Interview Bertrand Piccard / Anton Gunzinger

«Cleantech wird unser Energiesystem umwälzen»

Der Swisscom-Nachhaltigkeitsevent im Zürcher Kaufleuten ging mit zwei prominenten Gastreferenten über die Bühne: Anton Gunzinger, ETH-Professor und IT-Unternehmer, sowie Wissenschaftler und «Solar Impulse»-Abenteurer Bertrand Piccard geben auch im Doppelinterview Vollgas für Cleantech und erneuerbare Energien.

Andreas Turner (Interview), Daniel Brühlmann (Fotos), 9. Dezember 2016

Herr Piccard, Herr Gunzinger, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie von der verlorenen Abstimmung zum beschleunigten Atomausstieg erfuhren?

 

Bertrand Piccard: Die Schweiz hat eine Chance verpasst, sich in nützlicher Frist auf ein vernünftiges Niveau des Fortschritts zu bringen. Wäre das Stimmvolk mutiger gewesen, hätte uns dies zwar etwas unter Zugzwang gesetzt. Doch wer aus einer Verknappung heraus agieren muss, erbringt stets die besten Leistungen. Pioniergeist entsteht, wenn wir unsere Komfortzone verlassen. Bisher wurde noch jeder grössere Evolutionsschritt der Menschheit durch Krisen ausgelöst. Hätten wir keine Krisen meistern müssen, würden wir heute noch in der Steinzeit leben.

Anton Gunzinger: Die Energiestrategie 2050 an sich ist ja eigentlich viel zu zahm. Jetzt verliert sie nochmals an Fahrt. Dazu kommt: Volkswirtschaftlich werden die Folgen des Kernkraftwerkbetriebs rasch ans Eingemachte gehen. Jede Minute, in der diese Meiler weiterlaufen, bedeutet einen Verlust. So ist es kein Wunder, dass Alpiq das AKW Gösgen dem Bund bereits für einen Franken überlassen wollte.

 

 

Für Abenteurer Bertrand Piccard hat die Schweiz eine Chance zum Fortschritt verpasst.

 

 

Immerhin schadet die Kernkraft dem Klima nicht.


Piccard: Ich bin nicht dogmatisch gegen die Kernkraft. Nur wird sie heute auf Basis einer alten Technologie genutzt. Das MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Boston hat eine Methode entwickelt, bei der unsere heutigen Atomabfälle als Rohstoff dienen, um Strom zu produzieren. Und die neuen Abfälle strahlen nur noch hundert Jahre radioaktiv. Das wäre wunderbar.
Gunzinger: Bis aktuell geplante Atomkraftwerke egal welcher Bauart am Netz sind, haben sie gegen die Erneuerbaren schon rein aus Kostengründen keine Chance mehr. Europa könnte bereits heute sämtliche Atom- und Kohlekraftwerke abschalten. Bestehende Gaskraftwerke und Pumpspeicherwerke decken die Differenz zwischen erneuerbarer Grundproduktion und der Nachfrage zu Spitzenzeiten.

«Wenn Donald Trump tatsächlich Amerika «great again» machen will, kann er das nicht ohne erneuerbare Energien und Cleantech tun.»

Bertrand Piccard, Abenteurer und Wissenschaftler

 

Werden die erneuerbaren Energien von selbst das Rennen machen, oder brauchen wir starke Politiker, die uns in die Energiezukunft führen?

 

Gunzinger: Cleantech ist in der Lage, das Energiesystem umzuwälzen. Der Druck vom Ausland auf die Schweiz wird in allen Cleantech-Geschäftsfeldern gigantisch werden. Entweder schwimmen wir auf dieser Welle mit oder wir sind bald «out of business». Entweder verstehen das die Politiker oder eben nicht. Das grösste Problem dabei ist: Solche Verwerfungen in der Energielandschaft bedeuten immer auch einen Machtumbau. Und wer die Macht behalten will, stellt sich gegen die Veränderung.
Piccard: Wenn wir die aktuelle Energiepolitik betrachten, dann scheint «Solar Impulse» ein sinnloses Projekt gewesen zu sein. Es gibt so viele Leute, die in der Vergangenheit leben. Fast wie in einer anderen Welt, in der es noch nicht die Antworten, Lösungen und Technologien von heute gibt. Ich habe eine Anfrage aus den USA erhalten, ob ich mit Donald Trump sprechen möchte. Wenn er tatsächlich Amerika «great again» machen möchte, kann er das nicht ohne erneuerbare Energien und Cleantech tun. Denn das ist der einzige Weg, um das angestrebte Wachstum zu erzielen. Mit einem überholten Ansatz, dem Konsumenten alte Technologie und alte Produkte anzubieten, die umweltschädlich, ineffizient und teuer sind, geht das nicht.

«Wer ein Haus besitzt, sollte eigentlich wissen, was er zu tun hat – nämlich so schnell wie möglich von fossil auf erneuerbar umstellen.»

