Swisscom Rallye

Männlich (40): Jungfrau besucht

Das Jungfraujoch ist unbestritten ein Höhepunkt der touristischen Schweiz. Aber auch ein Ort der Vorurteile: zu viele Asiaten, viel zu dünne Luft? Ich bin jetzt 40. Zeit, die eigene Befangenheit zu überwinden und endlich raufzufahren!

Simon Fallegger (Text) und Markus Lamprecht (Foto), 25. August 2015

Der asiatische Durchschnittstourist hetzt um die halbe Welt für einmal Jungfraujoch retour. Wir Schweizer hätten es da einiges näher. Die Anreise dauert allerdings auch für uns schnell über vier Stunden – ein Weg. Das ist wie einmal durch die Schweiz. Also durch ein ganzes Land! Das erklärt vielleicht mein bisheriges Zögern. Ausserdem: Ist die Fahrt nicht extrem teuer? Papperlapapp. Ich fühle mich wie Steve Carell im Film «Jungfrau (40), männlich, sucht...». Im übertragenen, hochalpinen Sinn. Der hat die Dinge immer hinausgezögert. Ich nicht. Ich möchte jetzt endlich rauf zum Höhepunkt Europas. Einmal im Leben «Top of Europe» mit dem weltberühmten Panoramablick auf den Aletschgletscher. Die Swisscom Rallye bietet mir Gelegenheit dazu. Die Serie will bekannte Orte in der Schweiz vorstellen – zeigen, wie viel an den vermeintlichen Highlights wirklich dran ist. Die Rallye will Vorurteile aufzeigen, bestätigen, überwinden. Jungfraujoch ich komme!

 

 

Wieso bin nur ich geschockt?

 

Interlaken-Ost, Bahnschalter. Vor mir kauft ein asiatisches Pärchen zwei Tickets aufs Joch und zurück. «Four hundred and eight francs, please», sagt die Dame am Schalter. Ohne Zucken im Gesicht übergibt die Asiatin ihrem Mann die Kreditkarte und er bezahlt. Frankenschock? Das ist was für Europäer – oder für mich. Wieviel kostet die Fahrt?! Schon komisch: Dem Asiaten ist das Erlebnis so viel Geld wert – und mir Schweizer steht der Frankenschock ins Gesicht geschrieben.

 

 

 

 

Der Zug fährt los und durch das steil beflankte Tal Richtung Lauterbrunnen. Dort steigen amerikanische Outdoor-Touris und distinguiert sprechende englische Ladies zu: Es ist ein internationales Trüppchen, das da zusammenkommt. Dementsprechend sind die Durchsagen im Zug deutsch, französisch und natürlich englisch.

 

 

«Gooorgeous»

 

Nach Wengen kraxelt die Bahn den Hang hoch und eröffnet den Blick hinunter ins Lauterbrunnental. Ein amerikanischer Teenie staunt: «There you go...» (Schau dir das an), die Engländerin antwortet mit einem «gooorgeous» – und der Wagen zückt en bloc den Fotoapparat. Eine fantastische Szenerie. Nicht nur die Landschaft, sondern wie sich die Besucher daran erfreuen. Ein Hauch von Stolz blitzt auf: «Es ist schon schön hier», denke ich mit leicht geschwellter Brust. Der Teenie, immer noch völlig aufgedreht, zeigt auf zwei Wanderer in der Ferne: «Look at those two people walking!» Tja, Laufen ist in den USA halt nicht so bekannt.

 

 

1/15 «Top of Europe?» «Top of Europe! Jungfraujoch.»

2/15 «Four hundred and eight francs, please.» Nur Schweizer Touristen zucken mit der Wimper, wenn die freundliche Bahnangestellte den Preis für zwei Personen nennt.

3/15 «Look at those two people walking!» (Amerikanischer Tourist)

4/15 Ob am Gehstock oder sportlich fit: Alle kommen hoch aufs Joch.

5/15 Gewusel auf der Kleinen Scheidegg. Dort trifft sich die halbe Welt.

6/15 Exot im eigenen Land (Zwischenstopp auf der Kleinen Scheidegg).

7/15 Die schöne Bergwelt spielt nicht die Hauptrolle: Handy und Selfie-Stick rücken die eigene Person ins rechte Licht.

8/15 Zwei Drittel der Touristen kommen aus Asien.

9/15 Kurze Verschnaufpause auf 2865 Metern über Meer. Der chinesische Tourguide holt ebenfalls tief Luft.

10/15 Im Eispalast ist es wärmer als an der frischen Luft.

11/15 Der digitale 360°-Rundumblick zeigt das Joch bei Schlechtwetter «in schön».

12/15 Top of Europe. Sicht: null!

13/15 Die ausländischen Besucher sind begeistert – Eisflocken und Peitschenwind hin oder her.

14/15 «Say Iiiiiiiiis.»

15/15 Fahrt aufs Jungfraujoch: in vielerlei Hinsicht ein Erlebnis.

1/15 «Top of Europe?» «Top of Europe! Jungfraujoch.»

