Digital Detox und die Angst, etwas zu verpassen

Hände weg vom Handy!

Was macht es für uns so schwierig, weniger Zeit ans Smartphone zu verschwenden? Wir haben uns mit der Medienpsychologin und Psychotherapeutin Isabel Willemse über den «Homo Digitalis» unterhalten.

Mario Wittenwiler (Text), 6. Februar 2018

Zu Weihnachten war es wieder so weit: Anstatt den Moment mit seinen Liebsten unter dem geschmückten Christbaum in vollen Zügen zu geniessen, drückte so mancher heimlich unter dem Esstisch auf seinem Handy herum. Ein Vorsatz für das neue Jahr könnte sein, das Handy öfter beiseitezulegen und den Umgang mit dem smarten Gerät nicht zur Sucht werden zu lassen.

 

Die Zahlen sind beeindruckend: Rund ein Drittel der Weltbevölkerung besitzt ein Smartphone – in der Schweiz sind es 78 Prozent. 98 Prozent der Schweizer Jugendlichen haben ein eigenes Handy.Gemäss der Studie JAMESfocus gelten 8,5 Prozent als potenziell «handysüchtig». In den umliegenden Ländern ist diese Quote deutlich tiefer – was aber auch an unterschiedlichen Messinstrumenten liegen könnte. Die Studie zur Mediennutzung Schweizer Jugendlicher führt Swisscom gemeinsam mit der Abteilung für Angewandte Psychologie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) regelmässig durch. Die Projektleitung liegt bei Daniel Süss und Gregor Waller, unter Mitarbeit der Medienpsychologin und Psychotherapeutin Isabel Willemse.

 

 

8.5 Prozent der Jugendlichen weisen eine problematische Internetnutzung aus. Quelle: Studie JAMESfocus.

 

 

Slow Movement und Digital Detox

 

Menschen haben eine angeborene Aversion gegen Nichtstun und Langeweile. Wieso? Wahrscheinlich weil wir mal Jäger und Sammler waren: Wer nichts tat und nur herumsass, der verhungerte ganz einfach. Heute muss man sein Essen nicht mehr jagen, sondern kauft es sich im Laden ein. Per Mausklick kann man es sich per Drohne nach Hause schicken lassen, ohne das Haus verlassen zu müssen. Etwas, das wir in unserer schnelllebigen Zeit aber verlernt zu haben scheinen, ist das Warten: Deshalb ist der Griff nach dem Smartphone so populär – im Restaurant, im Zug oder sogar am Tisch während des Essens oder einer Besprechung. Höflich ist das nicht. Und möglicherweise auch nicht gesund. Die Chance, sich zu verzetteln, ist hoch.

 

 

Welche Medien konsumieren Jugendliche am meisten? An erster Stelle steht das Smartphone. Quelle: Studie JAMESFocus

 

Slow Movement fordert, dass wir uns dringend im «Monotasking» üben sollten. Eine Botschaft, die nicht mehr nur in Yoga-Retreats verbreitet wird. Tatsächlich sind es vor allem Tech-Unternehmen wie Google oder SAP, die ihren Mitarbeitenden Meditationskurse oder «Mindfulness»-Seminare verschreiben. «Mit einigen Slow-Movement-Ansätzen ist auch die Achtsamkeit verbunden. Lernt man, achtsam mit der eigenen Energie umzugehen, kann man Stress leichter begegnen», sagt Isabel Willemse. «Konkret kann das heissen, dass man während eines ‹Offline-Tages› mehr auf sich selbst konzentriert ist, auch mal Langeweile erlebt, dabei aber vielleicht Dinge entdeckt, die man sonst verpasst hätte.» Solche Erfahrungen könnten helfen, das Handy danach gezielter einzusetzen und die Aktivitäten, die man online ausführt, auch bewusster zu geniessen. Hier finden Sie weitere Tipps zur Online-Entgiftung vom Lifestyle-Berater Jeroen van Roojien.

«Verzichten Sie von Zeit zu Zeit einen Tag lang bewusst auf das Internet.»

Isabel Willemse, Medienpsychologin und Psychotherapeutin

 

Nur asozial oder schon süchtig?

