Dilemma mit digitalen Pendenzen

«Hallooo ...?» – WhatsApp-Chats nerven!

Über WhatsApp, Facebook und Co. kann man super kommunizieren – sofern beizeiten eine Antwort kommt. Warum lässt der andere dann aber so lange auf sich warten? 3 Anschauungsbeispiele und Antworten vom Medienkompetenz-Experten.

Biljana Jovic (Text), 27. April 2017

Ich war vollkommen begeistert. Als mir damals jemand erzählte, bei dieser neuen App namens WhatsApp könne ich erstens über das Internet gratis Nachrichten verschicken und zweitens Chats eröffnen, wo man sich in der Gruppe unterhalten könne. Will ich haben! Telefonieren wird eh überbewertet. Falsch gedacht. 

 

DREI JAHRE SPÄTER FOLGEN DREI ANSCHAUUNGSBEISPIELE:

 

 

1. Der «Habt ihr eigentlich keine Hobbys?»-Chat

 

Der Gruppenchat fängt mit einer guten Sache an: der Organisation einer Überraschungsparty, Ideen für ein Geburtstagsgeschenk oder einen Ausflug. Recht schnell verselbstständigt sich das Ding – auch wegen der vielen Involvierten. Plötzlich fragt jemand: «Kennt hier jemand einen guten Zahnarzt?»

 

 

Ständig leuchtet das Display auf. Auch weil irgendein Spatzenhirn einfach drauflostippt, anstatt vorher seine Gedanken zu einer Nachricht zu bündeln. Der Chat wird zur Nachmittagsunterhaltung. Get a life! Und zum Glück gibt es diese Lautlosfunktion auf WhatsApp.

 

 

2. Der «Es interessiert mich nicht»-Chat

 

Zu dieser Art Gruppe wird man nicht selten aus dem Nichts von frischgebackenen Müttern oder Vätern hinzugefügt. Sie platzen vor Stolz ab dem Nachwuchs, was auch verständlich ist. Anfangs sind die vielen Fotos auch echt rührend. Baby im Kinderwagen, Baby auf dem Schoss. Einmal mit dem Schoppen in der Hand, Schoppen fällt aus der Hand, weinend, schmollend. Hier lächelt es, auf dem anderen auch.

 

 

Hm, ist das wieder dasselbe Bild? Nur Eltern erkennen hier noch die feinen Unterschiede. Tja, was soll man machen – irgendwann wird’s halt belanglos. Und unter uns: Dieses Kind ist, gelinde gesagt, gar nicht herzig.

 

 

3. Der «Warum antwortet keiner?»-Chat

 

Diese Gruppe besteht meist aus einer eingefleischten Truppe, die sich regelmässig zu Drinks, Sport oder anderem, was Spass macht, trifft. Jemand fragt: «Wieder Fritig, 7ni? Treffet mir eus wo?»

 

 

Man will spontan in die Tasten hauen – aber Moment mal. Vielleicht wird man an dem Tag gar nicht in der Stimmung dafür sein. Oder geht doch lieber an diesen anderen Event. Und schreibt: «Muss luege, ob ichs schaff», und entscheidet spontan. Oder noch besser: Erst mal die anderen vorschicken mit Antworten. Man kann sich ja immer noch dazugesellen als cooler Überraschungsgast. Hauptsache, alle Optionen offenhalten.

 

 

 

 

DIE ANTWORT DES EXPERTEN

 

«Eine Frage der Erwartungen»

 

«Dadurch, dass wegen der Digitalisierung viel mehr Informationen reinkommen, werden wir unverbindlicher», sagt Michael In Albon. Er ist ein profilierter Internetexperte, arbeitet im Bereich der Medienkompetenz für Swisscom und erklärt: «Allein über das Kurznachrichtenportal Twitter verschicken Menschen täglich über eine halbe Million Nachrichten. Und es werden immer mehr, weil auch mehr soziale Netzwerke entstehen, die unser Interesse zumindest kurzfristig wecken.»

 

 

«Es gibt solche, welche die Flut an Informationen schlicht überfordert»: Medienkompetenz-Experte Michael In Albon weiss, warum sich manche Menschen aus Gruppen-Chats heraushalten.

 

 

Aber auch menschliche Gründe spielen eine Rolle für das zögerliche bis gar nicht Antworten: «Einige Menschen reagieren nicht unmittelbar aus der eigenen Unsicherheit heraus, andere aus strategischen Gründen, um am längeren Hebel zu bleiben.» Letzteres kommt auch in Geschäftsbeziehungen vor. «Und dann gibt es solche, welche die Flut an Informationen schlicht überfordert.»

 

Auch greifen Mechanismen des Zusammenlebens, die digital und analog identisch sind. Ein radikales Beispiel: Bei Unfällen mit Augenzeugen kommt es vor, dass diese nicht sofort den Krankenwagen rufen, weil sich jeder auf das Pflichtgefühl des anderen verlässt. Ein Missverständnis, das Folgen haben kann. In der Gruppe agiert man also passiver. «Die sozialen Netzwerke verstärken diese Mechanismen durch ihre Anonymität.» Man fühlt sich weniger in die Verantwortung genommen.

«Wir nehmen an, dass unser Anliegen so wichtig ist, dass die andere Person schnell antworten soll.»

Michael In Albon, Medienkompetenz-Experte bei Swisscom

So regeln Sie digitale Pendenzen

 

Im Umgang mit sozialen Medien unterscheidet Michael In Albon zwischen privaten und geschäftlichen Beziehungen. Zackige Dienste wie Twitter oder Facebook verlangen in der Geschäftswelt nach schneller Antwort: «Die Erwartungshaltung ist, dass Swisscom schnell und professionell agiert.» Privat ist er nur auf WhatsApp aktiv und entspannter unterwegs: «Ich handle dann eher aus der Stimmung heraus.» In Albon sieht abschliessend auch ein anderes Problem: «Wir nehmen an, dass unser Anliegen so wichtig ist, dass die andere Person schnell antworten soll.» Ist es das? Und muss sie das?

 

 

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