Starautor Martin Walker

«Ich wäre gerne ein Roboter»

Der schottische Autor Martin Walker ist für seine Bruno-Kriminalromane bekannt. Nun hat er mit «Germany 2064» einen visionären Thriller geschrieben. Darin entwirft er eine hochtechnologisierte Zukunft, in der Roboter eine wichtige Rolle spielen.

Hajo Braun (Text), Remo Neuhaus (Fotos), 25. November 2015

Martin Walker, sind Sie ein Roboter?
Das wünsche ich mir. Vor allem wenn ich ein Buch beenden muss. Ich muss aber schlafen, ich muss essen und so weiter.

Sie schreiben viel. Ihre beliebte Krimireihe mit Kommissar Bruno läuft weiter.
Ja, genau. Jedes Jahr erscheint ein neuer Band von Kommissar Bruno. Ich arbeite bereits an Bruno 2018.

Das freut Ihre Fans. Ihr aktuelles Buch «Germany 2064» ist ungewöhnlich. Nicht weil es im Süden Deutschlands statt in Frankreich, im Périgord, spielt. Sie haben Ihren Zukunftsthriller quasi anstelle eines trockenen Abschlussberichts für ein Beratungsprojekt der deutschen Regierung geschrieben.
Ja, das Projekt war faszinierend. Das Buch enthält viele Erkenntnisse der Studie «Deutschland 2064 – Die Welt unserer Kinder».

 

 

Martin Walker neustes Buch: «Germany 2064».

 

 

Wie viel von Ihnen steckt in Roberto, dem Assistenten von Kommissar Bernd Aguilar?
(Lächelt.) Ich bin nur ein Schreiber und habe viel über Robotik recherchiert.

 

Roberto wirkt sehr menschlich.

Nun, menschliche Beziehungen sind für Roboter sehr wichtig. Wie können sie mit einem Wesen zusammenleben, das liebt, hasst und ganz und gar nicht so rational ist wie sie? Die armen Roboter! Wie können sie uns verstehen? Durch das Herunterladen und Verarbeiten von Romanen, Gedichten, Filmen – unserer ganzen Kultur.

Sind Roboter die besseren Freunde als Facebook-Freunde?

(Stutzt.) Ja. Vielleicht. Sie lügen auf jeden Fall niemals.

«Schon heute arbeiten Roboter mit Polizisten und Soldaten zusammen.»

Martin Walker, Autor

Müssen wir Roboter erfinden, weil wir nicht perfekt sind? Konstruieren wir Gott?
Das ist ein sehr interessantes Problem. Ich habe mit einem katholischen Bischof gesprochen. «Kann ich meinen Hund im Himmel sehen?», habe ich ihn gefragt. «Nein», hat er geantwortet, «dein Hund hat keine Seele.» Das gefällt mir nicht. Ich will nicht alleine sein.

 

 

Noch Maschine oder schon Mensch? Doku-Film über Roboter. Youtube.com/DokuArchiv

 

 

Wir erfinden uns einen Gefährten?

Mark Twain hat sinngemäss gesagt, der Himmel sei gut fürs Klima, die Hölle besser für eine gute Gesellschaft. Wir Menschen erfinden, weil wir erfinden müssen, was wir uns erträumen. Ja, wir können eben nicht alleine sein.
 
Der Kommissar in Ihrem Buch funktioniert nur im Team mit dem Roboter.

Schon heute arbeiten Roboter mit Polizisten und Soldaten zusammen. Ich war im Irakkrieg und sah Soldaten, die ihren Roboter wie einen Kameraden behandelten. Wenn einer zerstört wurde, ging ihnen das nahe. Nun, nicht wie bei einem Menschen, aber doch nahe. Wir dürfen Partner sein. Wir sind Nachbarn im Leben. Ein Roboter ist nicht nur ein Werkzeug. Hat ein Roboter Rechte? Ein Hund hat Rechte, aber ein Roboter? Hat er ein Recht auf Existenz? 