 

Ist zu häufige Beschäftigung mit dem Smartphone eigentlich schädlich oder einfach nur asozial? Isabel Willemse: «Vereinfacht kann man sagen: Eine Online-Sucht kann dann vorhanden sein, wenn Schule oder Arbeit, aber auch Familie oder Freundeskreis zugunsten der Internet- und Handynutzung vernachlässigt werden.» Wem es gelingt, immer mal wieder einen Tag handyfrei oder internetfrei zu gestalten, der läuft deutlich weniger Gefahr, süchtig zu werden.

 

Experiment: So lebt es sich ohne Smartphone. Video: Youtube/Dokoo

 

 

«Manche brauchen dafür äussere Kontrolle, indem sie das Gerät jemandem abgeben. Hilfreich ist, wenn man das nahe Umfeld vorab informiert und sich darauf vorbereitet, was man in dieser Zeit alles braucht, wofür man sonst zum Smartphone greift – wie zum Beispiel Fahrpläne oder Wegbeschreibungen», empfiehlt die Medienpsychologin.

 

Wie widersteht man aber dem Drang, aufs Handy zu starren? «Man sollte sich fragen, warum man diesen Drang verspürt, welche Bedürfnisse wirklich damit befriedigt werden und ob man diese auch anderweitig erfüllen kann», so Willemse. Als konkrete Massnahme empfiehlt sie, Push-Meldungen und Benachrichtigungen bei Nachrichten oder Mails auszuschalten oder auf ein Minimum zu reduzieren. «Weiter kann man das Handy lautlos stellen und ausser Sichtweite aufbewahren oder einfach mit dem Display nach unten auf den Tisch legen», so die Expertin. Ein aktueller Trend ist auch die Einstellung des Smartphones auf Graustufen, um die Attraktivität und Anziehungskraft der farbigen Apps zu reduzieren.

 

 

Kennen Sie FOMO?

 

Vor Silvester ging wieder einmal die Angst um, noch keine tollen Pläne für die letzte Nacht des Jahres zu haben. Damit einhergehend die Sorge, dass man die Einladung zur coolen Party eines Facebook-Freundes verpasst, wenn man nicht online ist. Das Phänomen wird FOMO genannt – fear of missing out: die Angst, etwas zu verpassen. Soll man FOMO bekämpfen? Oder dem Gefühl nachgeben? Isabel Willemse meint dazu: «Es kann helfen, Prioritäten zu setzen: Welche Informationen brauche ich dringend? Woher bekomme ich diese?» Manchmal brauche es eine Zeit der Abstinenz, um zu erkennen, was man gewinnt, wenn nicht jede Information scheinbar ungefiltert durchkommt. Dass das Bewusstsein für die Thematik hierzulande durchaus vorhanden ist, beweist, dass bereits im November 2015 in Zürich die erste «Digital-Detox-Konferenz» stattfand.

 

Internet- oder Handy-suchtgefährdet? Hier finden Sie Beratung: zhaw.ch/iap/onlinesucht, safezone.ch, cybersmart.ch, suchtschweiz.ch

 


Ein Gadget gegen die Gadget-Sucht?

 

Für viele von uns ist es das Erste, was wir nach dem Aufwachen tun: zum Handy zu greifen. Stattdessen könnte man wieder einen herkömmlichen Wecker verwenden und das Telefonino aus dem Schlafzimmer verbannen – auch wegen der Strahlung.

 

Eine elegante Lösung für Smartphone-Suchtgefährdete bietet das Mobiltelefon MP01 des Schweizer Herstellers Punkt: Mit dem wunderschön designten Gerät können nämlich nur Anrufe getätigt und SMS verschickt und empfangen werden. Keine E-Mails, keine Apps, kein Internet: ein sogenanntes «Dumbphone» – für Intelligente.

 

Manchmal hilft sogar die Technik für den Digital Detox: Mit Gratis-Apps wie Offtime lässt sich messen, wie viel Zeit man sich tatsächlich mit dem Smartphone beschäftigt. Mit diesem Wissen kann man sein Verhalten entsprechend anpassen.

 

 

 

 

 

Swisscom verteilt Blumen

Damit Sie sich in der digitalen Welt sicher fühlen, engagiert Swisscom sich für einen verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit den neuen Medien. Bis 2020 sollen eine Million Menschen bei einer sicheren und verantwortungsbewussten Mediennutzung gefördert werden.

 

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