Start-ups in der Romandie

Das Silicon Valley der Schweiz

Eine der Schweizer Wiegen für Spitzentechnologie liegt am Genfersee. In Anlehnung an das Silicon Valley in Kalifornien spricht man spricht seit ein paar Jahren gar vom «Silicon Valley der Romandie».

Hélène Koch (Text), 3. November 2015

Klein, relevant und führend: In der Westschweiz gibt es auf geographisch kleinstem Raum eine Vielzahl innovativer Start-ups. Sie stützen sich auf Wissen und Forschung, die grösstenteils von der ETH Lausanne (Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne, EPFL) bereitgestellt werden.

Genau wie in Kalifornien zieht auch das Silicon Valley der Schweiz vielversprechende Talente aus der ganzen Welt an. Schätzungen zufolge werden deshalb auch 80 Prozent der Start-ups von Ausländern gegründet.

 

 

Die Fachhochschule Haute Ecole Arc (HE-Arc), deren Haupt-Campus sich in Neuenburg befindet, ist ein wissenschaftliches Kompetenzzentrum mit mehreren Standorten im Jurabogen.

 

 

Von den im Silicon Valley entstandenen Unternehmen sagt man oft, sie hätten in einer Garage begonnen. Die Start-ups der Romandie hingegen finden ihren Ursprung meistens an einer der zahlreichen Spitzenhochschulen der Region, zum Beispiel der HE-Arc oder der EPFL. Jedes Jahr bringt allein die EPFL um die hundert Erfindungen hervor und mehr als die Hälfte der dazugehörigen Patente werden von Schweizer KMU gehalten. Dies führt wiederum zur Schaffung von Arbeitsplätzen, nicht nur regional, sondern auch international.

«Die Zahl der Inkubatoren und Technologiezentren hat sich in den letzten Jahren in der ganzen Romandie vervielfacht.»

Wenn ein Start-up einmal gegründet ist, wird es einer Reihe von Prüfungen unterzogen, an denen viele schliesslich scheitern: Finanzierungslösungen und einen Wachstumsmarkt finden, vom Prototyp zur Massenproduktion übergehen. Deshalb wurde seitens der Politik und der Wirtschaft eine Reihe von Werkzeugen geschaffen, die Jungunternehmer dabei unterstützen, das so genannte «Tal des Todes» für Start-ups zu überwinden.

 


Inkubatoren und Technologiezentren


Die Zahl der Inkubatoren und Technologiezentren hat sich in den letzten Jahren in der ganzen Romandie vervielfacht. Sie bieten Start-ups die notwendige Infrastruktur, angefangen mit passenden Räumlichkeiten, zum Beispiel Reinräumen. Dazu zählen unter anderem der Technologiepark Neode in Neuenburg, TechnoArk im Wallis, der Y-Parc in Yverdon und der Innovation Park, der Wissenschafts- und Technologiepark der EPFL. Die beiden Letzteren stehen sowohl Start-ups als auch etablierten Firmen zu Verfügung, während andere wie der Technologiepark Neode in Neuenburg und La Chaux-de-Fonds ausschliesslich als Inkubatoren dienen. Gewisse Innovationszentren sind auf einen Bereich spezialisiert, beispielsweise die Blue Box in Genf auf Cleantech und der Walliser TechnoArk auf Informations- und Kommunikationstechnologie. Andere, wie der Innovation Park der EPFL, decken Gebiete von der Informatik über die Telekommunikation und die Materialforschung bis zum Ingenieurwesen ab.

 

 

Eine Kuratorin der Fondation Martin Bodmer arbeitet mit Julien Lalande, Forscher an der EPFL und Mitbegründer des Start-ups ARTMYN, an einem Digitalisierungsprojekt.

 

 

Innovationsförderung und internationale Synergien
 

Bund und Kantone bieten zahlreiche öffentliche Einrichtungen, die Innovationen und Start-ups fördern. So gibt es auf Bundesebene zum Beispiel die Kommission für Technologie und Innovation (KTI), die Innovationsprojekte mit Finanzierung, Beratung und der Bereitstellung beruflicher Netzwerke unterstützt.


