Kolumne: Sylvie Castagné

Das Internet vergisst nie

Sylvie Castagné schreibt in ihrer Kolumne über Spuren, die wir im Cyberspace hinterlassen, und über die Wirkung unseres «e-Profils».

Sylvie Castagné, 2. Dezember 2016

Es hat sich wahrscheinlich jeder schon einmal gefragt, welche Wirkung sein «e-Profil» hat. Genauso wie jeder sich schon einmal selbst gegoogelt hat, um zu sehen, welches Bild von einem selbst im Cyberspace zu finden ist. Ich selbst tippe zugegebenermassen regelmässig meinen Namen in das Eingabefeld einer Suchmaschine – der leistungsfähigsten –, um zu sehen, was man dort über mich findet.

Ich möchte nicht für Unternehmen arbeiten, die manche meiner Postings schockieren könnten.  

Einige Fotos auf Facebook und Instagram, Publikationen und mehr als zweitausend Tweets. Nicht alle sind «politisch korrekt». Ein Schrecken für das eine oder andere internationale Unternehmen, insbesondere für ein amerikanisches. Eins muss ich sagen: die Vereinigten Staaten sind ein grosses Land, das ich sehr gerne mag. Schon allein, weil ich das Glück hatte, ein Stipendium an einem renommierten Frauen-College in Neuengland zu erhalten. Dennoch war mein Unverständnis gross, als ich am 9. November aufgewacht bin. Aber ich komme vom Thema ab...

 

Auch egal. Und egal, wenn ich wegen meines e-Profils Aufträge verliere. Ich möchte nicht für Unternehmen arbeiten, die manche meiner Postings schockieren könnten. Das ist eine Frage der Affinität.

Nachrichten verbreiten sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer, sobald einmal Feuer an die Zündschnur gelegt wurde.

Die «e-Reputation» eines Freundes hat einigen Schaden davongetragen wegen eines Vorfalls, über den ausgiebig in allen Medien berichtet wurde. Nachrichten verbreiten sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer, sobald die Zündschnur mal brennt. Und die Unschuldsvermutung gilt sowieso nicht mehr.

 

Was bleibt Jahre später von einem bedauerlichen Vorfall im Cyberspace? Spuren in Form von Artikeln und Sendungen, die Medien hinterlassen und die sie im Namen der Meinungsfreiheit nur zögernd löschen. Eine Meinungsfreiheit, die unangenehme Folgen haben kann – denn die Anzahl der offiziell erfassten Klicks ist manchmal wichtiger als die Ethik. Eine gründliche Reinigung wäre ein kostspieliges und darüber hinaus letztendlich vom Zufall abhängiges Verfahren.

 

Jeder Versuch, allfälligen Schmutz vom eigenen e-Profil zu beseitigen, ist ein vergebliches Unterfangen.

Ganz zu schweigen davon, dass jeder einen Artikel, eine Radiosendung oder einen Tweet auf einer Festplatte oder einem externen Datenträger speichern kann. Oder – ganz altmodisch – jede Veröffentlichung ausdrucken kann. Folglich reichen ein Scanner und eine Internetverbindung, um die Information wieder im Cyberspace in Umlauf zu bringen.

 

Meine 17-jährige Tochter, eine fleissige Snapchat-Nutzerin (eine App, die – wir erinnern uns – aufgrund des vergänglichen Charakters der Postings vor allem bei Teenagern beliebt ist), bestätigt: «Man muss nur einen Screenshot machen, das war’s!» Man muss also nur zwei Tasten drücken, um ein Bild zu speichern. Das heisst: Jeder Versuch, allfälligen Schmutz vom eigenen e-Profil zu beseitigen, ist ein vergebliches Unterfangen.

 

Deshalb frage ich mich: Ist der Cyberspace möglicherweise die Arena der Moderne? Der Ort, an dem die erbittertsten Kämpfe ausgetragen werden? Dabei sollte uns allen bewusst sein, dass die zugefügten Verletzungen bleibende Narben hinterlassen. Das Internet vergisst nie.  

 
Sylvie Castagné

lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. Mit Beharrlichkeit und Witz beobachtet die Freelance-Redaktorin die digitale Welt und beschreibt, wie die sozialen Medien unser Leben verändern. Ihre Tochter im Teenagealter findet allerdings, dass ihre Mutter zu viel Zeit mit Facebook, Twitter und Instagram verbringt.

 

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