 

 

Ein Exot im eigenen Land

 

Umsteigen auf der Kleinen Scheidegg auf 2061 Metern. Dort treffen nicht nur die beiden Strecken via Grindelwald und Lauterbrunnen zusammen – sondern ganze Kontinente: der Spanier in kurzen Jeans, der Australier in der Hightech-Ausrüstung, die alte Inderin im Sari am Gehstock. Ein massiges Gewusel von Besuchern aus aller Welt (zwei Drittel kommen tatsächlich aus Asien). Und mittendrin ich – scheinbar der einzige Schweizer. Ein Exot im eigenen Land. Fröhlich posieren die Besucher vor Eiger, Mönch und Jungfrau. In Gruppen und alleine, mit sich und ihrem Selfie-Stick. Und etwas irritiert schaue ich ihnen dabei zu. Das Ganze hat einen surrealen Touch. Ich bin zwar in der Schweiz, fühle mich aber wie ein Fremder. Ich bin draussen in der Natur – und doch hat alles etwas Künstliches.

 

Dann geht’s auf den letzten Teil der Strecke. Und ab in einen Tunnel. Sieben der neun letzten Streckenkilometer verlaufen im Berg, quer durch die Eigernordwand. Nicht nur der Tunnel, die ganze Strecke ist ein Meisterstück der damaligen Ingenieurskunst. Baubeginn war 1896 – eröffnet wurde die letzte Station 1912. Der lange, dunkle Tunnel steigert die Erwartung an die Aussicht ganz oben massiv. Und die Zugdurchsagen werden noch internationaler, durchmischt mit Chinesisch und Japanisch.

 

 

Pioniertat: PTT überträgt Fussball-WM 1954

 

1954 baute die damalige PTT auf dem Ostgrat der Jungfrau eine Richtstrahlantenne. Sie diente zu kommerziellen und militärischen Zwecken. Die revolutionäre Technologie leitete TV- und Radiosignale nach Deutschland und über die Alpen nach Italien weiter. Dank der Antenne konnten Millionen von Zuschauern die Übertragung der Fussballweltmeisterschaft 1954 aus der Schweiz mitverfolgen. Nachdem sich später die Glasfasertechnologie durchgesetzt hatte, nahm Swisscom die Antenne 2011 vom Netz. Die Gebäude der Anlage sollen in Zukunft für touristische Zwecke genutzt werden.

 

 

Handyempfang auf zwei-acht

 

Ich bin im Wagen einer chinesischen Reisegruppe untergekommen. Dieser fräst sich steil durch den Fels. Eingequetscht sitze ich zwischen zwei Tourguides. Der links von mir ist etwas blass im Gesicht und nervös. Die Höhe? Die Enge? Die Dunkelheit? Der rechts von mir hängt am Handy und telefoniert. Unglaublich: Noch heute fällt in jedem zweiten Autotunnel der Schweiz das Radio aus, aber in der Jungfraujoch-Bahn auf 2800 Metern mitten im Fels hat man Handyempfang – das nenn’ ich Service.

 

Zwischenstopp auf 2865 Metern: Eigernordwand. Wir laufen zu einer Aussichtsplattform. Dort kleben wir mit den Gesichtern an der Scheibe und schauen den Schlund der Eigernordwand hinunter. Der vormals blasse chinesische Tourguide klebt derweil am Aschenbecher, zieht an einer Zigarette und sieht plötzlich viel entspannter aus. Der Marlboro-Boxenstopp dauert fünf Minuten – weiter geht’s. Nach zehn Minuten der nächste Stopp: Eismeer auf 3160 Metern. Dasselbe Spiel: Wir kleben mit gezücktem Handy an der Scheibe, der Tourguide am Aschenbecher.

 

 

 

Wir steigen aus und sehen...

 

Dann endlich sind wir oben: Top of Europe! Tatsächlich, das Atmen fällt schwer. Wir steigen massvollen Schrittes aus dem Gebäude und sehen: nichts. Vielleicht zehn Meter. Der Gipfel ist komplett vom Nebel eingehüllt und der sturmartige Wind peitscht uns die Eisflocken ins Gesicht. Wir können uns kaum auf den Beinen halten und es ist so kalt, dass man es ohne Handschuhe nicht aushält. Irgendwie ernüchternd, nach der langen Reise. Beim Aufwärmen im Self-Service-Restaurant spreche ich einen indischen Tourguide an: «Ist das für Ihre Gäste nicht deprimierend? Die zahlen so viel Geld und sehen dann nichts?» «They don’t care. They only know hot weather and sunshine. For them it’s fascinating anyway.» So hab ich mir das noch nie überlegt.

«They don’t care. They only know hot weather and sunshine. For them it’s fascinating anyway.»

Indischer Tourguide

Mir hingegen bleibt nicht viel mehr übrig, als mir im «Jungfrau-Panorama» den vierminütigen 360°-Film anzuschauen. Das Schlechtwetterprogramm zeigt die Aussicht bei schönem Wetter. Zugegeben: eine clevere Idee. Nach einem Abstecher in den Eispalast (dort ist es wärmer als draussen), die Lindt-Erlebniswelt und die Sphinx-Terrasse entscheide ich mich für den Abstieg. Nach sechseinhalb Stunden, eingetaucht in ein Potpourri aus hundert neuen Eindrücken, kommt es mir vor wie ein Abstieg in die reale Welt.

 

Mein Fazit: Ein Ausflug aufs Jungfraujoch ist kostspielig und aufwändig, aber definitiv die Reise wert. Meine Vorurteile haben sich im Positiven wie im Negativen bestätigt: Ja, es hat viele Asiaten. Ja, mir blieb die Luft weg – allerdings auch wegen des Mikrokosmos, der sich dort entspinnt. Ein bisschen wie Disneyland – nur in echt. Doch als Stadtluzerner ist mir längst klar: Auch das ist die Schweiz.

 

Swisscom Rallye

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Jungfrau – Top of Europe

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