Robert Weiss

Der IT-Dinosaurier

Röbi Weiss trug im Laufe seines Lebens die grösste Computersammlung der Schweiz zusammen. Sein Traum: die Raritäten in einem Museum ausstellen zu können.

Helmi Sigg (Text), Barbara Sigg (Fotos), aktualisiert am 15. September 2016

Robert Weiss ächzt. Er stemmt einen zehn Kilo schweren Stein hoch. «Die erste Harddisk überhaupt», erklärt er. Auf der 4500 Jahre alten Steintafel sind Daten in sumerischer Keilschrift eingekerbt. «Papyrusdokumente sind vermodert, diese Platte hat die Zeit unbeschädigt überstanden», erzählt Weiss im Kellergeschoss seines Hauses, in dem er einen Teil der wohl grössten Computersammlung der Schweiz gebunkert hat.

 

«Während meines Studiums als Chemiker arbeitete ich bei einem Halbleiterhersteller», erinnert er sich. «Diese Welt faszinierte mich total. Es war absolut unglaublich, was man auf einem so kleinen Siliziumsubstrat zusammenbauen konnte. Damals sah man noch alle Komponenten, heute ist nichts mehr sichtbar.» Der Rest ist Geschichte: Das IT-Virus hatte ihn gepackt. Seine Kenntnisse vertiefte er bei Alusuisse und später bei DEC, damals ein ganz Grosser in der IT-Welt. «Dieses Wissen ist noch heute ein Riesenvorteil. Ich verstehe noch, warum und wie manche Dinge funktionieren. Die meisten Informatiker haben heute ja keine Ahnung, was im Innern dieses Gerümpels läuft», erklärt er unverblümt, seine Lachfalten zeigen sich von ihrer besten Seite.

 

 

April 1984: Röbi Weiss erklärt am Schweizer Fernsehen den revolutionären Macintosh-Computer von Apple.  

 

 

Eine grosse Stärke zeigte sich schon früh bei «Röbi», wie ihn alle nennen: Er ist der geborene Kommunikator. Weiss besitzt die Gabe, auch hochkomplizierte Themen so zu vermitteln, dass sie für jedermann verständlich sind. «Plötzlich war ich der Fachmann für Computer und bald darauf auch für die mobile Telefonie», erinnert er sich mit einem leichten Grinsen. «Ich hatte Anfragen vom Schweizer Fernsehen, für die Sendung <Karussell>, die damals von Kurt Aeschbacher und Kurt Schaad moderiert wurde.»

 

Schweizer IT-Experte der ersten Stunde

 

Weiss passte gut in die Vorabendsendung. Er war eine Art Schweizer «Magnum»: gross gewachsen, mit Tom-Selleck-Schnauz und Lederjacke. Bald waren auch andere Medien wild auf den saloppen Querdenker. Er wurde zum IT-Rockstar. Weiss ritt auf der Welle der neuen Technologie, organisierte 1984 das erste Computercamp für Gross und Klein – damals eine Sensation. Brauchte jemand eine Erklärung zu einem Computerproblem oder zur mobilen Telefonie: «Frag doch den Röbi!» Und das ist bis heute so geblieben. Der Mann der ersten Stunde ist die analoge Datenbank für digitales Wissen.

 

 

1/7 PCs der Frühzeit: Links die IBM-Modelle ab 1981 und daneben die ersten legendären Computer aus der Commodore-Familie. Die PET-Geräte (oben) von 1977 zählen neben dem Apple II zu den ersten PCs überhaupt. Bildschirm, Elektronik, Tastatur und Massenspeicher (Musikkassettengerät) sind im Gehäuse integriert).

2/7 Commodore lancierte 1980 mit dem VC 20 seinen ersten erfolgreichen «Volkscomputer». Täglich wurden 9000 Einheiten produziert. In den USA kostete er 299.95 Dollar. Sein Arbeitsspeicher umfasste 5 Kilobyte.

3/7 Die Lisa von Apple stellt einen Meilenstein in der Computertechnik dar, wurde ab 1983 produziert und kostete damals 9995 Dollar. Der teure PC war der erste mit Maus, grafischem Bildschirm und grafischer Benutzeroberfläche. Der Nachfolger war der viel erfolgreichere Macintosh (1984, 2495 Dollar).

4/7 Rechts eine pdp8/e von digital (ab 1965). Links die IMSAI 8080, ein seltenes Exemplar des PC-Vorläufers (1976) als Bausatz. Will man diese Maschinen starten, so müssen die Grundbefehle mittels den Kippschaltern Schritt für Schritt fehlerlos eingegeben werden.

5/7 Mechanische Rechenmaschinen (ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Serie hergestellt) betrieben mit Handkurbeln oder einem Hilfsmotor, erledigten bis in die 70er-Jahre einfache Additionen und Subtraktionen.

