Computercrack mit 74 Jahren

Rentner als Digital Natives

Sagt man «Digital Native», denkt man etwa an einen 16-jährigen Teenie. Wir haben zwei «Internet-Ureinwohner» reiferen Alters getroffen. Die Entwicklung der Digitalisierung haben sie von Anfang an aktiv mitverfolgt.

Mario Wittenwiler (Text), Daniel Brühlmann (Fotos), 20. Juni 2017

Mindestens einmal pro Woche wird Rentner Rolf Hinnen für einen Computer-Support-Job gebucht: Über das Online-Portal «Rent a Rentner» suchen meistens ältere Personen jemanden, der ihnen geduldig bei Problemen mit einem digitalen Gerät zur Seite steht. Besucht Hinnen jemanden in der Stadt Zürich, steigt er dafür aufs Velo. Kürzlich sei er für einen Auftrag aber auch nach Meggen bei Luzern und Eglisau am Rhein gefahren – im Auto. Bezahlt wird ein bescheidener Betrag nach Aufwand und Erfolg, Spesenentschädigung gibt es keine. Hinnen macht es aus Freude an der Begegnung mit Menschen, die sich äusserst dankbar zeigen, wenn jemand sich Zeit für sie nimmt. 

 

 

Er installiert auch seiner 42-jährigen Tochter den Laptop: Rolf Hinnen, Rentner aus Zürich-Albisrieden.

 

 

Ferngesteuert mit dem TeamViewer

 

Die Einsätze reichen vom Installieren des Druckers über die Bedienungsanleitung für ein Programm wie iTunes, die Problembehebung beim Smartphone bis hin zum Neuaufsetzen eines Notebooks. Zu den Menschen, die ihn dafür um Rat fragen, gehört selbst seine 42-jährige Tochter. Arbeitet Hinnen am Computer eines Kunden, installiert er meistens das TeamViewer-Programm. Über dieses kann er später ferngesteuert von seinem eigenen Rechner aus weitere Probleme auf dem Computer des Kunden beheben. Hinnen ist auch in der Computeria Zürich, einem Verein für ältere Menschen, regelmässig als PC-Supporter im Einsatz. Senioren bringen dort zum Beispiel ihr Notebook mit, das ihnen Probleme macht. Rolf Hinnen hält in der Computeria auch regelmässig Vorträge. Themen sind etwa «Windows 10» oder die Bedienung von Programmen wie Skype oder WhatsApp.

 

 

Aus Rolf Hinnens Alltag: Anfragen wie diese bekommt der 74-Jährige öfters.

 

Für Swisscom Storys erinnert sich Rolf Hinnen an die Pionierzeiten zurück, als es mit der Digitalisierung erstmals losging.

 

«1970 schloss ich mein Studium als Elektroingenieur an der ETH Zürich ab. Informatik konnte man damals noch nicht studieren, sonst hätte ich wohl dieses Fach gewählt. Schon damals interessierte mich die aufkommende Computertechnik: Die Universität verfügte bereits über einen grossen IBM-Rechner, an dem elektrische Impulse simuliert wurden. Ich fragte mich, wie das wohl funktioniert.

Die Speicherdiskette mit einer Kapazität von 1 Gigabyte hatte einen Durchmesser von fast zwei Metern!

Rolf Hinnen (74), dipl. El. Ing. ETH, Rentner aus Zürich-Albisrieden

Später arbeitete ich als Projektleiter für verschiedene Informatik-Dienstleiter. Unter anderem programmierten wir die Automation für grosse Lagerhäuser. Als Erstes speicherten Firmen beispielsweise ihre Kundenstämme oder Verträge digital auf einem Computer. Die Buchhaltung führten sie meistens noch auf Lochkarten.

 

Den ersten Grosscomputer hatte die Rentenanstalt. Man muss sich das mal vorstellen: Die Speicherdiskette mit einer Kapazität von 1 Gigabyte hatte einen Durchmesser von fast zwei Metern! Zum Vergleich: Das hat heute auf einem winzigen USB-Stick Platz.

 

1988 gründete ich mit zwei Partnern eine eigene Informatikfirma. Unter anderem war die Grossbank UBS eine Kundin von uns. Später machte ich mich mit einer Einzelfirma selbstständig. Über Kunden wie die Verpackungsfirma Brieger, für die ich etwa 25 Drucker und Computer programmierte, machte ich Bekanntschaft mit der Windows-Welt.

Leider muss ich sagen, dass vieles Informatikwissen von früher heute unbrauchbar ist.

