Digitale Helfer für Nichtsehende

Unterwegs mit Blindenhund und Apps

Das Smartphone hilft der blinden Helene Zimmermann dank intelligenter Apps, Sensoren und Sprachassistenz durch den Alltag. Ganz ohne Blindenführhund Lasco geht’s aber noch nicht.

Helmi Sigg (Text), Barbara Sigg (Fotos), 29. Dezember 2015

Die Frau mit den kurzen Haaren und dem Appenzeller Sennenhund an der Leine steht in der C&A-Filiale in Oerlikon und hält ihr iPhone gegen einen roten Pullover. «Rot», ertönt eine blecherne Stimme. Neugierige Blicke von Verkäuferinnen und Kundinnen folgen der Frau. Helene Zimmermann ist blind, aber dank den vielen hilfreichen Apps und weiteren digitalen Hilfsmitteln sind die alltäglichen Hürden leichter zu bewältigen. So erkennt die Color-Scanner-App die Farbe des gewählten Pullovers. Während ihr Smartphone bei der Farbauswahl hilft, frisst ihr analoges Navi namens Lasco immer noch ganz real Hundefutter.

 

So selbstständig wie Helene Zimmermann Kleider kauft, ist sie auch bei der Arbeit. Zu sechzig Prozent ist sie beim Blindenbund im Bereich Bildung tätig. Zusätzliche gefühlte sechzig Prozent fallen für die ehemalige Primarlehrerin als Lehrbeauftragte der Universität Zürich an. Nicht nur mit Vorlesungen, sondern auch mit vielen anderen Projekten: Zum Beispiel testet sie an der Universität Zürich Programme und Applikationen auf die Zugänglichkeit für Sehbehinderte. Ihre Dissertation schrieb sie zum Thema «Chancen und Grenzen durch den Einsatz neuer Medien in Studium, Lehre und Forschung».

 

 

Lasco ist stets an Helene Zimmermanns Seite.  

 

 

Digitales Licht in ein blindes Leben

 

«Seit achtzehn Jahren lebe ich in absoluter Dunkelheit», erzählt die 1953 geborene Frau. «Das war ein enormer Einschnitt in mein Leben. Vorher habe ich auf einem Auge noch ein paar wenige Prozente gesehen, und plötzlich konnte ich mich auch nicht mehr an hell oder dunkel orientieren. Es war extrem frustrierend.» Viel Unterstützung erfuhr sie durch ihr Umfeld und gute Freunde. «Ich wagte nach meiner Erblindung nochmals eine Ausbildung. Trotz allen Erschwernissen ist es am Schluss gut herausgekommen», schmunzelt Helene und krault ihren Hund Lasco, der nicht von ihrer Seite weicht.

«Ich hatte Glück. Je weniger ich sah, umso mehr neue Hilfsmittel gab es.»

Helene Zimmermann

Helene Zimmermann profitiert von den enormen Fortschritten in der digitalen Welt. «Ich hatte Glück. Je weniger ich sah, umso mehr neue Hilfsmittel gab es. Die Spracherkennung wurde immer besser und es kamen Anwendungen für Farb- oder Licht- und Dunkelheitserkennung.» Wie bitte? Licht und Dunkelheit erkennen? Die Frage des Autors kommt etwas zögerlich. Doch Helene Zimmermann lacht – und fährt dann ernster weiter: Das sei nützlich, schliesslich müsse der Hund auch am Abend in der Wohnung etwas sehen können, und ihre Nachbarn würden am Licht im Fenster erkennen, wenn sie ausnahmsweise mal zu Hause sei.

 

 

 

Das Zusatzgerät Braillezeile kann Schriftzeichen des Computers als Brailleschrift darstellen.  

 

 

Sprachkommunikation an PC und Smartphone

 

Vor ihrem Computer im Büro des Blindenbunds demonstriert Helene ihr Wissen und Können. Blinden Menschen bleibt die Maus verwehrt. Also müssen alle Befehle – und das sind sehr viele – auswendig gelernt werden. Hilfe gibt’s nur dank der Sprachausgabe «Jaws» und der Braillezeile, einem Zusatzgerät, auf dem das Geschriebene und die Bildschirminformationen in Blindenschrift erfahren werden können. Hilfreich sind auch VoiceOver und Siri im Smartphone, die mit Sprachbefehlen zum Beispiel den Terminplaner einfacher bedienbar machen. Ebenfalls nützlich ist die Worterkennungs-Software, die via Scanner ganze Buchseiten vorliest.

