Service public in Braggio

Die einsamste Telefonkabine der Schweiz

In Braggio gibt es vieles nicht. Aber es gibt eine Telefonkabine. Einst war sie der Mittelpunkt des Dorfes, heute wird sie im Durchschnitt noch zweimal benutzt. Pro Jahr.

Roger Baur (Text), Maxime Da Costa (Fotos), 9. August 2016

Wenn eine über die tiefsten Geheimnisse dieses hochgelegenen Dorfes informiert ist, dann wohl sie. Teenager verbanden sich von hier aus mit der weiten Welt. Denn hier konnten sie, hier konnten alle, mal in Ruhe reden. Ungehört ungehöriges ausplaudern, ganz privat. Und wenn doch einer den Versuch machte zu lauschen, flog er sofort auf – denn schliesslich ist sie voll und ganz transparent.

 

 

Im kleinen Dorf Braggio im bündnerischen Calancatal wohnen gerade mal 50 Personen.  

 

 

Das Tor zur Welt

 

Ja, die Telefonkabine in Braggio war so etwas wie der Mittelpunkt dieses kleinen Bündner Dorfes im Calancatal. Ein Dorf mit heute noch 50 Einwohnern, nahe an der Grenze zum Tessin. Vieles gibt es hier nicht oder nicht mehr: Autos etwa, weil das Dorf nur per Seilbahn oder über einen Pfad zu erreichen ist. Auch Shopping oder kulturelle Angebote decken lediglich der kleine Laden und das einzige Restaurant ab, das direkt neben der Telefonkabine steht.

Die häufige Benutzung der Telefonkabine liess erahnen, dass jemand auf dem Absprung war.

Was sich draussen in der Kabine abspielte, gab einst drinnen in der Beiz zu reden. Die häufige Benutzung der Telefonkabine liess erahnen, dass jemand auf dem Absprung war; in Richtung Talboden, vielleicht gar weiter nach Bellinzona. Denn jeder wusste: Es ist die Liebe und es sind die Jobs, die die Bewohner von hier wegziehen – und die Türe der Telefonkabine war der Ausgang.

 

 

 

1/4 Telefonie-Grundversorgung bis ins hinterste Tal: Die Telefonkabine von Braggio.

2/4 Die Swisscom-Telefonkabine steht mitten im malerischen Dorf.

3/4 Das funktionstüchtige Telefon wird nur selten benutzt. Heimtelefone und Handys lassen die Kabine fast verwaisen.

4/4 Das Dorf ist nur über die Seilbahn oder einen Fussweg zu erreichen.

1/4 Telefonie-Grundversorgung bis ins hinterste Tal: Die Telefonkabine von Braggio.

 

 

 

Relikte aus einer vergangenen Epoche

 

Und so sind sie langsam verschwunden: die Jungen, die Wilden, die Liebenden. Doch die Kabine hat überlebt: Der Wunsch der Gemeinde und ein Bundesgesetz erhalten sie noch am Leben. Swisscom kommt alle zwei Monate vorbei, um sie zu reinigen – häufiger, als sie benutzt wird. Ihr Umsatz belief sich in den letzten 12 Monaten auf 1 Franken und 40 Rappen. Damit gehört sie zu einer grossen Gruppe von Kabinen, die kaum noch benutzt werden – vergessen zurückgeblieben aus einer anderen Zeit. Weniger Umsatz als der Standort in Braggio macht nur noch gerade eine Anlage auf der Fiescheralp.

Das Dorf ist mit 4G und schnellem Internet über den Telefonanschluss erschlossen.

Denn unterdessen gibt es andere Formen der Kommunikation, selbst in Braggio. Das Dorf ist mit 4G und schnellem Internet über den Telefonanschluss erschlossen. Wer hier lebt, hat Anschluss an die Welt. Und genau das treibt nun plötzlich immer häufiger auch Zuzüger hierher: Junge, Wilde, Liebende. Sie kommen ursprünglich von anderswo, aber ziehen hierher um zu bleiben. Übernehmen alte Bauernhöfe oder leerstehende Häuser, um von zuhause aus zu arbeiten. Eine Telefonkabine brauchen sie nicht mehr.


Und so steht sie weiterhin da: stolz, glänzend, kerzengerade und hütet halt die Geheimnisse derer, die schon lange weg sind. Bis auch sie vermutlich eines Tages das Dorf verlassen wird.

 

Öffentliche Sprechstelle im Calancatal

 

Der «Tages-Anzeiger» berichtet über unsere Story zur einsamsten Telefonkabine der Schweiz.

 

 

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