Gameturniere

Die virtuellen Champs von Fehraltorf

Ein Besuch bei einem Fifa-2016-Turnier in Fehraltorf – oder: Wenn nach dem Fussballspiel die Fingerkuppen brennen. Bildschirm an, Controller in die Hand und Anpfiff.

David Sarasin (Text), Daniel Brühlmann (Fotos), 3. Juni 2016

Man würde nicht denken, dass ein verschlafenes Dorf im Zürcher Oberland Zentrum des weltweiten Fussballs ist. Keine Fussgänger auf Fehraltorfs Strassen an diesem Sonntagmittag, nur vereinzelt durchschneiden Velofahrer die Idylle. Doch in der Mehrzweckhalle Heiget am oberen Rand des Dorfes tut sich etwas: Dort sitzen junge Männer mit Controllern in der Hand um Hightech-Bildschirme. Konzentrierte Stille, nur dann und wann hallen Flüche durch den Saal. Es ist Turniertag in Fehraltorf, rund 120 Teilnehmer sind gekommen. Das Spiel, das über die Grossleinwand am oberen Ende des Saals  flimmert, heisst Fifa 2016. 

 

 

Gameturniere in der Mehrzweckhalle

 

Seit 2009 trägt der Fehraltorfer Hakan Pazarcikli im Dorf Fifa-Turniere aus. Damals bei sich zu Hause, später in der Mehrzweckhalle für Spieler aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. «Es war Zufall, dass sich genau in Fehraltorf eine Szene bilden konnte», sagt der 22-Jährige. Lädt der Entwickler EA Sports heute zu offiziellen Terminen nach Köln, sind Pazarcikli und seine Freunde dabei. Zudem erhielt der Fehraltorfer Lizenzen, um bei sich offizielle Qualifikationsspiele für die Fifa-Weltmeisterschaft zu veranstalten. Sponsorenverträge sichern ihm dabei die neueste Technik. Auf seiner Seite Gameturnier.ch versammelt sich eine stattliche Community.

 

 

Der Organisator: Seit 2009 trägt Hakan Pazarcikli im Dorf virtuelle Gameturniere aus.

 

 

Der amtierende Schweizer Meister Luca Boller kennt den Controller in und auswendig – er weiss, welche Tastenkombinationen er drücken muss.

 

 

Schweizer Meister im virtuellen Fussballspiel


Auch der amtierende Schweizer Meister ist am Sonntag vor Ort. Luca Boller aus Fehraltorf spielt an diesem Wochenende zwar nicht mit, doch er streift zwischen den Bildschirmen umher, schaut zu, redet mit den Spielern. Man kennt ihn. Er habe am Abend zuvor als DJ in Zürich aufgelegt und könne deshalb nicht seine beste Leistung abrufen, sagt er. «Da melde ich mich lieber ab.» Der 21-Jährige gehört zu den Grossen in der Szene. In Hamburg hat er kürzlich ein internationales Turnier gewonnen, Mitte Mai nahm er an den Finalspielen der virtuellen Bundesliga in München teil. Mit dabei: Seine Trainerjacke – übersäht mit den Namen seiner Sponsoren. Das Turnier wurde von Frank Buschmann kommentiert, Sky berichtete live. Zwischen den Matches analysieren jeweils Experten das Geschehen auf dem virtuellen Rasen. Der Gewinner trägt 10‘000 Euro Preisgeld davon. Boller hat mit Fifa in den letzten Jahren 30‘000 Franken verdient, sagt er.

 

Wer verstehen möchte, wie die Gamer-Szene solche Dimensionen hat annehmen können – und Fehraltorf zu deren Schweizer Mekka werden konnte –, braucht nur die Zahlen anzuschauen. Rund 120 Millionen Einheiten hat EA Sports seit der Einführung des Spiels 1993 verkauft, bei einem Stückpreis von rund 60 Franken. Der Umsatz des Gameentwicklers, der sich unter anderem auch für die Spiele Madden NFL oder NHL verantwortlich zeichnet, beträgt mehr als eine Milliarde Dollar. Die sogenannte In-Game-Werbung, also Trikotwerbung, und Bandenwerbung all dieser Games wuchs von 34 Millionen (2004) auf sagenhafte 7.2 Milliarden (2016). Die Game Industrie hat die Filmbranche längst überholt.