 

Doch neben der digitalen ist auch die analoge Orientierung recht aufwändig, zum Beispiel im Zürcher Hauptbahnhof. Hier ziehen sich auf dem Boden haufenweise weisse Linien. Dreifach, längs, quer und von der normalen Bodenoberfläche markant abstehend. Aus der Vogelperspektive ergeben sie einen Strassenplan samt Abzweigungen und Kreuzungen. Diese Leitlinien lassen Blinde und Sehbehinderte selbstständig ihren Weg finden. «Trotzdem ist es manchmal ein regelrechtes Spiessrutenlaufen zwischen Ausgangspunkt und Ziel. Durch tägliche Umgestaltungen wie Baustellen, Umbauten und Erneuerungen wird alles noch mühsamer», erzählt Helene Zimmermann.

 

 

Sprechende Navigationsgeräte nutzt Helene Zimmermann eher mit Zurückhaltung und verlässt sich für die Orientierung lieber auf ihr Gehör und ihren Hund.

 

 

Die taktil-visuellen Markierungen am Boden erleichtern die Mobilität der Betroffenen massiv. Aber: Ohne ergänzenden Unterricht in Orientierung, dem Erkennen von Informationen und deren Positionen sowie einer guten Ortskenntnis wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, dass sich Helene Zimmermann selbstständig im Zürcher HB bewegt. 

 

 

Der Blindenführhund bleibt unersetzlich

Und was wäre mit einem Navi? Hier bekundet sie eher Zurückhaltung. Da sie im Alltag sehr auf ihr Gehör angewiesen ist, würde ein sprechendes Navigationssystem in gewissen Situationen eher stören als helfen. «Dies ist aber nur meine persönliche Meinung, Navis und navigierende Blindenstöcke gibt es bereits auf dem Markt, aber es geht nichts über einen Blindenführhund. Der ist weit mehr als nur eine Mobilitätshilfe.»

«Navigierende Blindenstöcke gibt es bereits auf dem Markt, aber es geht nichts über einen Blindenführhund.»

Helene Zimmermann

Kürzlich beteiligte sich Helene Zimmermann an einem Experiment der Uni Zürich. Es ging darum, auf dem Handy eine Notfall-App zu testen. Ihr kurzer Kommentar: «Alles gut verlaufen, mein iPhone ist nun damit ausgerüstet.» Und schon flattert ein weiteres Angebot herein. Gerne würde man mit ihr eine neue App ausprobieren. Sie präsentiert Wanderwege, zum Beispiel auf dem Zürcher Üetliberg, und wurde für Nichtsehende konzipiert. Helene Zimmermann würde diese Tour am liebsten gleich unter die Füsse nehmen. Trotz der App natürlich in Begleitung von Lasco.

 
 

 

 

Über den Autor:

 

Helmi Sigg (62) ist Autor, Blogger, Komiker. Er war Mitglied der legendären Zürcher Comedytruppe Trio Eden. Als Murmeltiermutter Martha im erfolgreichsten Schweizer Mundart-Musical «Ewigi Liebi» trat er vor über einer halben Million Menschen auf. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

 

Digitale Hilfe für Blinde

Beim Schweizerischen Blindenbund gibt es neben vielen anderen

Informationen auch Tipps für Sehende zum Umgang mit Blinden und Sehbehinderten.

 

Die Apfelschule ist ein Netzwerk blinder und sehbehinderter Menschen. Erfahrene Anwenderinnen und Anwender zeigen, wie man ein Apple-Gerät trotz fehlendem oder eingeschränktem Sehvermögen bedienen und nutzen kann.

 

Mehr Informationen für und über Sehbehinderte und Blinde gibt es beim Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband.

 

Die App Be My Eyes vernetzt Blinde und Sehende. Über die App können Sehende bei unterschiedlichsten Alltagsproblemen helfen. Per Smartphone-Kamera kann eine blinde Person bei einer sehenden Person etwa das Verfallsdatum der Milch erfragen oder sich in einer unbekannten Gegend orientieren.

 

 

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