Medienstark: Eine Frage der Verantwortung und Begleitung

Eltern, Kinder und ihre Smartphones

Eltern reagieren beim Thema Kinder und Smartphones sehr unterschiedlich: Daniel F. sind Regeln wichtig, Maura S. prüft Apps, bevor ihre Kinder sie installieren dürfen und Erich W. hat zusammen mit seiner Tochter Regeln erstellt. Wie gut das funktioniert, erzählen sie im Interview.

Sabine Hunziker und Ruzbeh Tadj (Text), Boris Baldinger (Fotos), 9. November 2017

Wenn Kinder ihr erstes eigenes Smartphone bekommen, lassen ihre Eltern sie ein weiteres Stück los. Es gibt Eltern, die sich davon viel Gutes erhoffen und den digitalen Kontakt vorantreiben, weil sie überzeugt sind: Kinder müssen lernen, sich möglichst früh in der digitalen Welt zurechtzufinden. Andere Eltern zögern diesen Kontakt möglichst lange hinaus, weil sie in der digitalen Welt vor allem Gefahren sehen. Wir haben mit zwei Vätern und einer Mutter gesprochen und wollten wissen: Wie halten sie die Zügel in der Hand?  

 

 

«Meine Tochter sagt, ich sei streng, dafür aber auch ein gutes Vorbild»

Daniel F. (45) lebt mit Frau, Sohn (11) und Tochter (14) in Zürich. Er ist Marketingmanager. Sein Smartphone nutzt er vor allem für die tägliche Arbeit, private Kommunikation und ca. 30 Apps – von News/Sport über Netflix bis Fahrplan.

 

Fördern Sie die Kreativität Ihrer Kinder durch digitale Medien?

Nicht gezielt. Ich unterstütze es aber, wenn sie sich durch Videos (Tanz, Sport, Rezepte) inspirieren lassen.

 

Bleiben Sie standhaft, oder legen Sie Altersfreigaben auch mal grosszügig aus?

Bei Videoserien und Games schaue ich mir teilweise den Inhalt an und entscheide dann, ob es für meine Kinder geeignet ist.

 

Lassen Sie Ihre Kinder auch mal Medien konsumieren, um selbst eine Verschnaufpause zu gewinnen?

Ja, auch wenn ich das nicht gerne zugebe.

Regeln und Rituale sind uns wichtig. Ausnahmen müssen aber auch drinliegen.

Verwechseln Ihre Kinder in den Medien Fiktion und Realität?

Ja, zum Beispiel bei sogenannten «Killer Clowns» habe ich das bei meinem Sohn festgestellt. Da gibt es sehr brutale Fake-Videos auf YouTube, bei denen nicht auf Anhieb deutlich ist, dass es sich um Fiktion handelt, und entsprechend für Kinder schwierig zu verarbeiten sind.

 

Welche Medienregeln und -rituale gelten bei Ihnen?

Regeln und Rituale sind uns wichtig. Ausnahmen müssen aber auch drinliegen. Unter der Woche sind wir eher standhaft und am Wochenende etwas lockerer. Kinder finden kein vernünftiges Mass, wenn man ihnen alle Freiheiten gibt, sondern wir als Eltern sind hier verpflichtet, ihnen klare Grenzen zu setzen. Wir verhandeln die Zeiteinschränkung jedes Jahr zusammen mit unseren Kindern neu. Dabei kommen die Vorschläge von unseren Kindern selber.

Je älter und mobiler die Kinder werden, desto unkontrollierbarer wird die Mediennutzung.

Unser Sohn hat ein System: Er hat 12 Münzen à 15 Minuten, die er nach Belieben in der Woche einlösen kann. Der Vorschlag kam von ihm, und darum klappt das auch gut. Unsere Tochter kam sogar von alleine und installierte sich eine App, die die Nutzungsdauer am Smartphone einschränkt. Weil sie selber gemerkt hat, wie sie einige Tage am Wochenende komplett drinnen verhängt hat, statt draussen etwas zu unternehmen. Am Abend gehören die Geräte ab 20 Uhr für meinen Sohn und ab 22.00 Uhr für meine Tocher aus dem Zimmer raus. Des Weiteren darf unser Sohn nicht alleine in seinem Zimmer im Internet surfen, sondern muss sich immer in einem Wohnraum, also in unserer Nähe, aufhalten.

