Hotel Waldhaus

Digitale Auszeit mit Jugendstil

Unser Autor nimmt Sie mit auf eine Zeitreise. Mitten in der Schweiz, im altehrwürdigen Kurhaus, verlässt er das hektische digitale Leben und entdeckt beim Flanieren durch die 138-jährige Geschichte den Luxus einer vergangenen Epoche.

Reda El Arbi (Text), Markus Lamprecht (Fotos), 24. September 2015

Wolkenfetzen umschleiern die steilen Wände des Flimsersteins. Ich sitze auf einem grosszügigen Balkon und blicke über Park und Brunnen in eine der bewegendsten Landschaften der Welt: Unten die imposante Rheinschlucht, durch die sich der Vorderrhein schlängelt, im Rücken die Tschingelhörner, die zum Unesco Weltnaturerbe Glarner Hauptüberschiebung gehören. Ganz kurz blitzt das Bedürfnis auf, die Szene für mein digitales Netzwerk mit dem Smartphone festzuhalten. Ich entspanne mich wieder. Die Berge sind auch real, wenn ich sie nicht auf Facebook oder Instagram teile.

Das 138-jährige Berghotel musste einige Wochen zuvor die Bilanz deponieren und ist faktisch bankrott. Dank einer Auffanggesellschaft empfangen uns nach zwei Stunden Fahrt freundliche Rezeptionisten. Der Eingangsbereich ist modern ins alte Jugendstilgebäude eingepasst.

 

 

Wie im Museum: Der Autor flaniert durch 138 Jahre Hotelgeschichte.  

 

 

Unser Zimmer, eher eine Suite, ist riesig, verfügt über zwei Badezimmer und den eingangs erwähnten Balkon. Jedes einzelne Zimmer unterscheidet sich in Einrichtung und Architektur. Und die Mischung aus alt und neu, die Sichtbarkeit der verschiedenen Epochen, verleiht den Zimmern Charme. Man könnte erwarten, dass ein 5-Sterne-Hotel in der Schweiz perfekt ist, dass jedes Detail geplant und konzipiert wurde, aber dem ist nicht so.

 


Spannungsgeladenes Generationentreffen


Gerade die kleinen Unzulänglichkeiten und Anachronismen – keine digitale Keycard, sondern echte Schlüssel mit Metallanhänger, hübsches Unkraut, das auf dem Balkon in einem Fassadenriss blüht – lassen eine Gemütlichkeit aufkommen, die man in teuren neuen Häusern nicht künstlich herstellen kann. Letzten Sommer spazierten hier Michael Caine, Rachel Weisz und Harvey Keitel. Der Regisseur Paolo Sorrentino benutzte diese symbolische Mischung aus alt und neu, um in seinem – gerade in den Schweizer Kinos gestarteten Film «Youth» die Spannung zwischen jung und alt zu inszenieren. Es ist irritierend und ein wenig aufregend, sich an jeder Ecke in einer Szene wiederzufinden, die man gerade im Kino gesehen hat.

 

Aber es ist nicht nur die Umgebung, die sich der Realität entzieht, auch das eigene Verhalten verändert sich. Manager lassen sich aus der permanenten Erreichbarkeit reissen, man sitzt in dieser Kulisse und unterhält sich. Die sonst allgegenwärtigen Smartphones und Laptops sind ausser Sichtweite. Man googelt nicht, wenn man etwas wissen will. Man fragt das dezente, aber allgegenwärtige Personal. Sogar ich, bekennender Online-Süchtiger, trenne mich von meinem digitalen Tropf und geniesse meine reale Umgebung und schlendere durchs Areal.

 

 

1/6 Schäbiger Charme der alten Architektur machts gemütlich.

2/6 Der Autor fühlt sich wie auf Zeitreise. Original alt, aber nicht Retro.

3/6 Zimmermädchen in Uniform wieseln durch die Zimmer und sorgen für beständige Ordnung.

4/6 Die Villa wurde für die englische Königin gebaut. Dekor für einen Mantel-und-Degen-Film?

