Analoge Brettspiele und digitale Games

Hauptsache spielen!

Spielen ist heute so einfach wie nie: Auf dem Handy, dem PC, mit Karten oder Brettspielen. Gegen alle Erwartungen machten die digitalen Games den analogen Gesellschaftsspielen nicht etwa den Garaus. Im Gegenteil: In jüngster Zeit wachsen die beiden Genres sogar zusammen.

Hansjörg Honegger (Text), 20. Dezember 2017

Stunden! Zwölf, dreizehn, manchmal sogar vierzehn Stunden dauerte ein Spiel. Und nicht etwa am Computer, aufgeteilt über mehrere Tage, wie es heute die Normalität ist. Nein, am Tisch sitzend, schwitzend, grübelnd, diskutierend mit den Konkurrenten – um am Schluss erschöpft über seine Gegner zu triumphieren. Oder auch nicht. Civilization war in den achtziger Jahren ein Geheimtipp für ganz hartgesottene Brettspielfans. Zu sechst spielte man den Aufstieg Europas von der Steinzeit bis ins Mittelalter nach. Grundlage war eine schlichte Karte, aufgeteilt in Gebiete und Sechsecke. Der Rest: Dutzende von Karten und weitere Spieleelemente. Und die Fantasie der Spieler. Riesige Seeschlachten um die griechischen Inseln, verdurstende Soldaten in der Wüste Nordafrikas und Reiterhorden aus dem unendlichen Osten: All das passierte vor dem geistigen Auge der Mitspieler.

 


Vom Brett auf den PC


Das – zugegeben sehr anstrengende – Brettspiel Civilization inspirierte den Spieleerfinder Sid Meier zur gleichnamigen Computerspielreihe. 1991 begann die Serie dann ihren Siegeszug, 2016 mit dem vorläufig letzten Teil. Auch hier baut der Spieler seine Zivilisation auf und versucht sich gegen – virtuelle – Gegner durchzusetzen. Nach einigen Jahren wurde dem Spiel auch ein Multiplayer-Modus beigefügt, der es erlaubt, online gegen menschliche Gegner zu spielen.

 

 

Kam vom Brett auf den PC: «Civilization» Video: Youtube/Vanbergen.

 

 

Es geht aber auch umgekehrt: Ein Brettspiel, das auf einem berühmten (oder vielmehr berüchtigten) Vorbild aus der digitalen Welt aufbaut: «Doom». Der erste Teil des blutigen Shooters erschien bereits 1993 und setzte damals neue Massstäbe in der Darstellung von 3D-Spielumgebungen. Für die Spieler damals eine Offenbarung: Plötzlich waren unterschiedliche Höhen, Schrägen und runde Räume möglich. Die Darstellung war explizit, das Blut der ausserirdischen Dämonen floss in Strömen. Das Game wurde in Deutschland sogar verboten. Die Reihe lebt noch immer und erschien im Jahr 2016 mit der bislang letzten Folge.

 


Ein PC-Klassiker wird analog


In «Doom – das Brettspiel» wird das Game analog umgesetzt. Vier Helden mit unterschiedlichen Fähigkeiten kämpfen sich durch ein Labyrinth, das aus Einzelkarten zusammengesetzt ist. Der Spielleiter hat die Dämonen im Griff und sorgt für Action. Das Game besteht aus zahlreichen Karten, Spielfiguren, Spezialwürfeln und Einrichtungsgegenständen. Die Ungewissheit, was in den Räumen lauert, sorgt für jede Menge Spass und Spannung. Das Spielprinzip selbst wurde schon zuvor von zahlreichen anderen Dungeon-Games auf ähnliche Art umgesetzt.

 

 

Bei «Villa des Wahnsinns 2» treffen die analoge und die digitale Spielewelt zusammen: Brettspiel mit Tablet.

 

 

Wirklich innovativ ist das noch nicht. Denn in erster Linie wird damit versucht, die Marke noch etwas stärker auszuschlachten. Wie es auch die Macher von einem der erfolgreichsten Brettspiele der letzten zwei Jahrzehnte versuchten: «Die Siedler von Catan» erschien ebenfalls für den PC, stiess allerdings bei Kritik und Fans nur auf mässige Begeisterung. Auch «Fallout», eine berühmte PC-Games-Reihe, erschien 2017 als Brettspiel-Adaption.

 

 

Die Welten finden zusammen


Interessanter und etwas innovativer ist der Ansatz, beide Welten im selben Spiel zusammenzubringen. Hier experimentieren die Spiele-Entwickler noch, «Villa des Wahnsinns 2» zeigt aber exemplarisch die Möglichkeiten auf. Die Spielerinnen und Spieler sitzen zwar noch immer um ein analoges Brettspiel, geleitet wird das Game aber von einer App. Sie fungiert als virtuelle Spielleiterin, untermalt die Stimmung mit passender Musik, Soundeffekten und Sprachausgabe. Das bringt tatsächlich eine völlig neue Dimension ins Spiel und sorgt bei diesem Horrorgame nach H. P. Lovecraft für eine zusätzliche Portion Gänsehaut. Ähnliche Ideen werden zunehmend auch in anderen Spielen umgesetzt. Reizvoll etwa «Unlock – Escape Adventure», das die trendigen Escape-Rooms als Gesellschaftsspiel mit App-Unterstützung umsetzt. Ein ganz besonderer Zwitter ist «XCOM: Das Brettspiel». Eigentlich die Adaption eines reinen PC-Games, das aber mit einer App erweitert wird. Die Welten wachsen zusammen. Zur Freude aller Spiele-Fans.

 

 

 

Diskutieren Sie mit

 

 

Nutzungsbedingungen

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.