Ein Leben in Fahrt

Der Ballonfahrt-Pionier

Kurt Rünzi war ein Heissluftballon-Pionier und ein echter Draufgänger. Er blickt zurück auf eine gefährliche Zeit ohne Smartphone und GPS.

Helmi Sigg (Text), Barbara Sigg (Fotos), 15. Oktober 2015

Kaum habe ich mich gesetzt – noch bevor ich meine erste Frage stellen kann – schnurrt Kurt Rünzis iPhone. Er entschuldigt sich kurz. Ich treffe den 89-jährigen Ballonfahrtpionier in seiner Altersresidenz in Zumikon. Während er noch telefoniert, schaue ich mich in seinem Wohnzimmer um. Auf dem Tisch liegen Skizzen eines Heissluftballon-Korbs und eines Brenners. Später wird er mir erklären, dass dies ein neues, interaktives Ausstellungsobjekt im Luzerner Verkehrshaus werden soll und er schon einige Vorschläge umgearbeitet habe.

Ich will alles wissen: «Wie hat das alles angefangen?» Rünzis Augen blinzeln vergnügt. «Sechs Jahre vor der Französischen Revolution», erklärt er mit einem breiten Lachen. Wie bitte? «Ja, da haben die Brüder Montgolfier ihr erstes, mit heissem Rauch gefüllte Gefährt in die Luft gebracht.»

 

 

Kurt Rünzi überarbeitet ein Ausstellungsobjekt für das Luzerner Verkehrshaus.

 

 

Und was hat ihn motiviert, sich selber in windige Höhen zu begeben? «Reine Neugierde und ein Vortrag vom Gasballonpionier Fred Dolder, der zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Inserat versprach, dass er über seine Ballonerlebnisse erzählen und den Interessierten eine kleine Fahrt spendieren würde.»

 

 

Vom Ballonfieber gepackt

 

Damals gab es nur Gasballone, der Inhalt wurde im Stadtzürcher Gaswerk in Schlieren direkt abgefüllt. «Als gelernter technischer Kaufmann begann ich nach dem Kriegsende, Falzmaschinen zu entwickeln, aber in die Luft wollte ich schon immer. Das war einfach in mir drin. Also packte ich die Gelegenheit beim Schopf, und nach der ersten kurzen Ballonfahrt war ich ihr hoffnungslos verfallen.»

 

 

 

1/5 Kurt Rünzis Einsitzer-Ballon befindet sich heute im Verkehrshaus Luzern.

2/5 Kurt Rünzi stellte 1970 einen Weltrekord über die Distanz von 258 Kilometern in sechseinhalb Stunden auf.

3/5 In der Nähe von München landete der Rekord-Ballon mit einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern im Schnee.

4/5 Mit moderner Technik kommt Rünzi gut zurecht. Früher stand dem Ballonfahrer zur Orientierung nur eine Landkarte zur Verfügung.

5/5 Rünzi transportierte unter anderem Ballonpost für das Kinderdorf Pestalozzi.

1/5 Kurt Rünzis Einsitzer-Ballon befindet sich heute im Verkehrshaus Luzern.

 

 

Wieder klingelt es, Kurt Rünzi blickt kurz aufs Display und legt es wieder zurück, das habe Zeit. Wie kommt er mit der neuen digitalen Technologie klar? Eigentlich ganz gut, aber ihn störe es schon ein wenig, dass mehr als die Hälfte der Menschen, die er treffe, dauernd nur auf das Handy starren. «Das gibt mir schon zu denken.»

«GPS hatten wir damals noch nicht. Um zu sehen, wo wir uns befinden, hatten wir nichts anderes als eine Karte.»

Kurz Rünzi, Ballonfahrtveteran

Aber natürlich habe das Ganze auch Vorteile. «Heute ist das mit der modernen Technologie ganz anders. Selbst mit einem iPhone kann man Koordinaten fast auf den Meter genau bestimmen. GPS und all das hatten wir natürlich nicht. Wir liessen manchmal einfach einen Kinderballon steigen um festzustellen, woher der Wind wehte. Und dann ging die Post ab. Um zu sehen, wo wir uns überhaupt befanden, hatten wir nichts ausser einer Karte. Funk funktionierte damals nur auf Sicht; ein Hügel, und schon hatten wir keinen Kontakt mehr.»

 

 

 

Kurz Rünzi brachte den ersten Heissluftballon in die Schweiz.

 

 

An seinen Doppelweltrekordflug 1970 erinnert er sich noch haargenau: «Hätte ich geahnt, was mir am 31. Oktober blühen würde, dann hätte ich mehr als nur eine Flasche Bio-Strath als Proviant mitgenommen», grinst er. Der Flug begann harmlos auf der Forch. In der ersten Stunde hatte er gerade mal fünf Kilometer zurückgelegt.