Die Romandie verfügt über ein sehr dichtes Netz von auf Nischengebiete spezialisierten KMU. So befinden sich im Jurabogen zahlreiche im Bereich der Mikrotechnologie, Biomedizin und Nanotechnologien tätige Unternehmen. Neuenburg ist zudem der Standort des CSEM, des Schweizer Forschungszentrums für Elektronik und Mikrotechnologie. Das erklärt auch, wieso sich Microcity, ein auf Mikro- und Nanotechnologien spezialisierter Ableger der EPFL, 2013 ebenfalls dort niedergelassen hat. Synergien finden sich aber auch auf internationaler Ebene: Der Y-Parc ist zum Beispiel eine Partnerschaft mit dem japanischen Industriezentrum Ota City eingegangen. Dieses umfasst mehr als 4000 KMU aus dem Bereich «F&E» (Forschung und Entwicklung) und insbesondere aus der Automobil- und Elektronikbranche.

 

 

Komplexe Systeme: das Gehirn als Modell


Seitens der Forschung schreitet das Verständnis für die Prozesse in unserem Gehirn in grossen Schritten voran. Nur zwei Jahre nach dessen Lancierung hat das Human Brain Project bereits ein computerbasiertes Teilmodell des Neokortex erarbeitet – des Hirnbereichs, wo die höheren intellektuellen Funktionen wie das Gewissen und die Sprache angesiedelt sind.

Eine aussergewöhnliche Vielzahl von wissenschaftlichen und technologischen Kompetenzen treffen in der Romandie aufeinander. Das kalifornische Silicon Valley ist vor allem auf die Informatik ausgerichtet, während man hier Start-ups aus so unterschiedlichen Fachgebieten wie der Telekommunikation, der Nanotechnologie, dem Internet der Dinge, Drohnen, der Biomedizin oder den erneuerbaren Energien antrifft. Trotz ihrer geographisch kleinen Fläche ist die Romandie ein globales Technologiezentrum, das alle Voraussetzungen erfüllt, um auch in Zukunft etwas bewirken zu können.

 

 

Henry Markram ist Professor für Neurowissenschaften und Verantwortlicher für das Human Brain Project, dessen Führung der EPFL für den Zeitraum 2013-2023 anvertraut wurde.

 

 

EPFL: Retrospektive der Meilensteine


Die EPFL hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von einer lokalen Hochschule zu einer Universität von Weltruf gewandelt.


1969: Die EPUL (Ecole Polytechnique de Lausanne) wird zur Eidgenössischen Technischen Hochschule EPFL (Ecole Polytechnique Fédérale). Dies hat konkret zur Folge, dass fast zwei Drittel ihres Budgets nun vom Bund finanziert werden.

 

1991: Zur Förderung des Technologietransfers und von Unternehmensgründungen wird auf dem Gelände der EPFL ein Wissenschaftspark eingerichtet. Er beherbergt Dutzende von Unternehmen in drei zu diesem Zweck errichteten Gebäuden.

 

2000: Patrick Aebischer wird Präsident der EPFL. Er wird später vom Bundesrat mehrfach in seinem Amt bestätigt. Unter seiner Leitung entwickelte sich die EPFL in den letzten Jahren stark weiter und gewann zunehmend an internationaler Ausstrahlung, beispielsweise mit der Schaffung des Zentrums für Neuroprothesen oder der Eröffnung des Campus EPFL Middle East in Ras Al Khaimah in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

 

 

Der Innovation Park der EPFL beherbergt mit seiner topmodernen Infrastruktur ungefähr hundert Start-ups, die bisher ca. 700 Arbeitsplätze für hochqualifizierte Mitarbeitende geschaffen haben.

 

 

2002: Gründung der Fakultät für Lebenswissenschaften. Diese interdisziplinäre Fakultät ermöglichte es der EPFL einige Jahre später, eine Führungsrolle im internationalen Human Brain Project zu übernehmen.


2012: Neues Zentrum für Industrialisierung und Technologietransfer in Zusammenarbeit mit dem CSEM in Neuenburg. Das Zentrum wurde 2013 eröffnet.

 

2013: Der EPFL wird die Leitung des Human Brain Projects anvertraut. Dieses gilt als eines der beiden Vorzeigeprojekte der europäischen Forschung. Mit einer geplanten Laufzeit von 10 Jahren ab 2013 hat das Projekt zum Ziel, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns besser zu erforschen, indem computergestützte Modelle des gesamten Gehirns erstellt werden. Das multidisziplinäre Projekt erfordert ebenso hohe Kompetenzen im Bereich der Informatik wie der Medizin.
 

 

Technologie in der Romandie

Forschungsprojekt über das menschliche Gehirn:

bluebrain.epfl.ch

 

Zentrum für Mikro- und Nanotechnologien:

microcity.epfl.ch

 

Kommission für Technologie und Innovation:

kti.admin.ch.ch

 

Inkubator mit Spezialisierung auf IKT:

technoark.ch

 

 

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