Kreativ programmieren

Der Videospiel-Zauberer

Früher arbeitete Yves Schmid Dornbierer mit den Grosskonzernen Disney und Barbie zusammen. Heute entwickelt er fantastische Apps. Wir haben den vielseitigen Informatiker und Autodidakt-Programmierer in seinem kleinen Reich in Genf besucht.

Claire Martin (Text), Mark Henley/Panos Pictures (Fotos), 1. April 2016

«Ich bin ein UFO.» Diese Behauptung nimmt man als Besucher von Yves Schmid Dornbierer gerne ab. Sobald man die Schwelle seines Wohnateliers im Genfer Pâquis-Viertel betritt, entdeckt man eine eigene Welt, die mit Kerzen beleuchtet und von ausserordentlichen Geschöpfen bewohnt ist. Mit 46 Jahren hat der Heroic-Fantasy-Liebhaber einen ungewöhnlichen Lebenslauf hinter sich. Der Videospiele-Fan, der wie ein Einsiedler lebt, begeisterte sich sehr früh für Computer und entwickelte Programme, die weltweit bekannt sind.

 

Yves Schmid Dornbierer zeigt seine Game-Kreationen.  

 

 

«Mein 3D-OMT-Motor wurde unter anderem für das nach dem gleichnamigen Disney-Film benannte Spiel ‹Atlantis› oder für ‹Barbie geht Reiten› eingesetzt», sagt der Genfer. Dieser Animationsmotor ermöglicht es, dass sich die Game-Figuren in Interaktion mit den Spielern in einer dreidimensionalen Welt bewegen können. In den Neunzigerjahren erwarben die amerikanischen Videospieleriesen Disney und Mattel (wobei letztere Marke eher für ihre Puppen bekannt ist) Dornbierers Animationsmotor.

«Ich habe das Gymi zwei Jahre vor der Matura abgebrochen, weil ich mit den Aufträgen, die ich neben der Schule betreute, schon genug verdiente, um meinen Lebensunterhalt zu sichern.»

Heute hat sich der selbständige Entwickler auf Spiele für Smartphones und Tablets spezialisiert. In der Szene gilt er als Experte für 3D-Animationen in Echtzeit auf dem Smartphone. Sein Leben verdient er mit der Programmierung klassischer Applikationen im Auftrag grosser Genfer Firmen.

 

 

Ein Gaming-Pionier

Das erstaunlichste an seinem Werdegang ist, dass dieser professionelle Programmierer keine einzige Minute in einem Informatikkurs verbracht hat. «Ich habe das Gymi zwei Jahre vor der Matura abgebrochen, weil ich mit den Aufträgen, die ich neben der Schule betreute, schon genug verdiente, um meinen Lebensunterhalt zu sichern.» Yves Schmid Dornbierer gehört zur Generation der Gaming-Pioniere und pröbelte ab den Achtzigerjahren mit dem Commodore 64 und dem Amiga, den allerersten Heimcomputern.

 

 

Der Meister an seiner Arbeitsstation.  

 

 

«Damals war die Programmierung viel einfacher als heute. Wenn es einem Spass machte, konnte man die Spiele beliebig umprogrammieren», schildert er. Als Teenager war Schmid Dornbierer von der Informatik angefressen. «Ich traf meine gleichgesinnten Kumpels in den Computerabteilungen der Warenhäuser und in den PC-Fachgeschäften. Damals tauschten wir noch Disketten aus. Da es noch kein Internet gab, schickten wir uns die neusten Entdeckungen jeweils über den Postweg.»

 

 

1/6 Screenshot von «My Little Fairy».

2/6 Mit «Cosmic Painter» erstellt man hypnotische Kreismuster.

3/6 In seinen Game-Welten gibt es auch Fantasy.

4/6 Yves Schmid Dornbierer zeigt eines seiner Games auf einem iPad.

5/6 Der Kreativität freien Lauf lassen.

6/6 Schmid Dornbierers Game «Runic Sorcerer».