 

Welche Vorteile bringt es für Sie als Vater, wenn Ihre Tochter ein Smartphone besitzt?

Im jüngeren Alter hat man als Eltern ein gutes Gefühl, wenn sie alleine unterwegs im Zug oder im Hallenbad sind. Etwas, das ich sehr cool finde, ist unser gemeinsamer Familienchat, der drei Generationen verbindet.

 

Wie schätzen Sie das Medienverhalten der Eltern der Freunde Ihrer Kinder ein?

Das ist total unterschiedlich. In unserem Umfeld sind glücklicherweise die meisten kritisch. Es gibt aber zwei bis drei Eltern, die kaum Regeln haben. Bei denen zuhause sehe ich meine Kinder nicht gerne. Aber je älter und mobiler die Kinder werden, desto unkontrollierbarer wird die Mediennutzung ohnehin. Ich vertraue dabei auf eine gute Basis, die wir unseren Kindern mit auf den digitalen Weg geben konnten.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Kindes?

Dass sie zufrieden sind mit dem Weg, den sie einschlagen. Ganz gleich, was sie machen.  

 

 

«Bei uns war das Telefon früher immer belegt. Heute telefonieren wir kaum noch!»

Maura S. (34) ist geschieden. Ihre beiden Töchter (10 und 8) und ihr Sohn (4) verbringen etwa 30 Prozent ihrer Zeit bei ihr. Sie ist selbständig und hat das Netzwerk networkingmoms.ch initiiert. Die digitale Entwicklung empfängt sie mit offenen Armen. Es ist ihre Welt. Hier fühlt sie sich wohl und ist gespannt, was alles noch kommt. Selber nutzt sie ihr Smartphone vor allem für Social Media und Nachrichten, selten zum Telefonieren.

Fördern Sie die Kreativität Ihrer Kinder durch bestimmte Medien?

Nein. Obwohl: Auf dem iPad haben wir eine App installiert, mit der die Kinder lernen, zu coden. Sie lernen also die Codiersprache. Die Mädchen haben einen E-Reader zum Lesen. Und alle drei haben Mandalabücher zum Ausmalen.

 

Bleiben Sie standhaft, oder legen Sie Altersfreigaben auch mal grosszügig aus?

Hier bin ich strikt, vor allem bei Filmen. Ausnahmen gibt’s für meine Älteste: wenn ich den Film kenne und finde, er ist ihr zuzutrauen. Diesen Film schauen wir uns dann zu zweit an. Anders ist es bei Apps – diese prüfe ich selber und achte nicht auf die Empfehlungen.

 

Lassen Sie Ihre Kinder ab und an mal Medien konsumieren, um eine Verschnaufpause zu gewinnen?

Definitiv ja. Das kommt schon mal vor.

Meine älteste Tochter besitzt ein eigenes Smartphone. Für mich ist es ein Vorteil. Zudem: Zu wissen, dass sie ein Handy hat, beruhigt mich.

Welche Medienregeln und -rituale gelten bei Ihnen?

Wir schauen kein TV. Wir schauen gezielt Netflix-Serien. Oder ausnahmsweise eine Sendung im TV. Dann schalten wir aber genau zur vorgegebenen Zeit den Fernseher ein und nach dem Ende der Sendung wieder aus. Zappen gibt’s nicht.

 

Verwechseln Ihre Kinder in den Medien Fiktion und Realität?

Ja, das fällt ihnen noch schwer. Sie wissen zwar: Es ist ein Film. Trotzdem verlieren sie sich in dieser Welt. Der Film zieht sie rein.