«Roboter lügen niemals.»

Menschen pflegen Beziehungen auch zu anderen technischen Geräten.

Ja. Ich habe eine Beziehung mit meinem alten Auto, einer Ente. Meine Töchter mit ihren Smartphones. Ich habe keine solch starke Beziehung dazu. Mir ist der Screen zu klein. Was ich will, ist ein Smartphone, das einen grossen holografischen Bildschirm projiziert. Mit Keyboard. Das will ich, und natürlich kommt das!
 
Ist Technologie der Schlüssel zur Lösung unserer Weltprobleme?

Nicht nur. Es sind drei Dinge: Technologie, Politik, Kultur.  
 
Die Technologie …

Löst zum Beispiel unsere Klimakrise.  
 
Die Politik aber versagt doch. Sie findet keine Lösungen.

Es gibt viele gute Politiker.  
 
Sollte nicht das Volk das Sagen haben, wie in der Schweiz?

Sie haben eine wunderbare Demokratie. Gerade haben interessante Wahlen stattgefunden. Nur so viel: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Können, Wollen und Sollen. Ein Politiker ist Experte dafür – nur so findet er die richtigen Lösungen. 

 

 

Autor Martin Wakler beschreibt ein Zukunftsszenario mit Robotern.

 

 

Was macht Sie zum Optimisten?

Das ist meine Natur. Wir haben eine wunderbare Zukunft. Die letzten 30 Jahre haben mit der Globalisierung das Leben von vielen Millionen Menschen besser gemacht. Die Fortschritte sind wunderbar!
 
Was kann die Kultur – Ihr dritter Punkt – zur Lösung der Probleme beitragen?

Mein Roman «Germany 2064» ist nicht nur ein Roman, sondern eine Provokation. Ich will, dass die Menschen über diese mögliche Zukunft nachdenken und sich inspirieren lassen.  
 
Die dem Roman zugrunde liegende Studie zeigt Zukunftsszenarien auf. Warum ist es wichtig, solche zu entwickeln?  

Vielleicht können wir die Zukunft nicht voraussehen. Aber wir sollten unser Denken über die Zukunft organisieren. Wir sind nicht perfekt und erträumen uns unsere Zukunft. Szenarien machen sie greifbarer und helfen uns, den richtigen Weg zu gehen.  
 
Wenn man sich die Zukunft erträumt, dann wird sie auch so.

Ja. Mein Buch enthält deshalb auch meine eigenen Ideen. Sie sind nicht nebulös, sondern konkret. So habe ich über ein neues Steuersystem geschrieben. Es besteuert Transaktionen statt des Lohns.  
 
Wunderbar. Keine Steuererklärung mehr. Aber das wird sich doch niemals durchsetzen.

Das sehe ich anders. Wir haben in den letzten zehn Jahren den Fall des Schweizer Bankgeheimnisses erlebt. In Europa kommt der automatische Informationsaustausch. Das Tempo nimmt jetzt zu. Aber in zehn bis fünfzehn Jahren kommt erst eine neue Finanzkrise. Und damit gibt es neue Antworten. Fortschritt entsteht nur durch Krisen und Herausforderungen.

 

 

 
Über den Interviewpartner

Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und politischer Journalist. Er lebt zeitweise mit seiner Familie im ländlichen Périgord, im Südwesten Frankreichs. Er studierte Geschichte in Oxford sowie internationale Beziehungen und Wirtschaft in Harvard. Danach war er 25 Jahre lang Journalist bei der britischen Tageszeitung «The Guardian». Er war Vorsitzender des Global Business Policy Council, eines privaten Thinktanks für Topmanager mit Sitz in Washington. Heute arbeitet er als Senior Director von A. T. Kearney. Seine Bruno-Gourmetkrimis erscheinen in fünfzehn Sprachen und wurden allein auf Deutsch 1,5 Millionen Mal verkauft (Stand Juni 2015).

 

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