Unser Leben im digitalen Strudel

46 Jahre, die alles verändert haben?

Inwiefern haben Computer und Smartphones unser Leben verändert? Dea Bllaca (20 Jahre) und Michele Scala (66 Jahre) aus Renens im Kanton Waadt ziehen eine Bilanz der digitalen Revolution.

Laurent Seematter (Text), Mark Henley (Fotos), 10. August 2017

46 Jahre liegen zwischen der Geburt von Michele Scala im Jahr 1951 und jener von Dea Bllaca im Jahr 1997. Das ist die Zeit, die nötig war, um vom Ferranti Mark I, einem der ersten im Handel erhältlichen Computer der Geschichte, zum glorreichen Zeitalters des Mobiltelefons Nokia zu gelangen. Dea und Michele haben sich am 13. Juli 2017 in einem Café in Renens getroffen, um ihre Erinnerungen miteinander zu teilen und besser zu verstehen, wie die digitalen Medien ihr Leben verändert haben. Dea ist Studentin und Präsidentin des Jugendrats von Renens. Michele ist pensionierter Lehrer und leitet die VASOS-Sektion von Renens, eine Vereinigung, welche die Interessen von Senioren vertritt.

 

 

BERUFLICHES LEBEN

 

 

 

 

Michele: (liest seine Notizen auf seinem Smartphone): «Ich stamme aus einer italienischen Familie aus bescheidenen Verhältnissen. Mit 18 Jahren konnte ich wählen, ob ich auf dem Feld arbeiten, zum Militär gehen oder Priester werden wollte. Letztendlich konnte ich dank eines kleinen Salärs, das ich mit Fussballspielen verdiente, an der Universität in Neapel ein Studium absolvieren.»


Dea: «Ich wollte zuerst forensische Wissenschaften studieren, aber mit ungefähr 15 Jahren begann ich, an Projekten im Zusammenhang mit Themen wie Jugend, Medien, Gesellschaft usw. mitzuarbeiten. Nun studiere ich Soziologie.»

«Wir dachten, dass wir nach dem Jahr 2000 keine Dokumente mehr ausdrucken und in Ordner ablegen würden ... Heute habe ich alles doppelt!»

Michele Scala
Michele: «Während meines Studiums schrieben wir auf Olivetti-Schreibmaschinen. Das nahm enorm viel Zeit in Anspruch, denn wenn man einen Fehler gemacht hatte, musste man entweder wieder von vorne anfangen oder mühsam versuchen, den Fehler mit einem Radiergummi zu entfernen, was manchmal ein Loch im Papier zur Folge hatte. An der Schule, an der ich unterrichtete, stellten wir Arbeitsblätter noch mithilfe des berühmten Stencil-Kurbelsystems her. Ich erinnere mich, wie die Schüler immer so gern am Papier schnupperten, das sehr stark nach Alkohol roch.»

 

1/5 46 Jahre liegen zwischen der Geburt von Michele Scala im Jahr 1951 und jener von Dea Bllaca im Jahr 1997.

2/5 Dea: «Ich verwende lieber gedruckte Bücher – die sammle ich auch gerne. Ich verbringe schon genug Zeit vor dem Bildschirm, da habe ich keine Lust, auch noch Bücher auf einem Tablet zu lesen.»

3/5 Michele: «Die Treffen fanden an öffentlichen Orten statt, da es noch keine virtuellen Räume wie Facebook usw. gab. Für uns begann ein Flirt oft mit einem Blickkontakt.»

4/5 Dea: «Ich habe mit Freunden einen Roadtrip durch Albanien gemacht, bei dem wir uns einfach vom Wind treiben liessen. Bevor wir losfuhren, hatte ich mir ein paar Sachen notiert und Screenshots von einem Blog mit Reisetipps gemacht.»

5/5 Dea: «Mit 13 oder 14 Jahren begann ich, Facebook zu nutzen. Es war die erste spontane soziale Plattform dieser Zeit, wir stellten unser ganzes Leben da rein. Mittlerweile teilen wir unsere Erlebnisse lieber auf Snapchat oder Instagram.»

1/5 46 Jahre liegen zwischen der Geburt von Michele Scala im Jahr 1951 und jener von Dea Bllaca im Jahr 1997.

 

 

Dea: «An der Uni gibts ein Portal, auf dem die Unterlagen zu den Kursen aller Professoren zum Download bereitstehen. Ich speichere alle Dokumente auf meinem Computer, aber ich lerne trotzdem gerne mit meinen von Hand geschriebenen Notizen. Ich mixe also beide Systeme.»

 

Michele: «Und wir dachten, dass wir nach dem Jahr 2000 keine Dokumente mehr ausdrucken und in Ordner ablegen würden ... Heute habe ich alles doppelt!»

 

Dea: «Auch heute muss man noch in die Bibliothek gehen, um sich Referenzwerke zu besorgen. Die Informationen, die man im Netz findet, scheinen mir weniger verlässlich. Da verwende ich lieber gedruckte Bücher – die sammle ich auch gerne. Ich verbringe schon genug Zeit vor dem Bildschirm, da habe ich keine Lust, auch noch Bücher auf einem Tablet zu lesen.»

