2324 Gemeinden

Mit dem Velo durch die Schweiz

Reto Fehr fährt mit dem Velo in sämtliche Gemeinden der Schweiz. Vor fast vier Monaten ist er gestartet und wird Ende Oktober, nach 11 000 Kilometern, seine «Tour dur dSchwiiz» abschliessen.

Reto Fehr (Text), Fotos: zvg, 22. Oktober 2015

«Fühlst du dich nicht total einsam?» Das ist – nach derjenigen nach dem Befinden meines Allerwertesten – die am meisten gestellte Frage, wenn ich Leuten von meinem Projekt erzähle. Seit über drei Monaten radle ich kreuz und quer durch die Schweiz. Alle 2324 Gemeinden werde ich bis Ende Oktober besuchen. Wo ich gerade stecke, zeigt das Livetracking auf watson.ch an. Dazu teile ich meine Eindrücke via Facebook und Twitter.

 

Über 2000 Leute folgen mir während meiner «Tour dur d’Schwiiz» in den sozialen Netzwerken, dazu erhalte ich laufend Tipps von den Watson-Usern: Dieser Umweg lohnt sich, dieser Aussichtspunkt ist ein Muss, oder da gibt es die beste Crèmeschnitte der Schweiz, dort das beste Gebäck des Kantons. Ich kann leider nicht auf alle eingehen, sonst würde die Tour wohl doppelt so lange dauern. Einige Follower schreiben mir, dass die geplante Route in ihrer Region nicht optimal sei, und liefern gleich eine einfachere Variante. Schnell sammeln sich ein paar Likes, wenn ich etwas poste.

 

 

Ankunft in Bière: Fehr kann die 1000. Gemeinde von der Liste steichen.  

 

 

Einige fiebern einfach vor dem Computer während Arbeitspausen mit. Und wenn ich von diesen Leuten Rückmeldungen erhalte, ist dies jedes Mal ein Motivationsschub. Irgendwo in der Schweiz sitzt jemand, den ich zwar nicht kenne und vermutlich nie sehen werde, der mir aber das Beste wünscht. Etwas zu machen, was andere inspiriert oder freut – ein gutes Gefühl. Kurz: Die virtuelle Unterstützung für die reale Welt ist gross.

Ich habe auch eine offene Einladung für die ganze Zeitspanne der Tour. An jedermann: Begleite mich. Das können mehrere Etappen sein, das kann ein halber Tag sein, das können auch nur wenige hundert Meter sein. Gemessen an den Followern und Likes nimmt diese Einladung jedoch nur ein kleiner Teil an. Ein Like ist schneller gegeben als das Velo aus dem Keller geholt.

 

 

Virtuelle und reale Freunde

 

Ich könnte enttäuscht sein, dass mir viele Leute virtuell versprechen, irgendwann ein Stück mitzustrampeln, sich dann aber nicht mehr melden oder nicht kommen, weil im letzten Moment eben doch noch etwas Wichtigeres dazwischengekommen ist. Ich bin es nicht. Ich sehe Facebook und Twitter nicht so eng. Ein Freund auf Facebook ist noch lange kein Freund fürs Leben, einen Follower auf Twitter kenne ich in der realen Welt mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht.

 

 

1/5 In der Etappe nach Rüeggisberg (Gemeinde Nr. 2113) wird Fehr von Ändu begleitet.

2/5 Glücklicherweise ist das Wetter nicht immer nasskalt, sondern auch mal sonnig. Hier in Samnaun.

3/5 In der Gemeinde Wald wird Reto Fehr besonders herzlich empfangen.

4/5 Der härteste Aufstieg: Alpe di Neggia.

5/5 Regelmässig erhält Fehr wertvolle Tipps und Motivationsspritzen über soziale Medien.

1/5 In der Etappe nach Rüeggisberg (Gemeinde Nr. 2113) wird Fehr von Ändu begleitet.

 

 

Aber trotzdem ermöglichen mir die sozialen Netzwerke wunderbare Bekanntschaften. Remy aus Zug begleitet mich zwei Tage auf dem Velo, Simon aus Luzern gar deren vier. Karin aus Lyss fährt nicht gerne Velo, kommt aber trotzdem in die Innerschweiz, um mich 45 Kilometer zu begleiten, Klaus zeigt mir eine bessere Route im Zürcher Weinland, Martin durchs Reusstal und Fredi im Bünztal.

«Die sozialen Netzwerke ermöglichen mir wunderbare Bekanntschaften.»

Daniela führt mich zum neuen Aussichtspunkt in Sagogn, Falk holt für mich in Hochfelden sein verstaubtes Velo für fünf Kilometer aus dem Keller, und auch die Sprachgrenze macht in den sozialen Netzwerken nicht Halt: Der Italienisch und Englisch sprechende Richard aus Giubiasco fährt mit mir hoch nach Sant’Antonio, Alain aus Genève lädt mich zum Übernachten ein – obwohl er kein Deutsch spricht und gar nicht genau weiss, was mein Projekt alles beinhaltet. Aber die Grundidee findet er super, und irgendwie ist er auf Facebook über die «Tour dur d’Schwiiz» gestolpert. Ich könnte die Liste noch lange verlängern. Ohne soziale Netzwerke hätte ich alle diese Leute nie getroffen.

 

 

Der Nufenenpass ist mit 2477 Metern über Meer der höchste Punkt der Veloreise.  

 

 

Die Frage ist halt auch: Wie viel gebe ich von mir preis in den sozialen Netzwerken? Will ich überhaupt, dass die Leute mich «virtuell kennenlernen», oder zeige ich einfach Bilder von schönen Flecken der Schweiz? Ich versuche, Einblicke zu geben: was ich esse, wo ich schlafe, wie es mir geht. Wie ich mich freue, wenn ich einen Pass bezwungen habe, aber auch wie ich leide, wenn es regnet und kalt ist. Das Problem, welches ich dabei feststelle: Schöne Dinge lassen sich einfacher posten. Gerne nehme ich mir dafür auch mehr Zeit. Krampfe ich mich einen Berg hoch oder bin ich nahe am Hungerast, ist mein erster Gedanke nicht: «Ich muss das jetzt sofort meinen Twitter-Followern sagen.» «Meinem Allerwertesten geht es bestens»

Sowieso versuche ich, negative Gedanken so schnell wie möglich aus meinem Kopf zu bringen. Würde ich zu lange daran herumstudieren und sie mit der ganzen Welt teilen, habe ich das Gefühl, das könnte eine unerwünschte Kettenreaktion mit besorgten Mitteilungen auslösen, die eine Gemütslage wieder hervorrufen, welche ich normalerweise innert Minuten überwunden habe. Darum lasse ich diese Gedanken bei mir und verzichte auf Aufmunterungen aus dem Internet. So gesehen fühle ich mich manchmal einsam. Allerdings gewollt. Und meinem Allerwertesten geht es bestens.

Die Velofahrt im Web

 

Reto Fehrs «Tour dur dSchwiiz» zum Nachverfolgen auf watson.ch und auf Facebook.

 

 

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Würde Sie eine solche Monster-Velotour auch gerne machen oder ist das nur etwas für Verrückte?

 

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