1/6 Screenshot von «My Little Fairy».

 

 

Später eröffnete sich die Ära von 3D. 1999, mit 29 Jahren, erfährt Yves Schmid Dornbierer seinen ersten Erfolg mit «Tanaka 3D». In diesem Spiel, das heute noch Fans hat, rast ein Pilot im Jahre 2025 mit voller Geschwindigkeit durch die Strassen der futuristischen Stadt Tanaka. Wahrend dieser Zeit entwickelt der Autodidakt auch den 3D OMT-Motor, der später Disney und Mattel überzeugen sollte.

 

 

Künstlerische Programmierung

Am Anfang der Zweitausenderjahre wendet er sich der künstlerischen Programmierung mit der Software Modul8 zu, die für die Animation geometrischer Formen konzipiert ist. «Einige Werke, die ich mit befreundeten Künstlern zusammen schuf, wurden im Kulturzentrum L’Usine in Genf projiziert. Modul8 wurde auch in der Architektur für die Beleuchtung von Gebäuden oder für das Lichtkonzept in Nachtklubs eingesetzt.» Auch hier handelt es sich um eine avantgardistische IT-Anwendung.

 

 

Yves Schmid Dornbierer wohnt im Genfer Viertel Pâquis.

 

 

Obschon die Informatik immer komplexer wird, bleibt unser Genfer Spezialist an der Spitze der Technik, ohne sich jemals an irgendeiner Schulung blicken zu lassen. «All das nötige Know-how steht im Netz zur Verfügung. Wenn Sie wollen, können Sie alles, was zur Programmierung nötig ist, selber lernen.»

«Als das iPhone vor über zehn Jahren die mobile Revolution des Internets auslöste, herrschte für eine kurze Zeit wieder der Pioniergeist der Achtzigerjahre.»

Als vor etwas mehr als zehn Jahren Steve Jobs mit dem iPhone die mobile Revolution des Internets auslöste, war Yves Schmid Dornbierer von den Möglichkeiten des Touchscreens fasziniert. «Das Wachstum der Smartphones und der Tablets hat die Entstehung einer Nische für kleine Entwickler am Rand der grossen Industrie ermöglicht. Für eine kurze Zeit herrschte wieder der Pioniergeist der Achtzigerjahre.»

 

 

60'000 App-Downloads  

 

2010 lanciert er «CosmicPainter», ein Animationstool, das im App-Store erhältlich ist. Mit der Zeichnungs-App können bewegte Bilder erstellt werden. Das Prinzip erinnert an den mechanischen Spirograph aus den Siebzigerjahren, mit dem man geometrische Formen mithilfe runder Plastikzahnräder zeichnen konnte. Auf dem iPad kann man die Linien mit dem Finger ziehen und das entstandene Bild wundersam in alle Richtungen bewegen.

 

Sein 2013 veröffentlichtes Spiel «Runic Sorcerer» wurde 10'000 Mal kostenpflichtig und 50'000 Mal gratis heruntergeladen. Dieses Game versetzt den Spieler in die Rolle eines Zauberers, der seine eigenen fabelhaften Geschöpfe schafft, um gegen andere Spieler zu kämpfen.

Als Vater zweier Töchter (9 und 7) und eines Sohnes (3) lancierte Yves Schmid Dornbierer 2015 «My Little Fairy», ein Kinderspiel, das die Teilnehmer in eine fantastische Welt transportiert. Bei seinen Game-Kreationen macht der Erfinder alles selber, von der Musik über die Animation und die Infografik bis zur Gestaltung der Figuren.

 

 

UFO oder Zauberer

Der vielseitig begabte Yves Schmid Dornbierer ist gleichzeitig Nerd und Künstler, obschon er keine dieser Bezeichnungen für sich einfordert. Er hat seine Begabungen im Dienst seiner Leidenschaft gestellt, immer animiert von einem unerschütterlichen Entdeckungs- und Innovationsgeist. Ja, er ist tatsächlich ein UFO. Oder ein Zauberer.

 

 

 

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