 

Welche Vorteile bringt es für Sie als Mutter, wenn Ihr Kind ein Smartphone besitzt?

Meine älteste Tochter besitzt ein eigenes Smartphone. Für mich als Geschiedene ist es ein Vorteil. Sie kann mich von sich aus einfach mal anrufen, wann sie will. Zudem: Zu wissen, dass sie ein Handy hat, beruhigt mich. Wenn meine Töchter zum Beispiel allein mit dem ÖV in die Schule fahren oder wenn sie mal Freunde heimbringen.

 

Wie schätzen Sie die Medieneinstellung der Eltern der Freunde Ihrer Kinder ein?

Sehr unterschiedlich, von Laisser-faire bis zum totalen Verbot. Aber das ist okay.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Kinder?

Mit Medien, aber auch im Umgang mit Freunden und im Beruf: Ich wünsche ihnen, dass sie wissen, was sie wollen und was sie nicht wollen; dass sie das eine vom anderen unterscheiden können. Und dass sie dafür einstehen. Ich wünsche ihnen bewusste Entscheidungen.  

 

 

«Ich wünsche mir für die Zukunft meiner Tochter, dass das Smartphone weniger wichtig wird.»

Erich W. (53) lebt mit Frau und Tochter (14) in der Stadt. Er ist Unternehmer. Sein Smartphone nutzt er vor allem für den Kontakt mit Lieferanten, für die Planung und zur Recherche.

Fördern Sie die Kreativität Ihrer Tochter durch digitale Medien?

Höchstens über Google: Sie analysiert Songtexte, damit sie weiss, was sie hört.

 

Bleiben Sie standhaft, oder legen Sie Altersfreigaben auch mal grosszügig aus?

Eher im Gegenteil, denn teilweise sind die Altersfreigaben hanebüchen. Gerade wenn es um Gewalt geht. Deshalb macht es Sinn, wenn man nicht sicher ist, sich den Film allein anzuschauen, bevor man ihn mit seinen Kindern schaut.

 

Lassen Sie Ihre Tochter auch mal Medien konsumieren, um eine Verschnaufpause zu gewinnen?

Ja, das kommt vor. Oder vielmehr kam. Sie durfte zum Beispiel allein einen Film schauen, den sie kannte. Das war dann eine Win-win-Situation für sie und uns Eltern. Heute ist sie aber mehr und mehr sowieso ohne uns unterwegs.

Wir haben zusammen Regeln erstellt, wie zum Beispiel die tägliche Medienzeit. Stetig haben wir sie erhöht, und heute gilt: 90 Minuten Medien pro Tag sind erlaubt.

Verwechselt Ihre Tochter in den Medien Fiktion und Realität?

Ich denke, das ist auch für uns Erwachsene nicht immer einfach zu unterscheiden. Was ist Fake, und was ist echt?

 

Welche Medienregeln und -rituale gelten bei Ihnen?

Solche, die wir nicht mehr durchsetzen. Wir haben zusammen Regeln erstellt, wie zum Beispiel die tägliche Medienzeit. Stetig haben wir sie erhöht, und heute gilt: 90 Minuten Medien pro Tag sind erlaubt. Es wird aber immer schwieriger, das durchzusetzen.

 

Welche Vorteile bringt es für Sie als Vater, wenn Ihre Tochter ein Smartphone besitzt?

Sie wäre erreichbar. (Lacht.) Ich denke, heute muss man eines haben. Auch zum Recherchieren, mit dem Fahrplan zum Beispiel.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Kindes?

Ich wünsche mir, dass das Smartphone weniger wichtig wird. Denn wir sind gläsern geworden. Früher zeichnete man das Schreckgespenst des eingepflanzten Chips an die Wand, heute tragen wir ihn quasi freiwillig mit uns rum.

 

 

Fake oder Fakt?

Bilder lügen nicht, und wenn etwas «schwarz auf weiss» dasteht, dann stimmt es auch. Oder doch nicht? Testen Sie Ihr Wissen im Quiz!

 

 

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