Reise nach Japan

In der Wiege der Digitalisierung

Japan ist das Land der aufstrebenden Roboter, der perfekten Digitalisierung und der gesitteten ÖV-Nutzung, heisst es. Vor Ort erlebte der Autor aber auch Offline-Züge und viel Information in Papierform.

Reto Fehr (Text und Fotos), 16. Juni 2016

Erinnert ihr euch an Sonic the Hedgehog? 1991 lancierte Sega mit ihrer neuen Konsole den superschnellen Igel. Sonic eroberte von Japan aus die Welt, wirbelte im Game mit endlosen Saltos über den Bildschirm und sammelte Goldringe. So etwas gab es davor noch nie. Die blaue Comicfigur wurde zum Maskottchen Segas und sollte die Geschwindigkeit der neuen Mega-Drive-Konsole unter Beweis stellen. Oder in anderen Worten: Sonic war die Zukunft.

 

 

 

 

Kein Wunder, wurde Sonic in Japan erfunden. Das Land der aufgehenden Sonne wird von uns als futuristisch wahrgenommen. Die Technologie sei unserer weit voraus, heisst es. Japan ist eine Art Wiege der Digitalisierung, das Land der omnipräsenten Automaten und Roboter.

Selbstfahrende Trolleys bringen das Gepäck auf die Etage – und statt Zimmerschlüssel öffnet die Gesichtserkennung Türen.

Aktueller Beweis dafür: Vor knapp einem Jahr wurde in Sasebo das Henn-na Hotel eröffnet – das erste Roboter-Hotel der Welt. An der Rezeption empfängt einen ein englisch sprechender Dinosaurier. Ein! Englisch! Sprechender! Saurier! Das Gepäck wird von selbstfahrenden Trolleys auf die richtige Etage gebracht und statt Zimmerschlüssel öffnet die Gesichtserkennung Türen.

 

 

Im Hotel Henn-na ist der Rezeptionist ein sprechender Saurier-Roboter.  

 

 

 

Meine Eltern – beide pensioniert – würden dies mit Kopfschütteln quittieren. Sie wandern noch mit Faltkarte, schauen den Fahrplan im Büchlein nach und verschicken handgeschriebene Postkarten. Eine Reise nach Japan, nein das wäre nichts für sie. Zu fremd, zu futuristisch.

 

 

Reise in die Zukunft

 

Mit meiner Frau reise ich nach Japan. Die technologischen Erwartungen an unseren Trip passen nicht mal in das riesige Maul des Dino-Rezeptionisten. Sony brachte 1979 den ersten Walkman auf den Markt. Auch bei der CD oder dem Touchscreen gilt Japan als Pionier. Die ersten E-Mails auf dem Mobiltelefon, Handykameras, Musik-Downloads, elektronische Zahlungen, Digital-TV – überall mischte Nippon an vorderster Front mit. Wir erwarten eine Reise in die Zukunft.

 


Reto und Nina Fehr auf der japanischen Insel Miyajima.

 

 

Nach der Ankunft in Tokio bringen uns die Menschenmassen in der U-Bahn ein erstes Mal ins Staunen. Kein Schubsen, Drängeln und Augenverdrehen wie daheim. Brav wie Klosterschüler warten die Menschen in den markierten Bereichen in Einerreihe. Nachdem die Aussteigenden rausgelassen wurden, quetschen sich unfassbar viele Leute in einen einzigen Wagen. Dabei hört man kein Seufzen über volle Waggons, stattdessen starrt die Mehrheit auf ihre kleinen Bildschirme.

 

 

 

1/7 In Akihabara, der Elektronikmeile Tokios, versammeln sich die grossen Elektronik- und Game-Hersteller.

2/7 Bahnhofsanzeige in Tokio: Da verstehen die Reisenden aus Europa nur Bahnhof.

3/7 Fast überall gibt es WLAN-Empfang. So auch im buddhistischen Kloster.

4/7 Kein WLAN haben jedoch die Passagiere im modernen Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen.

5/7 Diszipliniert: Die Japaner stehen in Einerreihe auf dem Perron, um ohne Drängeln in den ankommenden Zug einzusteigen.

