Kolumne: Xenia Stutz

3 Stunden für den perfekten Schnappschuss

Was nach einem spontan entstandenen Foto aussieht, ist in Wahrheit ein stundenlanges Shooting. Xenia Stutz über den perfekten Schnappschuss.

Xenia Stutz, 12. Juli 2017

Ein angeblich perfekter Augenblick auf meiner Amerikareise. Einige denken es sich vielleicht, aber keiner weiss, dass dieses Bild kein perfekter Schnappschuss war. Mein Freund weiss es. Er hat das Bild geknipst.

 

Schon mal den Begriff Instagram Husband gehört? Nein, dann schaut euch mal dieses Video an ...

 

 

Das Youtube-Video zeigt den Menschen hinter der Kamera – den «Instagram-Husband». Video: youtube.com/themysteryhour

 

Der Bryce Canyon war der vierte Halt auf unserem Amerika-Roadtrip. Eine unglaublich faszinierende Landschaft. Nach einem phänomenalen Sonnenaufgang sind wir losgewandert. Das Gute an den Amerikanern (nebst ihrer Offenheit und Freundlichkeit) ist, dass sie meist nur die Aussichtspunkte ansteuern, die mit dem Auto erreichbar sind. Das bedeutete für uns, dass wir diese atemberaubende Kulisse (fast) für uns alleine hatten.


Nach mindestens drei Stunden wandern und mit dem Ziel schon in Sichtweite kam dieser Felsvorsprung. Und es war ja nicht so, dass wir (eigentlich mein Freund) noch keine Fotos gemacht hatten, aber dieser Felsen schien mir einfach perfekt für einen Schnappschuss.   

Und es war ja nicht so, dass wir noch keine Fotos gemacht hatten, aber dieser Felsen schien mir einfach perfekt für einen Schnappschuss.

«Ich setze mich kurz so hin, und du kannst das Foto vielleicht aus diesem Winkel schiessen», sagte ich und zeigte gleichzeitig auf den Ort, von dem ich dachte, das Foto würde am besten. Kaum hörte ich den ersten Auslöser – «ist es gut?», fragte ich und wollte schon aufstehen. Ronny bat mich, doch noch ein bisschen sitzen zu bleiben. Nach dem 15. Klicken der Kamera stand ich auf, um die Fotos zu begutachten. «Nein, nein, nein, geht gar nicht, nein, nein, die sehen alle total sch***** aus!»

 

Vielleicht sollte ich an diesem Punkt erwähnen, dass ich seit einer Ewigkeit nichts mehr gegessen hatte. Wer mich persönlich kennt, weiss, dass ich etwas zickig werden kann, wenn ich hungrig bin. Ronny forderte mich geduldig nochmals auf, mich hinzusetzen, so dass er nochmals ein paar Schüsse machen könnte. Mit einem Schnauben und den Augen rollend setze ich mich nochmals auf den Felsen (zum Glück ist es ein Foto mit Sonnenbrille).

Manchmal frage ich mich, wieso ich das überhaupt mache. Wann wurden aus persönlichen Erinnerungen Live-Instagram-Berichterstattungen?

Nach weiteren fünf Fotos war er zufrieden, und wir nahmen das letzte Stück Weg auf uns – ansehen durfte ich die Fotos nicht mehr, zumindest nicht, bevor ich etwas zwischen den Zähnen hatte. Nach dem Essen startete ich den Laptop und bekam die Speicherkarte. Nach ein paar Klicks in einem Bildbearbeitungsprogramm entstand schliesslich dieser Schnappschuss.

 

Manchmal frage ich mich, wieso ich das überhaupt mache. Wann stiegen die Ansprüche? Wann wurden aus persönlichen Erinnerungen Live-Instagram-Berichterstattungen? Ein gutes Bild ist wie ein neuer potenzieller Auftrag – unsere Social-Media-Kanäle sind unsere Bewerbungsmappen. Wenn einer Firma dein Feed gefällt und die Follower- und Like-Zahlen stimmen, dann bekommt man eine Anfrage bezüglich einer Zusammenarbeit.

 

Ich bin froh, sagen zu können, dass die Drei-Stunden-Marke für ein Foto zum Glück noch nicht allzu oft geknackt wurde. Und für die Versorgung habe ich nun immer einen Notproviant bei mir – man weiss ja nie!

 

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