 

 

Höhepunkt während WM-Finale

 

In diesem Licht gesehen, ist die Mehrzweckhalle Heiget nur der Wurmfortsatz eines globalen Bombengeschäfts, das einmal im Jahr – nämlich während des virtuellen WM-Finales – seinen Höhepunkt findet. Mehrere hunderttausend Menschen haben das Spiel diesen Januar bei Youtube gesehen, rund eine Million Spieler nehmen an der Online-Vorausscheidung Teil. Der Schweizer Meister Boller gehört nicht zu ihnen. «Du darfst kein einziges der 90 Vorrundenspiele verlieren, da spielt auch Glück eine grosse Rolle», sagt er. Lieber konzentriere er sich auf die hiesigen Turniere, bei denen er zu den Favoriten zählt.

 

 

Nach dem Finale ist vor dem Finale: Kaum ist das Finalspiel in der Mehrzweckhalle in Fehraltorf vorbei, sind die Controller schon wieder in den Händen der Spieler.

 

 

In Fehraltorf wird an diesem Nachmittag das Finalspiel gespielt. Besiktas Istanbul gegen SSC Napoli – zwei gegen zwei. Boller steht daneben und kommentiert, «es ist ein nervenaufreibendes Spiel». Zwei Fragen an Boller. Erstens: Warum ist Fifa seiner Meinung nach eines der erfolgreichsten Spiele der Geschichte? «Vielleicht, weil es für Anfänger und Profis gleichermassen interessant ist.» Er selber kenne sämtliche Tricks, die sich während des Spiels anstellen liessen – dazu zählen auch Jongliertricks, die sich aus 15 Tastenkombinationen ergeben. Ein zehnseitiges Manual versammelt alle bei Fifa möglichen Kombinationen, um die Spieler zu steuern. Der Schreiber dieser Zeilen kennt davon die grundlegendsten, sagen wir 15, was seiner Meinung nach reichen sollte, um sich dem Schweizermeister zu stellen. Deshalb Frage Nummer zwei: «Willst gegen mich antreten, Luca Boller?» – «Warum eigentlich nicht.»

 

Nach dem Finalspiel, das Istanbul im Penaltyschiessen gewinnt, setzen wir uns vor einen Bildschirm. «Du brauchst mich nicht zu schonen», sage ich. «Ok, ich versuchs», sagt Boller. Wir wählen das Zürcher Derby, Grasshoppers gegen den FC Zürich. Virtuell sind beide Teams etwa gleich stark bewertet – auch wenn das bei der nächsten Ausgabe anders sein dürfte. Während Boller vor dem Start im Eiltempo Positionen innerhalb seiner Mannschaft verschiebt und seine technische Einstellung optimiert, hänge ich simpleren Problemen nach – etwa, welche Taste ich brauche, um die etwas zu offensive geratene Grundeinstellung zu ändern.

 

 

Fussball – eine lockere Fingerübung?

 

Das Spiel beginnt. So viel vorweg: Fifa ist grundsätzlich leicht zu bedienen, da man stets nur einen Spieler steuert, den Rest besorgt quasi der Autopilot. Heisst: Anfänger fallen nicht sofort auf. Doch Boller ist unerbittlich. Das Drücken eines falschen Knopfes meinerseits führt zu einem Ausflug des Torwarts und zum unweigerlichen 1:0 schon nach wenigen Sekunden. Die Zuschauer im Raum protestieren lautstark, Boller solle den Ahnungslosen doch nicht so reinlaufen lassen. Meine Hoffnung übrigens, eine defensive Grundhaltung kombiniert mit Spielverzögerung in Form von unendlichen Passreihen schon von Beginn weg könnten zum Erfolg führen, löst sich nach wenigen Sekunden in digitalen Staub auf. Nach kurzer Zeit steht es 3:0 und die nonchalanten Dribblings vor meinem Tor verleiten mich anzunehmen, das Spiel sei für Boller eine lockere Fingerübung.

 

 

«Du brauchst mich nicht zu schonen» – Autor David Sarasin im Spiel gegen Luca Boller.

 

 

Einen einzigen Torschuss verzeichne ich trotzdem, leider resultiert daraus kein Tor. Es bleibt beim 3:0. Ein Resultat, mit dem ich angesichts des krassen Klassenunterschiedes gut leben kann. Die virtuellen Differenzen sind also nicht so gross wie die realen: Wäre ich auf einem richtigen Rasen etwa gegen den Schweizermeister Embolo angetreten, läge ich wohl auf der Intensivstation. So aber verliess ich dieses verschlafene, Fifa-verrückte Nest bald wieder. Um ein paar brennende Fingerkuppen und einen Achtungserfolg reicher.

 

 

 

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