5/6 Im Keller ist den Schätzen aus 138 Jahren Hotelgeschichte ein Museum gewidmet. Alte Plakate, antike Möbel, Buchhaltung auf Papier. Alles wird liebevoll präsentiert.

6/6 Alt trifft auf neu: Der antike Brotofen und der kleine Handtuchwärmer für die Shiatsu-Massage. Wohlige Wärme im Laufe der Zeit.

1/6 Schäbiger Charme der alten Architektur machts gemütlich.

 

 

Die drei ursprünglichen Gebäude, also das Haupthaus, die kleine Jugendstilvilla Silvana, die für die englische Königin erbaut wurde, und der Gartenpavillon (früher das Casino mit über 40 «Servierfroileins»), sind mit einem gedeckten Spazierweg und einem unterirdischen Gang verbunden. Die Wege treffen sich unter einer Kuppel in der Mitte des Areals. Ehemals, in vorelektrischen Zeiten, wurde hier der Essensgong geschlagen, dessen Klang durch die Wölbung der Kuppel verstärkt über das ganze Gelände getragen wurde.

Auf der Terrasse des Pavillons genehmige ich mir einen Kaffee und betrachte das moderne Hallenbad. Hier hatten die Architekten dieses feine Gespür für Balance. Die Kombination von alt und neu kreiert eine fast zeitlose Sprache: Ganz aus Glas und Stahl, fügen sich die Anlage und der dahinter liegende Freiluftpool passend in die Szenerie ein. Hier liess Sorrentino Gruppen von Kur-Zombies, Gäste in weissen Bademänteln, im Gleichschritt aufmarschieren, während in der Realität Kinder um die neonfarbenen Liegestühle herum spielen und verbotenerweise in den glasumfassten Pool stürzen. Die Realität schlägt an dieser Stelle die Kunst an Lebendigkeit, auch wenn insgesamt eher Ruhe herrscht. Das Hotel ist mitten in der Woche zu 50 Prozent ausgelastet, trotzdem begegnet man nur wenigen Menschen. Die Parkanlage des Hotels ist weitläufig, man geniesst die Abgeschiedenheit. Unterhalb des zweiten Glaskubus, eines der Restaurants der Hotelanlage, springen Zwergziegen und Esel herum.

 

 

Blick aus dem Hallenbad auf die Front des Jugendstil-Pavillons.

 

 

Mit Musse auf Zeitreise

 

Man begibt sich auf eine Zeitreise. Dafür muss ich noch nicht einmal die Lichtgeschwindigkeit überschreiten, es reicht ironischerweise, sich einfach etwas Zeit zu nehmen. Nur schon die Architektur, die Schnörkel, die Details der Möbel lassen Eindrücke aus den verschiedensten Epochen entstehen. Am eindrücklichsten ist aber das Museum in den Gewölben unter dem Pavillon. Wieder bin ich versucht, mit meinem Handy die alten Rechenmaschinen, Kassen und Unterlagen zu fotografieren. Diesmal hält mich das fehlende Netz im Keller davon ab, die Welt unmittelbar daran teilhaben zu lassen. Eine Sammlung alter Nachttöpfe erinnert mich daran, wie das Leben vor hundert Jahren ausgesehen hat. Und wieder kann ich aufatmen. Es ist, als ob die vergangene Zeit aus den vergilbten Gästebüchern, den antiken Telefonapparaten und den Holzskiern auf mich überginge.

Man erhält Einblick in eine Klassengesellschaft, wie sie heute kaum mehr spürbar ist. Früher standen die einheimischen Flimser draussen und riskierten einen Blick auf die Erholungsoase der Reichen aus aller Welt. Während Königinnen, Rüstungsindustrielle, Adelige und Geldaristokratie kurten, sich entspannten und vergnügten, führte der Weg der Einheimischen nur als niedere Angestellte über die Dienstboteneingänge in diese Luxuswelt. Selbst heute strahlt das Hotel noch diese Atmosphäre aus. Beim Packen für diesen Ausflug nahm das Nachdenken über angemessene Dinnergarderobe einen nicht kleinen Platz in der Planung ein.

