Automatisierte Tierfotografie

Erwischt: Tiere in der Fotofalle

Ob Nachbars Katze, Wildtiere oder Einbrecher: Vernetzte Fotofallen liefern Fotos und Videos aus Garten, Wald oder Wohnung direkt aufs Smartphone. Für einen gelungenen Schnappschuss brauchts manchmal so viel Geduld wie auf einer Foto-Pirsch.

Hansjörg Honegger (Text), 10. Oktober 2016

Der erste Griff am Morgen gilt meinem Handy. Nicht der Kaffeetasse, der Zahnbürste oder der Zeitung. Die Neugierde drängt mich. Allerdings will ich nicht News oder Mails lesen, sondern wissen, was in meinem Garten passiert ist letzte Nacht. Eine kleine Kamera, die sich bei einer Bewegung automatisch einschaltet und einen kurzen Film in einen Internet-Speicher hochlädt, macht das möglich.

Die Entwicklung von hochauflösenden Mini-Kameras, Breitbandinternet und günstigem Online-Speicher ermöglicht eine lückenlose Überwachung von Garten und Haus bequem vom Handy aus. Das Angebot an Kameras ist gross, die Inbetriebnahme kinderleicht. Ich entschied mich für eine Arlo-Kamera von Netgear, dazu einen Router und etwas Cloud-Speicher für rund 250 Franken. Das System ist um weitere Kameras erweiterbar, der Cloud-Speicher lässt sich ebenfalls aufrüsten. Nachdem die dazugehörige App heruntergeladen, der mitgelieferte Router per Netzwerkkabel an den Hauptrouter angeschlossen und die Hardware per Knopfdruck synchronisiert ist, kann es losgehen.

 

 

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Nachbars Katze läuft jede Nacht ihr Revier ab. Video: Hansjörg Honegger

 

 

Und wie es losgeht! Die Kamera schickt mir bei eingeschaltetem Bewegungsmelder bei jeder festgestellten Bewegung eine Mail (Alert!). Mein Handy brummt gefühlt alle 10 Sekunden. Sofort will ich wissen, was zuhause los ist. Einbrecher? Katzenhochzeit? Kindergeburtstag? Ich wähle das Livebild der Kamera: Sachte wiegen sich die Bäume im Wind. Genau. Bäume im Wind – oder Sträucher, Blumen, Tischtücher – werden als Bewegung wahrgenommen und brav gemeldet. Merke: Bei starker Bise den Bewegungsmelder ausschalten.

 

 

Was im Garten kreucht und fleucht

 

Die erste Nacht beschert mir gleich zwei kurze Filme: ein Katzenschwanz am unteren Bildrand (die Kamera steht auf dem Gartentisch) und etwas, das mit viel Fantasie als Marder durchgeht (leider sehe ich nur kurz eine spitze Schnauze am unteren Bildrand aufblitzen). Schon wieder was gelernt: Die Tiere laufen bei mir vor allem über den Sitzplatz und nicht über den Rasen. Kamera umplatzieren, die nächste Nacht abwarten. Es ist nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe.

 

 

 

1/9 Die Wildsau löst den Bewegungsmelder schon von weitem aus. Bild: foto-falle.ch

2/9 Die Kamera bleibt von den Tieren nicht immer unbemerkt. Bild: foto-falle.ch

3/9 Dachse bekommt man sonst nur selten zu Gesicht. Bild: foto-falle.ch

4/9 Statt dem erwartetem Fuchs bekam Patrick Zwald einen Schwarzspecht vor die Linse. Bild: Patrick Zwald

5/9 Füchse lassen sich nur selten am Tag ablichten, denn die Tiere gelten als nachtaktiv. Bild: Patrick Zwald

6/9 Momente tierischer Zuneigung. Bild: Patrick Zwald

7/9 Im Juli 2005 konnte der erste Braunbär in der Schweiz seit über 150 Jahren im Unterengadin beobachtet werden. Seither besuchen fast jährlich Bären das Graubünden. Bild: Laurent Geslin

8/9 Eurasischer Luchs im Schnee. Fotofallen-Aufnahme, Berner Oberland, 2011. Bild: KORA

9/9 Dieser Wolf wurde 2011 im Gebiet Gantrisch-Schwarzsee von einer Fotofalle abgelichtet. Bild: KORA/Erich Peissard

1/9 Die Wildsau löst den Bewegungsmelder schon von weitem aus. Bild: foto-falle.ch

 

 

«Nur eines von 100 Bildern ist brauchbar», bestätigt auch Patrick Zwald aus Küssnacht am Rigi. Er betreibt die Tierfotografie mittels Fotofallen seit rund acht Jahren als ernsthaftes Hobby und bietet in einem kleinen Online-Shop auf Foto-falle.ch sogar das nötige Equipment an. Kameras mit Internet-Anschluss führt er allerdings keine: «Die Leute sollen raus in die Natur und nicht einfach auf ihr Handy schauen».