6/7 Offline-Information im Land der Digitalisierung: Das gute alte Kursbuch hat am Bahninformationsschalter noch nicht ausgedient.

7/7 Die typischen japanischen Kirschblüten werden vom Autor Reto Fehr begutachtet.

1/7 In Akihabara, der Elektronikmeile Tokios, versammeln sich die grossen Elektronik- und Game-Hersteller.

 

 

Egal ob jung oder alt, alle beschäftigen sich mit E-Mails, WhatsApp, Games oder News-Seiten. Eigentlich wie bei uns, aber ohne die ständige Geräuschkulisse. Es gibt keinerlei Tragödien, Herzschmerzgeschichten oder Ausgangsdilemmas mitzulauschen – und wir vermissen das keine Sekunde lang. Die Stille ist angeordnet. Überall weisen Plakate und Sticker darauf hin, dass man nicht telefonieren und sein Handy auf lautlos stellen soll. Wenn sich zwei unterhalten, dann fast im Flüsterton.

 

 

Offline-Zug und Sprachbarrieren

 

Während der nächsten Tage sausen wir oft in den Shinkansen, den Hochgeschwindigkeitszügen, durchs Land. Die sind super. Nur eines erstaunt: kein WLAN-Signal. Sonst gibt es gratis Internetzugang an jeder Ecke (sogar im buddhistischen Kloster, das sich eigentlich so traditionell wie nur möglich gehalten hat).

 

Für uns bleibt die Fortbewegung aufgrund der Sprach-/Zeichenbarriere teilweise schwierig. Wir fragen am Bahnhofschalter nach dem Weg von Kyoto nach Yoshino. Der junge Mann hinter dem Computer klickt nicht gewieft auf den Tasten herum, sondern dreht sich um und hievt das ungefähr 300-seitige Kursbuch vom Regal. Nach einer halben Ewigkeit blättern findet er in den mit winzigen Schriftzeichen überfüllten Seiten die gewünschte Auskunft.

 

Vom meilenweiten, technologischen Vorsprung merken wir nichts.
Wir können es kaum fassen, als er uns dann so analog wie ich mir höchstens noch die Generation meiner Eltern vorgestellt habe, den Weg erklärt. Wir werden ähnliche Kursbuch-Situationen noch zweimal erleben. Fest steht: Die wichtigsten Informationen gibts in Japan immer noch auf handfestem Papier. Uns bleibt im Moment nur eines: Ihn verdattert anzustarren, als wäre er ein englisch sprechender Dinosaurier.

 

Sowieso stellen wir immer mehr fest: Vom meilenweiten, technologischen Vorsprung merken wir nichts. Im Gegenteil. Selbst in Grossstädten herrscht neben den Hauptvierteln ein Stromkabel-Gewirr wie in den Favelas von Rio. Womöglich fehlt uns manchmal einfach der Zugang. Alles, was nicht auf Englisch angeschrieben ist, bleibt für uns in dieser kurzen Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Und davon gibt es viele.

 

Sega steht längst nicht mehr für die Zukunft, sondern für die Vergangenheit.
Die Überalterung der Bevölkerung wurde zum Problem des Fortschritts. 2007 wurde Japan vom Economist Magazine zum innovativsten Land der Welt gekürt. Mittlerweile wurde die Nation überholt. Das zeigt vielleicht auch ein bisschen die riesige Sega-Werbung im Tokioter Stadtteil Akihabara. Sega ist zwar noch immer der blaue Igel. Dieser steht aber längst nicht mehr für die Zukunft, sondern für die Vergangenheit.

 

Der Spitzenplatz soll 2018 oder spätestens bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio zurückerobert werden. Die japanische Kultur des monozukuri («Dinge herstellen») soll wieder auf Spitzenniveau gelebt werden. Unter anderem mit Tsukuba. Im Nordosten der Hauptstadt soll dort die erste Roboterstadt entstehen. Spitäler, Altersheime, Postamt – alles von Robotern bedient. Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht alle englisch sprechende Dinosaurier sind.

 

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