Kolumne: Sylvie Castagné

Meine Digital-Paranoia

Werden wir von Big Brother überwacht? Sylvie Castagné erzählt uns von ihren Ängsten im Zusammenhang mit der Digitalisierung und wie sie dagegen ankämpft.

Sylvie Castagné, 4. Januar 2017

Sicher: Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Oder zumindest nichts Schlimmes. Auf jeden Fall nichts, das die Sicherheit meines Landes gefährden würde. Oder einen Angriff auf irgendeine Autorität darstellen würde. Und doch passiert es immer wieder, dass ich plötzlich unter Verfolgungswahn leide, wenn ich online bin.

 

Das kleine Objektiv meiner Laptop-Kamera habe ich schon vor langer Zeit mit einem verschiebbaren Abdeckungssystem versehen. Damit kann ich die Kamera verdecken und so verhindern, dass Menschen mit bösen Absichten oder eine Malware mich während der Arbeit ausspionieren. Oder noch schlimmer: in meiner Privatsphäre. Zudem habe ich mir angewöhnt, mein iPhone immer mit dem Display nach unten hinzulegen, sodass die Frontkamera auf der Oberfläche aufliegt. In dieser Position wartet es dann brav, bis ich wieder damit online gehe. Auch erwische ich mich oft dabei, wie ich die Kamera auf meinem iPad mit dem Daumen verdecke.

 

So viel zu meiner Paranoia!

Auch erwische ich mich oft dabei, wie ich die Kamera auf meinem iPad mit dem Daumen verdecke.

Es ist ebenfalls schon lange her, dass ich Ghostery installiert habe, eine Software, die Datenspione aufspürt. Zudem habe ich Time Machine gelöscht – Schluss mit den automatischen Back-ups, mittlerweile speichere ich meine Sicherungskopien auf kleinen externen Festplatten, die ich gleich nach Gebrauch wieder vom Netz trenne und fein säuberlich auf einem Regal aufreihe. Um etwas Ordnung in das Ganze zu bringen, habe ich letztes Wochenende das folgende Buch von Markus Morgenroth gelesen, das erschreckende Tatsachen zu Tage bringt: «Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!». Ein Werk über die wahre Macht der Datensammler, dargelegt an zahlreichen Beispielen.

 

Darin erfährt man unter anderem, dass das in der Personalbeschaffung tätige amerikanische Unternehmen HireRight, das in 240 Ländern aktiv ist, hochspezialisierte «background checks» von Kandidaten anfertigt. Diese Firma durchkämmt nicht nur Ihre Online-Profile, sondern wühlt auch in Ihren medizinischen Daten herum. Da klingeln bereits die Alarmglocken. Hinzu kommt, dass die Algorithmen auch nicht immer fehlerfrei sind. Manchmal reicht ein vertauschter Buchstabe in einem Nachnamen, und schon ist das Schicksal des Kandidaten besiegelt – ohne dass er oder sie überhaupt weiss, wieso. Wegen solcher Fehler, auch wenn sie nur 1 % des bearbeiteten Umfangs ausmachen, werden hunderttausende Personen ungerechterweise und unwiderruflich abgestraft.

 

Wie Deborah Peel, Gründerin der Organisation Patient Privacy Rights, bestätigt, sind «die Methoden, mit welchen die Gesundheitsunternehmen medizinische Daten sammeln, verwenden und vermarkten, schlimmer als die Spionagepraktiken der NSA.» So werden die Informationen über Patienten in der Regel mehrere Tausend Mal pro Tag durch verschiedene Unternehmen aufgerufen.

 

«Sie» könnten dann sehen, ob mein täglicher Konsum an Obst und Gemüse den offiziellen Ernährungsempfehlungen entspricht.

Des Weiteren mache ich keinen Gebrauch mehr von meinen Treuekarten. Ich habe absolut keine Lust, den ungezügelten Appetit dieser nach Daten gierenden Ungeheuer mit Details zu meinen Einkäufen zu stillen. (So viel zur Schwere meiner Paranoia!) «Sie» könnten dann sehen, ob mein täglicher Konsum an Obst und Gemüse den offiziellen Ernährungsempfehlungen entspricht. Aber auch, wie viel Bordeaux-Wein oder Champagner ich kaufe.

 

Dabei ziehen sie nicht in Betracht, dass ihre Auswertung verzerrt sein könnte, bzw. es zwangsläufig ist. Denn es könnte ja sein, dass ich mir als Vorbereitung auf den Dritten Weltkrieg gerade einen Keller einrichte. Und dass ich alle meine Freunde in meinen Keller (oder den atombombensicheren Bunker nebenan) zum Feiern eingeladen habe, um das Unglück zu vergessen, in das sich die Menschheit hineingeritten hat.

 
Sylvie Castagné

lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. Mit Beharrlichkeit und Witz beobachtet die Freelance-Redaktorin die digitale Welt und beschreibt, wie die sozialen Medien unser Leben verändern. Ihre Tochter im Teenagealter findet allerdings, dass ihre Mutter zu viel Zeit mit Facebook, Twitter und Instagram verbringt.

 

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