Kolumne: Bernhard Imboden

Eine Information kostet eine Information

Das Smartphone macht es unmöglich, sich ausschliesslich an relevante Informationen zu erinnern – schreibt unser Kolumnist Bernhard Imboden.

Bernhard Imboden, 5. April 2017

Neulich hastete ich durch die Katakomben am Swisscom-Hauptsitz zu einem Meeting, als mein iPhone vibrierte. Eine Nachricht meiner Tochter: «Papa, ich habe einen Handschuh verloren. Ich gehe ihn suchen.» Ich fragte mich, wie diese Information vor zehn Jahren wohl den Weg zu mir gefunden hätte. Und ob überhaupt. Wie dem auch sei, die Nachricht hatte für mich die Relevanz eines Lawinenbulletins in der Karibik.

 

Zeitgleich steuerte ein bekanntes Gesicht auf mich zu, winkte wild und begrüsste mich mit einem freudigen «Hallo Beni!» Ich stand da, wie ein Walliser Schwarznasenschaf vor dem Wolf und hatte nicht den geringsten Schimmer, wie die Person hiess.

 

Schnell die Kontaktliste durchzuscrollen, wäre plump gewesen. Also verteilte ich der Kollegin rasch drei Küsschen auf die Wangen und gab ein schauspielerisches «Ey, dü gsesch hitu aber verdammt güet üs!» von mir. So war ich elegant raus aus der Nummer. Ich schielte nochmals auf das Display und entwickelte eine Theorie ohnegleichen, warum ich ihren Namen nicht behalten habe.

Das menschliche Hirn funktioniert wie der Arbeitsspeicher eines PCs.

Meine These besagt, dass das menschliche Hirn funktioniert wie der Arbeitsspeicher eines PCs. Die Kapazität ist begrenzt. Bei manchen mehr, bei anderen weniger. Früher oder später ist das Ding voll. Damit eine neue Information aufgenommen werden kann, muss eine alte gelöscht werden. Dabei schafft es mein Denkapparat nicht, immer nur die unwichtigen Informationen zu entfernen. Da schleicht sich schon mal ein Name, eine Adresse oder ein Geburtsdatum durch den Hinterausgang.

 

Um den Datenverlust gering zu halten, haben meine Ohren gelernt zu filtern. Sie leiten nur Informationen an die Hirnzellen weiter, die von einer gewissen Relevanz sind. Wenn mir jemand sagt: «Das habe ich dir doch schon hundertmal gesagt!», pflege ich zu antworten: «Es tut mir leid, dann war diese Information für mich hundertmal nicht relevant.»

Von eindeutig zweideutigen Sprüchen, über freche Bilder, Kettennachrichten, Statusmeldungen bis hin zum Trump-Bashing prügeln sich Nachrichten um meine Aufmerksamkeit.

Dieses System funktionierte einwandfrei. Bis das Smartphone kam. Irrelevante Informationen werden damit herumgereicht wie eine Tüte Gras. Von eindeutig zweideutigen Sprüchen, über freche Bilder, Kettennachrichten, Statusmeldungen bis hin zum Trump-Bashing prügeln sich Nachrichten um meine Aufmerksamkeit.

Warum Messenger wie WhatsApp für solchen Nonsens eine Verschlüsselung braucht, ist mir schleierhaft.

Das Smartphone ist digitaler Amor-Pfeil, Buschtelefon, Kummerkasten, Menüplaner, Einkaufsliste, Hausaufgabenhilfe, Treffpunktvereinbarer, Totomat, Live-Ticker, Personen-Spotter, Taxis-Service und vieles mehr. Alles in einem. Auf Platz 1 meiner Hitliste: Crossmedia-Nachrichten wie «Guckst du E-Mail!» Warum Messenger wie WhatsApp für solchen Nonsens eine Verschlüsselung braucht, ist mir schleierhaft. Bei der vorherrschenden Rechtschreibung kann ich die Nachrichten auch so kaum entschlüsseln. Aber das ist ein Thema für eine andere Kolumne.

 

So lustig manche Nachrichten auch sein mögen, die wenigsten sind relevant. Aber alle haben sie etwas gemeinsam: Jede neue Information kostet mein Hirn eine alte Information. Soll man mir deswegen in Zukunft keine Nachrichten mehr schicken? Nun, lassen Sie mich die Frage so beantworten: Falls wir uns kennen, und ich bei unserem nächsten Treffen Ihren Namen nicht mehr weiss, seien Sie gnädig mit mir. Vielleicht hat meine Tochter gerade den anderen Handschuh verloren …

 

Bernhard Imboden

Als Marketing Writer/Texter bei Swisscom schreibt Bernhard Imboden über Erlebnisse in der digitalen Welt aus Sicht eines Kommunikationsprofis. Er ist Heimweh-Walliser, Vater und Fan des FC Sion. Nebenbei engagiert er sich im Vorstand von ProRaris für seltene Krankheiten.

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