6/7 Lochkartengeräte aus den Anfängen der EDV wurden mittels Stecktafeln gesteuert, also noch nicht programmiert im heutigen Sinne. Um in diesem Steckkabelgewirr einen Fehler zu finden, brauchte es sehr viel Geduld.

7/7 Der Commodore 64 («64er», auch «Brotkasten» genannt) war für viele Leute der erste Computer (ab 1982). Neupreis in Deutschland: 1495 DM. Sein Arbeitsspeicher umfasste 64 Kilobyte.

1/7 PCs der Frühzeit: Links die IBM-Modelle ab 1981 und daneben die ersten legendären Computer aus der Commodore-Familie. Die PET-Geräte (oben) von 1977 zählen neben dem Apple II zu den ersten PCs überhaupt. Bildschirm, Elektronik, Tastatur und Massenspeicher (Musikkassettengerät) sind im Gehäuse integriert).

 

 

Auch in Sachen Hardware ist Röbi Weiss der Hüter des verlorenen Schatzes. Was früher Millionen von Franken kostete, ist heute in seinen Lagern konserviert. Hier finden sich Rechner aus Jahrhunderten: Kalkulatoren aus Bambus, maschinelle Wunderwerke aus dem In-und Ausland, erste tonnenschwere Computermonster, Macintosh-Modelle, die floppten, Lernroboter, Lochkartensortierer und die ersten PCs, die heute Kultstatus besitzen.

«Nicht einmal Apple hat alle Modelle vollständig. Ich schon.»

Röbi Weiss, Computersammler

Als fanatischem Sammler schwebt Weiss ein Museum vor, in dem all die Maschinen ausgestellt werden. Die Finanzierung und die Suche nach geeigneten Partnern sind allerdings ein dornenvoller Weg.

 

 

 

Schwer wie ein Dampfbügeleisen: Das erste mobile Motorola-Telefon MCR9500XL.

 

 

Der erste Apple-Computer

 

«Nicht einmal Apple hat alle Modelle vollständig. Ich schon», verkündet er stolz und präsentiert uns Lisa, den ersten Personal Computer von Macintosh, der über ein Betriebssystem mit grafischer Benutzeroberfläche und eine Maus verfügte. «Dieses Gerät kostete 10 000 Dollar, in Deutschland damals 30 000 Mark. Doch das Teil floppte und man hat fast dreitausend Stück davon in einer Müllhalde in Utah vergraben. Bei mir stehen zwei davon herum.» Jetzt lacht Röbi schallend. 

 

 

Der mehrere Jahrzehnte alte Armbandcomputer EMEX RU-156 (Swiss made) kann als Vorläufer der heutigen Smartwatches angesehen werden. Links die Apple Watch.

 

 

Den legendären Commodore C64 besitzt er selbstredend ebenfalls – sogar in der Originalverpackung – genauso wie das erste mobile Motorola-MCR9500XL-Telefon, das schwer wie ein Dampfbügeleisen ist.

 

Das Telefon läutet, Röbi hebt den Arm und spricht in seine Apple Watch. Lachend zeigt er uns anschliessend den EMEX RU-156, einen Armbandcomputer mit Zeitmesser, Swiss made, der schon einige Jahrzehnte alt ist. Vorsichtig steckt er dieses wertvolle Objekt in die Originalverpackung zurück.

«Ich bin immer noch unbändig neugierig auf alles, was da noch kommt.»

Röbi Weiss, Computersammler

Trotz grosser Nähe zur Materie ist Weiss kein betriebsblinder Technikfreak, sondern ein kritischer Geist. «Der gläserne Mensch ist Realität und vieles ist ausser Kontrolle», ist er überzeugt. 

 

Und wie schafft der fleissige Schaffer seinen Ausgleich? «Bei Kochen und Sport kann ich alles vergessen», erklärt der Mann, der die ganze digitale Entwicklung mitgemacht hat und trotz aller Bedenken hoffungsvoll in die Zukunft schaut. Nachdenklich blickt er auf die sumerische Steinplatte: «Wir sind beide nicht mehr die Jüngsten. Aber ich bin trotzdem immer noch unbändig neugierig auf alles, was da noch kommt.»

 

 

Das Computerposter

Neben Büchern und anderen Publikationen realisiert Robert Weiss jetzt ein neues Projekt: Zusammen mit seinem Sohn plant er die Neuauflage seines Computerposters über die Geschichte von Computer, Elektronik, Kommunikation, Internet und Lifestyle. Es ist dies bereits die 5. Auflage mit allen Erweiterungen und Ergänzungen bis 2016. Das Projekt wird durch Crowdfunding finanziert.

 

 

Museum für Kommunikation

Das Museum für Kommunikation in Bern besitzt neben alten Telekommunikationsgeräten, Fernsehern, Radios etc. auch eine Computersammlung. Darunter beispielsweise den abgebildeten Apple II.

 

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