 

 

Die Hotelbibliothek: Ein Ort, an dem man liest, nicht googelt.

 

 

Inzwischen hat sich das geändert: Spa und Hallenbad stehen allen offen, die Hotelleitung bemüht sich, das elitäre Image des Grandhotels zu überwinden und die Menschen aus der Region in ihren altehrwürdigen Hallen willkommen zu heissen. So werden Silvester- und Sommerpartys mit einem lokalen Veranstalter durchgeführt, sämtliche Aufträge werden wenn immer möglich lokal vergeben. Das macht das Parkhotel zu einem Wirtschaftsfaktor in der Region und sichert die Sympathien der Flimser.

 


Gastronomische Luxuswelt


Zurück im Zimmer, benutze ich beide Badezimmer, einfach weil sie da sind. Aber das Gefühl von Luxus stellt sich dadurch nicht ein. Dieses Gefühl kommt später, beim Abendessen im «einfachsten» Restaurant des Anwesens. Mit «einfach» ist gemeint, dass es hier keine speziell erwähnten «Gault Millau»-Punkte gibt und dass die Küche nur Bündner Spezialitäten und Bündner Produkte serviert. Trotzdem hab ich meinen Veston angezogen. Die Atmosphäre ist gediegen, unser Platz am riesigen Fenster exklusiv, das Essen göttlich. Meine Begleitung isst Suppe mit Hirnklösschen, ich entscheide mich für ein weniger ausgefallenes Gericht mit Fleisch und Sellerie-Kartoffelstock. Beides grossartig. Persönlich vermisse ich nur die hemdsärmelige Bündner Rauheit, die ich eigentlich sehr schätze. Es ist mir hier, im «einfachsten» Restaurant, noch immer etwas zu steif. Aber ich darf nicht vergessen, dass ich schliesslich in einem 5-Sterne-Plus-Haus bin.

Nach einer erholsamen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück verlasse ich diese Traumwelt wieder, noch etwas entrückt, entspannt und mit einem tiefen Verständnis dafür, warum Menschen so viel Geld ausgeben, um sich für ein paar Tage von der Welt entrücken zu lassen. Naja, wenn man es sich leisten kann. Kurz vor Chur klingelt mein Telefon. Ich lass es einfach noch etwas weiterklingeln.

 

 

Über den Autor:

 

Réda El Arbi ist freier Journalist und Autor, unter anderem für den «Tages-Anzeiger». Er leitete für mehrere Jahre als verantwortlicher Redaktor im «Blick»-Newsroom das Ressort Zürich und zeichnete für verschiedene Reiseberichte. Bis 2014 war er zudem Chefredaktor des Online-Magazins «clack.ch».

Die Geschichte des Grand Hotels Waldhaus Flims
 

1877: Eröffnung des Kurhauses (heutiges Grand Hotel).

 

1889: Elektrifizierung des Hotels und zugleich Inbetriebnahme des damals grössten privaten Elektrizitätswerks der Schweiz mit 60 PS.

 

1894: Eigene Bäckerei wird eingerichtet; Einrichtung eines Freiluftbades  (Fitnesscenter), getrennt für Männer und Frauen.

 

1901: Erster Telefonanschluss in Flims im Park des Hotels in einem separaten kleinen Kiosk, da man die Auswirkung nicht kannte (Blitz, Brand usw.).

 

1925: In Graubünden werden Autos zugelassen; Bau von Autogaragen.

 

1945: Bau der ersten Sesselbahn in Flims.

 

1975: Um- und Neubau des Casinos und Umbenennung in Pavillon.

 

2006: Das Waldhaus Flims ist Gastgeberort der Herbst-Auswärtssession. des eidgenössischen Parlaments.

 

2013: Das Resort wird von der SonntagsZeitung als «Hotel des Jahres 2013» ausgezeichnet.

 

 

 

 

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