 

 

SOZIALES UND GEFÜHLSLEBEN

 

 

 

 

 

Michele: «Wenn man jemandem den Hof machen wollte, musste man sich über die Person informieren, zum Beispiel, indem man eine gemeinsame Freundin über ihre Gewohnheiten ausfragte. Die Treffen fanden an öffentlichen Orten statt, da es noch keine virtuellen Räume wie Facebook gab. Für uns begann ein Flirt oft mit einem Blickkontakt.»

 

Dea: «Bevor ich auf jemanden zugehe, erkundige ich mich über die sozialen Netzwerke über die Person. Die virtuelle Kontaktaufnahme über Likes oder indem man ein Foto kommentiert, ist bereits ein grosser Schritt, auch wenn wir uns hinter unserem Bildschirm verstecken und daher manche Dinge direkter sagen können.»

«Mir ist bewusst geworden, dass die virtuelle Welt kein vollständiges Bild von einem Menschen liefern kann.»

Dea Bllaca

Dea: «Mir ist bewusst geworden, dass die virtuelle Welt kein vollständiges Bild von einem Menschen liefern kann. Die Datingplattform Meetic macht einen seriösen Eindruck, aber die Leute unserer Generation nutzen lieber Instagram. Das gibt uns eine gute Vorstellung von einer Person.»

 

Michele: «Früher schrieben wir uns noch Briefe, und wir mussten das Festnetztelefon der Eltern verwenden. Mein Bruder hatte eine Freundin in Mailand, und seine Telefongespräche kosteten so viel, dass unsere Eltern ihm schlussendlich verboten, das Familientelefon weiterhin zu benutzen!»

 

Dea: «Mit 13 oder 14 Jahren begann ich, Facebook zu nutzen. Es war die erste soziale Plattform dieser Zeit, wir stellten unser ganzes Leben da rein. Mittlerweile teilen wir unsere Erlebnisse lieber auf Snapchat oder Instagram. Facebook nutzen wir eher für familiäre Beziehungen.»

 

 

FERIEN

 

 

 


Michele: «Um eine Reise vorzubereiten, ging man in die Bibliothek oder in eine Buchhandlung, um sich mit Reiseführer und Karten zu versorgen. Die Tickets kaufte man bei einem Reisebüro. Zu jener Zeit reiste man sowieso nicht sehr weit.»

«Wenn man in eine grosse Stadt kam, in der man noch nie war, gab es erst mal eine grosse Suchaktion – man wusste ja nicht, wohin man ging...»

Michele Scala

Dea: «Ich habe mit Freunden einen Roadtrip durch Albanien gemacht, bei dem wir uns einfach vom Wind treiben liessen. Bevor wir losfuhren, hatte ich mir ein paar Sachen notiert und Screenshots von einem Blog mit Reisetipps gemacht. Da wir vor Ort nicht immer Internet hatten, hatte ich auch eine Strassenkarte dabei, um mich orientieren zu können. Man muss heute nicht einmal mehr ein Hotel buchen: Über die Couchsurfing-Website kann man gratis bei Einheimischen übernachten. Diese Art von Plattform ermöglicht es mir, günstiger zu reisen und gleichzeitig Kontakte auf der ganzen Welt zu knüpfen!»

 

Michele: «Wenn man in eine grosse Stadt kam, in der man noch nie war, gab es erst mal eine grosse Suchaktion – man wusste ja nicht, wohin man ging... Man musste sich an bestimmten Punkten orientieren, um den Weg wiederzufinden. Aber man erforschte eine Stadt auch bewusster, und möglicherweise behielt man im Kopf ein genaueres Bild von den Orten, die man besucht hatte.»

 

 

UND IN VIERZIG JAHREN?

 

 

 

 

Michele: «Ich kann mir selbstfahrende Autos auf der Autobahn gar nicht vorstellen. Das ist gefährlich: Diese Autos nehmen dem Individuum die Verantwortung ab. Durch die Vernetzung von Gegenständen und durch die Robotik ist ausserdem manuelle Arbeit immer weniger gefragt. Das kann zu sozialen Konflikten führen, wie sie während früherer industrieller Revolutionen entstanden.»

 

Dea: «Ich sage mir, dass ich in 20 oder 40 Jahren an die technologische Entwicklung gewohnt sein werde, aber vielleicht täusche ich mich... Ich habe manchmal Angst, dass es nichts mehr für uns zu tun geben wird, dass der Mensch ganz durch Roboter ersetzt werden kann. Auf der anderen Seite gibt es auch Bereiche, in denen man schnelle Fortschritte beobachten kann, wie in der Umweltforschung oder den Neurowissenschaften.»

 

 


Generationenübergreifendes Projekt von Renens

 

Seit einigen Jahren veranstaltet die Groupe intergénérationnel de Renens, die sich aus der Vereinigung für ältere Menschen VASOS, der Pro Senectute und der Jugenddelegation von Renens zusammensetzt, eine Aktion mit dem Ziel, die Beziehungen zwischen den Generationen zu fördern. Diese findet jeweils um den 1. Oktober herum statt, dem Internationalen Tag der älteren Menschen. Weitere Informationen:

www.vivreensemblelongtemps.ch


 

 

 

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