mich nackt.

Selbst das Seniorenpaar bespricht seine Wanderroute mittels iPad.

Geknickt halte ich Ausschau nach jemandem, den das gleiche Schicksal ereilt hat. Vergeblich. Selbst das Seniorenpaar, welches sich schräg gegenüber mit Rucksack und Stöcken bewaffnet zwischen die Businessleute gequetscht hat, bespricht seine Wanderroute mittels iPad. Mein weibliches Gegenüber fängt an, in seiner Handtasche zu graben. Sieht aus, wie wenn eine Obdachlose einen Müllsack durchwühlt. Dies, obschon ihre rot lackierten Fingernägel leuchten wie glasierte Erdbeeren. Dann kramt sie es hervor, ihr goldfarbenes iPhone 5. Sanft tippt sie mit ihrem Zeigefinger den Sicherheitscode ein. Ich bin neidisch. Als könnte sie meine Gedanken lesen, lächelt sie triumphierend. Als wolle sie mir sagen: «Schau her, ich bin perfekt organisiert, mit meiner Handtasche könnte ich spontan das Land verlassen.» – «Mach das!», schiesst es mir durch den Kopf. Ich fühle mich nicht mehr nackt. Ich fühle mich splitterfasernackt.


Am Event angekommen, vermag auch das leckere Willkommensfrühstück meine Stimmung nicht zu heben. Wer steht schon gerne splitterfasernackt am Buffet? Wenn ich nichts esse, dann ist etwas wirklich nicht mehr gut. Alle stehen sie da, mit ihren iPhones, Samsungs, HTCs, schiess mich tot, und jagen noch rasch ein paar Messages durch die Kanäle, bevor es losgeht.

Anstatt ständig auf das Display zu schielen und belanglose Nachrichten zu lesen, sauge ich die Referate auf wie ein Staubsauger.

In packenden Vorträgen erfahre ich auf spannende Art und Weise, was ich mit meinem Smartphone in Zukunft so alles machen werde. Vorausgesetzt, ich vergesse es nicht. Noch selten liess ich mich derart mit Leichtigkeit inspirieren. Anstatt ständig auf das Display zu schielen und belanglose Nachrichten zu lesen, sauge ich die Referate auf wie ein Staubsauger. Ich könnte problemlos und aus dem Nichts eine umfassende Zusammenfassung der Referate wiedergeben.


Bis zum Mittag hat mein geistiges Heim einen neuen Farbanstrich bekommen. Ich fühle mich nicht mehr nackt, sondern wie im Massanzug. Irgendwie frei, irgendwie cool. Der Stehlunch schmeckt mir vorzüglich, der Appetit ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Kurzgedanke: Was landet bei meiner Twitter-Bekanntschaft, die jeden Tag ihr Mittagessen fotografiert und postet, wohl heute auf dem Teller? Kurze Reflexion: Interessiert mich das wirklich? Kurze Antwort: Nicht die Birne.


Rückfahrt nach Bern. Ich sitze wieder im Zug und denke über den dramatischen Tag nach. Viel Neues erfahren, eine Menge Inspiration im Kopf eingepackt und alles um mich herum viel bewusster wahrgenommen als sonst. Fühle ich mich immer noch wie im Massanzug? Schon. Aber irgendwie fühlt er sich nicht gut an. Es ist zwar ein Massanzug, vielleicht sogar einer von Armani, aber nicht mit meinen Massen. Er sitzt nicht richtig, ist einengend und unbequem.


Ob ich in Zukunft das Handy jetzt öfters mal zu Hause lasse? Fragen Sie am besten Tina Turner. 

 

 

Bernhard Imboden

Als Marketing Writer/Texter bei Swisscom schreibt Bernhard Imboden über Erlebnisse in der digitalen Welt aus Sicht eines Kommunikationsprofis. Er ist Heimweh-Walliser, Vater und Fan des FC Sion. Nebenbei engagiert er sich im Vorstand von ProRaris für seltene Krankheiten.

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