Kolumne: Sylvie Castagné

Jobs 4.0: Wie sieht die Welt morgen aus?

Digitalisierung: Fluch oder Segen? Sylvie Castagné balanciert zwischen dem Schrecken vor einer vollkommen automatisierten Arbeitswelt und der sprudelnden Kreativität der Millennials.

Sylvie Castagné, 19. Juli 2017

Das Internet weckt viele Hoffnungen, aber auch viele Ängste. Das Weltwirtschaftsforum hat uns gewarnt: Bis 2020 werden mehr als fünf Millionen Arbeitsplätze wegrationalisiert, insbesondere aufgrund der digitalen Revolution. Denken wir zum Beispiel an die kleinen repetitiven Aufgaben von Lageristen, Arbeitern in der Automobilindustrie oder Putzfrauen. An per Drohne transportierte Pakete. Die Digitalisierung ist also eine Bedrohung, aber auch eine Befreiung. Welche Art der Gesellschaft jedoch daraus hervorgehen wird, ist eine ganz andere Frage.

Bis 2020 werden mehr als fünf Millionen Arbeitsplätze wegrationalisiert, insbesondere aufgrund der digitalen Revolution.

Schon heute muss man in der Migros die Produkte nur noch bei Subito vorbeiziehen und schon ist der Strichcode gescannt. Man erledigt damit also die Arbeit der Kassiererin. Oder man wird selbst ein bisschen zur Kassiererin. Aber was wird aus der Kassiererin ...? Heute sind wir auch alle bereits ein bisschen Bankangestellte. Die Vertragsnummer auf der Startseite des E-Bankings eingeben, seine PIN auf dem kleinen Gerät von der Bank eintippen, auf dessen winzigem Bildschirm Zahlen und Buchstaben erscheinen, die man wiederum in den Kästchen am Computerbildschirm eintragen muss. Ich habe nie davon geträumt, Bankangestellte zu werden, und mich stressen diese Aufgaben.

Ich habe nie davon geträumt, Bankangestellte zu werden, und mich stressen diese Aufgaben.

Manchmal übernehmen wir auch die Arbeit der Angestellten von Fluggesellschaften. Zum Beispiel wenn wir selbst unser E-Ticket oder unsere Bordkarte ausdrucken. Wenn wir an unserem eigenen Laptop einchecken. Wenn wir alle Dokumente im Wallet unseres iPhones ablegen.

 

Das sind kleine Aufgaben, klar, aber es ist trotzdem Arbeit.

 

Natürlich gibt es immer Menschen, für die das Glas halb leer ist, und andere, für die es halb voll ist. Ich gehöre zu Letzteren. Im Bereich der Digitalisierung scheint die Kreativität grenzenlos – insbesondere diejenige der Millennials, die bereits in der digitalen Welt aufgewachsen sind. Mein Besuch am «Royaume du Web» in Genf hat dies bestätigt. Diese Veranstaltung war das erste grosse Treffen der Social-Media-Stars der Westschweiz und hat mir die Türen zu einer Welt geöffnet, in der Bilder das einzige sind, was zählt. Und in Lichtgeschwindigkeit an Hunderttausende von Menschen übermittelt werden. Die Vorführung der virtuellen Realität des CERN, die Booktuberinnen, die auf YouTube andere an ihrer Leidenschaft für Literatur teilhaben lassen, und die mit Objektiven ausgestattete Drohne, die wie ein riesiges Auge über der Menge zu schweben scheint: Die Digitalisierung schlägt sich in verschiedensten und manchmal unerwarteten Anwendungen nieder.

Eines Tages werden wir vielleicht nicht mehr mündlich oder schriftlich kommunizieren müssen. Dann haben wir das Zeitalter des «digitalen Geistes» erreicht.

Eines Tages werden wir vielleicht nicht mehr mündlich oder schriftlich kommunizieren müssen. Dann haben wir das Zeitalter des «digitalen Geistes» erreicht. Unser Hirn wird dann von einem zentralen Server gesteuert. Was wird dann aus Kommunikations- und Medienfachleuten? Werden sie durch Algorithmen und Roboter ersetzt? Werden wir unsere Augen vielleicht nie mehr vom Bildschirm lösen? Man kommt nicht umhin, an den visionären Schriftsteller George Orwell zu denken, der sagte: «Immer wenn mir etwas als Fortschritt präsentiert wird, frage ich mich vor allem, ob wir dadurch menschlicher oder weniger menschlich werden.» Ich schlage vor, dass wir bis dahin die schönen Sommertage geniessen und uns Zeit nehmen, offline zu gehen und mal so richtig abzuschalten, uns bei einem wohltuenden Bad im See zu erfrischen und bei Bergwanderungen wieder zu Kräften zu kommen. Ich wünsche allen einen schönen Sommer!

 
Sylvie Castagné

lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. Mit Beharrlichkeit und Witz beobachtet die Freelance-Redaktorin die digitale Welt und beschreibt, wie die sozialen Medien unser Leben verändern. Ihre Tochter im Teenagealter findet allerdings, dass ihre Mutter zu viel Zeit mit Facebook, Twitter und Instagram verbringt.

 

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