Kolumne: Bernhard Imboden

Weniger Google = mehr Hirn?

Bernhard Imboden, 26. September 2016

Die Festnetznummer meiner Grosseltern kenne ich auswendig. Was daran aussergewöhnlich ist? Ich habe sie vor über 13 Jahren zum letzten Mal gewählt. Da wo sie jetzt sind, brauchen sie keinen Anschluss mehr.

 

Als Kind habe ich ihre Nummer so oft auf der Drehscheibe gewählt, dass sie sich in meinem geistigen Lagerraum eingemottet hat. Heute bin ich froh, kennt wenigstens mein iPhone die Handynummer meiner Frau. Denn ich tue es nicht. Wozu auch? Siri ruft sie für mich an. Meistens zumindest. Nur manchmal, wenn mich Siri nicht richtig verstanden hat, ruft sie sonst irgendwen an. Aber das ist eine andere Geschichte …

Google ist mehr als nur eine Suchmaschine. Es ist die grösste Bibliothek der Welt mit kundenfreundlichen Öffnungszeiten.

Sich gerade noch die eigene Nummer zu merken, ist inzwischen weit verbreitet. Wie immer bei einem gesellschaftlichen Phänomen warten Wissenschaftler mit klinischen Diagnosen auf. «Digitale Demenz» heisst der Fachausdruck. Weniger galant ausgedrückt: Computer, Smartphones etc. machen denkfaul und dumm. So mancher Experte würde uns lieber gestern als heute eine «Fühl-dich-besser-ohne-dein-Grätli-spüre-dich-liebe-dich-selber-Diät» verordnen. Frei nach dem Motto: weniger Google = mehr Hirn.

 

Das ist ein Punkt, an dem ich als Nicht-Wissenschaftler mit meiner eigenen klinischen Diagnose aufwarte. Die Basis, um digitale Medien überhaupt nutzen zu können, ist die Beschaffung von Informationen. Was nützt mir das Internet, wenn ich nicht weiss, was ich will? Google zum Beispiel ist mehr als nur eine Suchmaschine. Es ist die grösste Bibliothek der Welt. Mit kundenfreundlichen Öffnungszeiten und ohne lästige Bibliothekarin. Nie war es einfacher und günstiger, an Wissen zu kommen.

Nicht das Medium ist entscheidend, sondern der Inhalt.

Die entscheidende Frage lautet: Welchen Stoff zücke ich und wie verarbeite ich ihn? «Medienkompetenz» heisst der Fachausdruck. Galanter ausgedrückt: Nicht das Medium ist entscheidend, sondern der Inhalt.

 

Mit 12 Jahren kannte ich die Telefonnummern meiner Grosseltern auswendig. Dafür weiss meine Tochter heute mit 12, dass Bandar Seri Begawan die Hauptstadt des Sultanats Brunei ist. Meine Grosseltern im Jenseits wären stolz auf sie. Für Google braucht es nämlich Hirn.

 

Bernhard Imboden

Als Marketing Writer/Texter bei Swisscom schreibt Bernhard Imboden über Erlebnisse in der digitalen Welt aus Sicht eines Kommunikationsprofis. Er ist Heimweh-Walliser, Vater und Fan des FC Sion. Nebenbei engagiert er sich im Vorstand von ProRaris für seltene Krankheiten.

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Medienkompetenz ist lernbar

Als eine der treibenden Kräfte der Digitalisierung sieht Swisscom eine Verantwortung darin, deren Chancen zu nutzen und Risiken zu minimieren. Swisscom setzt sich als Begleiter in der digitalen Welt für einen sicheren und verantwortungsbewussten Umgang mit neuen Technologien ein.

 

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