Die Bilder geben Auskunft darüber, wann die Tiere wo sind. Für Tierfotografen eine wichtige Information.

Die Faszination, die mich jeden Morgen ans Handy treibt – ja, ich bin keiner, der morgens um 6 Uhr den Kontakt zur Natur sucht – kennt er nur zu gut. «Ich bin neugierig, was sich im Wald tut, wenn ich nicht da bin», erklärt der 37-Jährige. Die Bilder können zwar nicht mit «richtigen» Tierfotos mithalten, zu vieles ist Zufall. «Wir können weder das Licht noch das Wetter beeinflussen und die Kamera drückt ab – egal, wohin das Tier schaut», so Zwald. Aber die Bilder geben Auskunft darüber, wann die Tiere wo sind. Für Tierfotografen eine wichtige Information.

 

 

Rechtliche Situation

 

Und für Jäger. Dies führte im Wallis zu einem bizarren Streit, der mit dem Verbot von Kamerafallen für Jäger endete. Es könne nicht sein, so die Standesorganisation, dass sich die (jungen) Jäger bequem vom Sofa aus über die potenzielle Beute informierten um dann noch kurz zum Abschuss in den Wald zu fahren. Das entspreche nicht den ethischen Vorstellungen von der Jagd, die man im Wallis pflege.

 

 

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Hat sich da ein Marder durch den Garten geschlichen? (Das Tier ist besser zu erkennen im Vollbildmodus.) Video: Hansjörg Honegger

 

 

Rechtlich befindet sich der Tierfotograf mit seinen Fotofallen aber in der ganzen Schweiz in einer Grauzone. Grundsätzlich ist es aus Datenschutzgründen nicht erlaubt, auf öffentlichem Grund Fotos von fremden Menschen zu machen und diese Bilder zu speichern. Die Baudirektion des Kantons Zürich empfiehlt in einem Merkblatt, Fotofallen nur fern von Wegen aufzustellen und die Aufnahmegeräte entsprechend zu signalisieren.

Im eignen Garten darf die Kamera ohne Weiteres aufgestellt werden, sofern nicht Menschen ins Bild geraten, die am Garten vorbeiflanieren.

Die Kamera ist zwingend mit der Kontaktadresse des Betreibers zu beschriften. Bilder mit Personen (oder Teilen von Personen) sind sofort zu vernichten. «Ich stelle im Herbst überhaupt keine Kameras mehr auf, wegen der Pilzler, die sind überall», meint Patrick Zwald lakonisch. «Die Kamera ist immer etwas nach unten gerichtet, damit möglichst nur die Beine drauf sind. Wenn eine Person auf dem Bild ist, wird es sofort vernichtet, das ist klar.» Im eignen Garten darf die Kamera ohne Weiteres aufgestellt werden, sofern nicht Menschen ins Bild geraten, die am Garten vorbeiflanieren.

Die Katze spaziert jede Nacht durchs Bild, hält jeweils kurz an und schaut zurück. Als wollte sie sagen: «Ich weiss, was du tust. Aber es ist OK.»

 

Der Zufall spielt mit

 

Wer sich an die Regeln hält, über die nötige Geduld verfügt und sich nicht scheut, auch mal ins Unterholz zu steigen, wird mit tollen Bildern belohnt. «Am schönsten für mich ist, wenn ich etwas komplett Unerwartetes auf dem Bild vorfinde», erzählt Zwald. «Als ich zum Beispiel einen Schwarzspecht auf dem Ameisenhaufen sah anstelle des erwarteten Fuchses, war ich richtig glücklich».

 

Ich kenne das. Zwar ist kein Fuchs, Bär oder Luchs durch meinen Garten geschlichen, sondern nur Nachbars Katze. Aber meine Kamera steht jetzt perfekt. Die Katze spaziert jede Nacht in ihrer ganzen Schönheit durchs Bild, hält jeweils kurz an und schaut zurück. Als wollte sie sagen: «Ich weiss, was du tust. Aber es ist OK.»

 

Die Kamera eignet sich übrigens auch ganz hervorragend zur Überwachung der Wohnung während des Urlaubs, wie ich aus Erfahrung weiss. Aber Hand aufs Herz, wer will schon jeden Tag seine leere Wohnung anschauen? Da gibt es doch wirklich Schöneres. Bäume, die sich sacht im Wind wiegen, beispielsweise.

 

 

Heimüberwachung

Swisscom bietet mit SmartLife individuell kombinierbare Kameras zur Live- Überwachung von Innenräumen an.  

 

 

 

 

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