Rolf Hinnen (74), dipl. El. Ing. ETH, Rentner aus Zürich-Albisrieden

In der Informatik arbeitet man immer zu 120 Prozent. Vor bald zehn Jahren liess ich mich mit 65 Jahren ordnungsgemäss pensionieren. Ich hatte schon früh einen eigenen Computer von IBM zu Hause. Heute habe ich in meinem Haus in Zürich-Albisrieden, wo ich auch aufgewachsen bin, im oberen Stock ein kleines Büro eingerichtet. An meinen drei Computern erstelle ich hier auch einfache Websites und reserviere dafür die passenden Domains.

 

Leider muss ich sagen, dass vieles Informatikwissen von früher heute unbrauchbar ist, analytisches Denken ist immer noch sehr wichtig. Was ich heute kann, das habe ich mir im Laufe der Jahre stets aus Eigeninteresse selbst angeeignet.»

 

 

Early Adopter seit 1979

 

Swisscom Storys hat mit einem zweiten «wahren» Digital Native gesprochen. Wir stellen vor: Jean-Jacques Meyer, Rentner aus Bachenbülach ZH.

 

Jean-Jacques Meyer vor seinem Kaypro 2 aus den frühen 1980er-Jahren.

 

 

«Ich fing 1977 beim damaligen Bankverein in der Buchhaltung an. Die Bank hatte ein Jahr zuvor gerade ihr RTB (Realtime Banking) auf einem Grosscomputer eingeführt. 30 Mitarbeitern aus 9 verschiedenen Nationen stand damals ein einziges Terminal für sämtliche Abfragen zur Verfügung!

 

Auch in meiner Freizeit beschäftigte ich mich mit Elektronik. Damals war mein Hobby der CB-Funk. 1979 kaufte ich mir im Elektronikgeschäft Eschenmoser in Zürich einen kleinen Sharp PC 1500. Damit übte ich das Programmieren mit Basic. Zum Beispiel erstellte ich eine digitale Liste meiner Funkkontakte. Das Programm und die Daten mussten noch auf ein handelsübliches Kassettengerät abgespeichert werden.

 

Der Kaypro 2 mit dem Betriebssystem CP/M, einer der allerersten tragbaren Computer, konnte da schon einiges mehr. Gekauft habe ich ihn mir 1982 – und besitze ihn noch heute. Er läuft sogar noch! Er verfügt über zwei Diskettenlaufwerke für zwei 5¼-Zoll-Floppydisks. Diese Disks waren heikel. Sie waren sehr flexibel, durften aber nicht verbogen werden.

Damals machte ich die schmerzhafte Erfahrung, dass ich mit dem gut gemeinten DOS-Befehl ‹Format C:› gerade die ganze Harddisk gelöscht hatte …

Jean-Jacques Meyer (66), Ex-UBS-Informatiker, Rentner aus Bachenbülach

Später kaufte ich mir für viel Geld einen IBM-PC 1 mit dem Betriebssystem MS-DOS. Auch mein Arbeitgeber stieg in die neue PC-Welt ein. Allerdings bereits mit dem PC 2. Damals machte ich gleich mal die schmerzhafte Erfahrung, dass ich mit dem gut gemeinten DOS-Befehl ‹Format C:› gerade die ganze Harddisk gelöscht hatte …

 

Auch beim Aufkommen des Internets war ich von Anfang an dabei. Bereits 1996 liessen wir in unserer Wohnung in Bachenbülach von der Cablecom einen ‹schnellen› Kabelnetzanschluss installieren. Zuvor diente ein ISDN-Anschluss dem gleichen Zweck. Auch damit liess sich damals schon allerhand experimentieren.

Ältere Menschen sollten keine Berührungsängste haben, neue Dinge in Angriff zu nehmen.

Jean-Jacques Meyer (66), Ex-UBS-Informatiker, Rentner aus Bachenbülach

Nach meiner Pensionierung vor vier Jahren half ich beim Aufbau der Computeria Bülach, die ich heute leite. Ein Team von freiwilligen Supportern unterstützt kostenlos Besucher bei Problemen mit ihrem tragbaren Gerät und beantwortet Fragen. Als eines der häufigsten Probleme zeigt sich, dass die Besucher mit Geräten zu uns kommen, auf denen die Updates nicht nachgeführt wurden.

 

Um von den technischen PC-Entwicklungen nicht überrollt zu werden, ist es unerlässlich, stets am Ball zu bleiben. Dass auch meine Frau als wenig geübte PC-Anwenderin davon nicht verschont bleibt, zeigt sich jeweils daran: Kaum weiss sie ein Programm endlich zu bedienen, beklagt sie sich genervt: ‹Jetzt hat sich schon wieder alles geändert, und ich finde nichts mehr …› Ältere Menschen sollten keine Berührungsängste haben, neue Dinge in Angriff zu nehmen. Als Tipp gebe ich den Senioren und Seniorinnen jeweils auf den Weg: ‹Haben Sie keine Angst vor dem Computer! Bleiben Sie einfach neugierig!›»

 

 

 

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