Anton Gunzinger, ETH-Professor und IT-Unternehmer

 

Politik hin oder her: Was kann in der Schweiz jeder einzelne tun, um seinen Beitrag für eine nachhaltige Energiezukunft zu leisten?

 

Gunzinger: Wer ein Haus besitzt, sollte eigentlich wissen, was er zu tun hat – nämlich so schnell wie möglich von fossil auf erneuerbar umstellen. Das moderne Powerpack, bestehend aus Photovoltaik und Batterie, ist eine so starke Kombination, dass sie unser Stromversorgungssystem auf den Kopf stellen wird. In naher Zukunft werden wir damit nur noch Kosten von 3 Rappen pro Kilowattstunde haben – einer für die Solarstrom-Produktion und zwei für die Speicherung. Ich bitte Sie, wo gibt’s da noch Fragen?
Piccard: Es ist sehr leicht, auf 20 Prozent der heute produzierten Bandenergie zu verzichten. Das Hauptproblem ist ja nicht, wie viel Energie wir konsumieren, sondern wann wir dies tun. Wird der nicht verbrauchte Strom in Batterien gespeichert, steht er für Verbrauchsspitzen zur Verfügung. Wir müssen also nicht mehr warten, die Lösungen haben wir bereits heute.
Gunzinger: Eines ist sicher, die Umgestaltung des Energiesystems wird rasch vonstatten gehen – denken Sie nur an die Smartphones. Vor zehn Jahren hatte niemand eines, heute jeder. Wer ein Haus neu baut oder komplett saniert, bekommt sein Solardach heute sogar bereits «gratis», denn es ist heute nicht mehr teurer als ein konventionelles Ziegeldach.

 

 

Sieht bei erneuerbaren Energien klare Vorteile: ETH-Professor Anton Gunzinger.

 

 

Der stromautarke Haushalt – schon bald eine Realität?


Gunzinger: Mit grosser Wahrscheinlichkeit ja. Die Preise der Batterien sind bereits im Keller, das Spiel wird neu gemischt, und im Untergrund haben sich die Dinge bereits fundamental verschoben. Nur scheint bei der Mehrheit der Bevölkerung die neue Realität noch nicht ganz angekommen zu sein.
Piccard: Die Leute sagen sich: Uns geht’s doch gut, warum sollten etwas ändern? Und vielleicht werden wir auch nichts ändern. Die Fortschritte werden dann andere Länder machen.

 

 

Herr Piccard, Solar Impulse ist Geschichte. Was kommt als nächstes?


Piccard: Mein nächstes Projekt findet auf dem Boden und nicht in der Luft statt. Ich möchte eine Cleantech-Weltallianz lancieren. Es gibt unglaublich viele Start-up-Firmen, die Lösungen haben, um die Energieeffizienz zu verbessen, die erneuerbaren Energien besser zu nutzen und das Klima zu entlasten. Alle diese Lösungen sind der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Und sie bleiben es, wenn Finanzierungen ausbleiben. Ich möchte alle diese Firmen zusammenbringen, Synergien bilden, «Cross Feeding» realisieren und Investitionen ermöglichen. Mein Ziel ist, in weniger als zwei Jahren tausend Lösungen aufzuzeigen, welche dazu dienen, die Energiewende voranzubringen und den Klimawandel zu stoppen. Mit tausend Lösungen werden wir endlich breitenwirksam glaubwürdig sein.

 

Gunzinger (l.) und Piccard glauben an einen schnellen Energiewandel.

 

 

 

Die Interviewpartner

Bertrand Piccard (58) ist Wissenschaftler, Psychiater und Abenteurer. Er stammt aus einer Forscherfamilie: Grossvater Auguste stieg als Erster mit einem Ballon in die Stratosphäre auf. Vater Jacques tauchte mit einem U-Boot an die tiefste Stelle der Weltmeere. Bertrand Piccard absolvierte 1999 die erste Nonstop-Weltumrundung in einem Heissluftballon. 2016 gelang ihm mit André Borschberg die komplette Umrundung des Erdballs mit dem Solarflugzeug «Solar Impulse».

Anton Gunzinger (60) ist gelernter Radioelektriker und studierter Elektroingenieur (ETH Zürich). Seine Dissertation verfasste er über Parallele Bildverarbeitungsrechner. 1993 gründete er die Firma Supercomputing Systems AG, die heute ihren Sitz im Zürcher Technopark hat. Daneben hat Gunzinger einen Lehrauftrag an der ETH Zürich. 2015 erschien sein Buch «Kraftwerk Schweiz, Plädoyer für eine Energiewende mit Zukunft».


 

Nachhaltigkeit bei Swisscom

Im Rahmen ihrer Corporate-Responsibility-Strategie setzt Swisscom auf Partnerschaften im Bereich Klima- und Umweltschutz. So auch mit Solar Impulse.  

 

 

 

 

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