Wenn Kurt Rünzi erzählt, wirkt er wie ein in die Jahre gekommener Indiana Jones.

Über dem Bodensee ging dann plötzlich die Post ab. Schliesslich fuhr er innert sechseinhalb Stunden 258,3 Kilometer weit und landete ruppig und nicht ganz ungefährlich in einem Feld bei München. Wenn Kurt Rünzi erzählt, wirkt er wie ein in die Jahre gekommener Indiana Jones.

 

Pionierfahrten mit einfachsten Mitteln

 

Die aufsehenerregende Fahrt endete mit über sechzig Stundenkilometern mitten im Nirgendwo. «Es dauerte einige Zeit, bis ich im Dunkeln ein Bauernhaus fand und ich telefonisch mitteilen konnte, wo ich mich überhaupt befand.» Er deutet auf sein Handy auf dem Tisch. «Das hätte ich damals gut gebrauchen können.»

 

 

Noch heute spielt die Ballonfahrt eine grosse Rolle in Kurz Rünzis Leben.

 

 

Sein Blick wandert ein wenig wehmütig durch den Raum, vollgestopft mit Erinnerungen an vergangene Zeiten und Abenteuer. Ballonbilder, Auszeichnungen, Souvenirs. Dann kommt Rünzi auf seine spektakuläre Alpenfahrt zu sprechen, auf die er besonders stolz ist – auch wenn es am Anfang so aussah, als würde sie scheitern. Ausgerechnet dieser Tag war vorerst windstill. Erst auf 5500 Metern und bei minus 45 Grad kam Wind auf und trug den Ballon über die Berge. «Wir sind fast erfroren», fasst er kurz zusammen.


Doch wie wurde aus dem Fan selber ein Pionier? Rünzis Augen blitzen wieder, er holt tief Luft. «Ich hatte vom ersten Heissluftballon in den USA gehört.» Sofort reiste der Luftfahrtbesessene nach Amerika, um sich selbst ein Bild zu machen. Begeistert bestieg er eine Gondel, die aus einem Aluminiumgestänge ohne Korb und Wände bestand, an deren Boden zwei Propangastanks mit Bändern befestigt waren, und liess sich in die Höhe treiben.  

 

Ballontaufe mit Erich Kästner


Unschwer zu erraten, dass er sofort ein solches Gefährt erwarb und mit in die Schweiz brachte. Der Rest ist Schweizer Heissluftballon-Geschichte. Sein erster in der Schweiz offiziell zugelassener Ballon wurde sogar von Schriftsteller Erich Kästner getauft, am 3. Mai 1969 in Rapperswil.


Kurt Rünzi ist fit für sein Alter, seine Hände zittern nicht, wenn er mir Wasser nachschenkt. Schmaler ist er geworden, vergleicht man die Bilder aus vergangenen Tagen, aber immer noch dynamisch. Ganz ohne Pannen verlief seine Karriere als Heissluftballon-Pilot nicht ab. Dem draufgängerischsten Teufelskerl passierten auch Malheurs. Beim einzigen Unfall als Fahrlehrer verletzte sich der Pilot, die Mitfahrer blieben heil, der Ballon aber verbrannte im Wald. Trotz Gipsbein liess es sich Rünzi nicht nehmen kurze Zeit später im fernen Mali wieder in die Lüfte zu steigen um Ballonpost für das Kinderdorf Pestalozzi zu transportieren. 

 

 

Der Veteran steigt noch heute in die Lüfte – aber nur noch als Passagier.

 

 

Unzählige Geschichten und Anekdoten begleiten das Leben des Mannes, der auch Bertrand Piccard und Wolfgang von Zeppelin zu seinen Freunden zählt. Vieles nachzulesen in seinem 2001 erschienenen Buch «Abenteuer Heissluftballon».


Einiges aus seinem abenteuerlichen Leben – zum Beispiel den ersten Einsitzer – kann man heute im Verkehrshaus Luzern bewundern. Selber pilotieren mag Kurt Rünzi heute nicht mehr, mitfahren aber immer. Seine letzte Fahrt liegt jetzt auch schon über ein Jahr zurück. Der alte Mann begleitet uns hinaus; ich sehe, er bedauert, dass wir schon wieder gehen.

 

Ein kurzer Händedruck, Rünzi seufzt, sein Blick geht nach oben und verweilt kurz am klaren Himmel. Dort, weit oben, ist eine Freiheit die man nur kennt, wenn man selbst mal da gewesen ist. Oder – wie Rünzi – gut 2500 Mal.

 

 

Über den Autor:

 

Helmi Sigg (62) ist Autor, Blogger, Komiker. Er war Mitglied der legendären Zürcher Comedytruppe Trio Eden. Als Murmeltiermutter Martha im erfolgreichsten Schweizer Mundart-Musical «Ewigi Liebi» trat er vor über einer halben Million Menschen auf. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

 

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