Beaumonde: Digital goes real

Wanderer zwischen den Welten

Am Beaumonde in Volketswil verwandelten sich normale Menschen in Figuren aus Games, Comics, Büchern und Filmen. Storys-Autor Helmi Sigg begleitete seine Tochter zum fantastischen Spektakel.

Helmi Sigg (Text), Barbara Sigg (Fotos), 17. September 2015

«Chulitna of Anadir» betritt die neue Welt, mit strahlenden Augen begrüsst sie ihre Freunde: Furrys, Pokémon, Saylor Moon, Storm Troopers, Steampunks und Hogwarts Schüler. Nein, wir befinden uns nicht in einem alternativen Universum, sondern in Volketswil, und Chulitna heisst im richtigen Leben Laura Sigg (25), ist meine Tochter und von Beruf Kauffrau.

 

Stolz steht sie im Gelände, das Original-Rentierfell über den Schultern, den Bogen in der Hand, und spricht mit ihren Freunden. Jetzt taucht auch noch Spiderman auf, im bürgerlichen Leben Sergio Vaca (34). Der Mechaniker aus Kreuzlingen ist schon seit frühester Jugend ein Fan des Superhelden. «Er hat mich geprägt, da er zwei Identitäten besitzt», nuschelt er hinter der Maske und lässt seinen Spinnenfaden flitzen.

 

 

Laura Sigg trifft auf einen Steam Punk

 

 

Alle Figuren sind Teil der grössten Cosplay-Veranstaltung der Schweiz. Cosplay heisst, dass sich die Teilnehmer als ihre Lieblingsfigur aus Comics, Filmen, Computerspielen und Büchern verkleiden und diese möglichst naturgetreu darstellen.

 

 

Torkelnder Jack Sparrow

 

Vor ein paar Monaten stand meine Tochter plötzlich als eine zu Fleisch gewordene Anime-Figur im Wohnzimmer. «Nagisa aus der Anime-Serie Free», wie sie auf meine erstaunt erhobenen Augenbrauen antwortete. Sie erklärte mir enthusiastisch die Hintergründe und Zusammenhänge von Cosplay und die Begeisterung ihres Freundeskreises für diese Art der Rollenspiele.

 

Jetzt, auf dem 100 000 Quadratmeter grossen Gelände des fantastischen Spektakels «Beaumonde», folgen wir Chulitna erstaunt an Schwertkämpfen zwischen Rittern und Science-Fiction-Figuren und süss posierenden und grossäugigen Anime-Lolitas vorbei, gehen einem elegant torkelnden Jack Sparrow aus dem Weg, grüssen freundliche Zombies und treffen auf eine Figur aus Minecraft und den narbigen Hexer Geralt von Riva aus dem Kult-Adventure-Game «The Witcher».

 

 

Treffpunkt für Zweitpersönlichkeiten

 

Die Zusammenkunft unterschiedlichster Fangruppen im aktiven LARP (Live Action Role Play) wurde vom umtriebigen Ex-Banker Lukas Zuberbühler (32) ermöglicht. Er stellte gemeinsam mit seinen über hundert Helfern bereits die JAN (Japan Anime Night) in Davos auf die Beine. «Das Beaumonde entstand aus einer Kooperation mit den Kulturverantwortlichen in Volketswil. Wir erhielten einen Leistungsauftrag, konnten aber alles frei gestalten. Wir hatten die Idee, alle diese Welten zusammenzubringen. Das Ganze haben wir in einem halben Jahr aus dem Boden gestampft.»

Fauchend und schnurrend bewegt sich das elegante Geschöpf auf uns zu.

Alle Teilnehmer gestalteten mit viel Fleiss und Liebe zum Detail ihre Zweitpersönlichkeiten. Wir schlendern durch die bunten Haufen, dann plötzlich: Peng! steht sie vor uns. Diese alles überragende Katzenfigur mit Hörnern. Fauchend und schnurrend bewegt sich das elegante Geschöpf auf uns zu, um sich von Chulitna kraulen zu lassen. Glücklicherweise lässt sie sich aus ihrem Charakter locken. Gestaltet, gebaut und getragen wird «Radagast», eine Mischung aus Katze und Faun, also ein Kafaun, von Madeleine Schindler aus Zug, von Beruf Köchin. «Diese Figur, eine Art nicht humaner Waldschamane, zu bewegen, ist sehr anstrengend», erklärt sie mit heller Stimme. «Durch die Stelzen sind meine Füsse in einer stetigen Abwärtsbewegung. Das bedeutet nicht nur einen gewaltigen Muskelkater, sondern auch Blasen und Schürfungen. Aber es macht grossen Spass!» Sprichts, überreicht uns eine Visitenkarte und entschwindet leichtfüssig und schnurrend in der Menge.

 

 

Die Teilnehmer gestalteten mit viel Fleiss und Liebe zum Detail ihre Zweitpersönlichkeiten.

 

 

Lust auf Neues

 

Schon Ende Juli präsentierte mir Laura ihren Entwurf für ihr neues Kostüm. Sie hatte sich für ein mittelalterliches Fantasy-Outfit entschieden. Ich fragte, was denn aus «Nagisa» geworden sei. Sie habe Lust auf etwas Neues, lautete die lapidare Antwort, ausserdem mache es Freude, etwas Neues zu schneidern und in eine andere Figur zu schlüpfen. Anfang August kaufte sie den benötigten Stoff und arbeitete rund 40 Stunden an ihrem Kostüm. Das Rentierfell besorgte sie sich bei Freund Erik. Er begleitete sie übrigens als «Haranes Mavros Lykos» und könnte gut aus dem «Game of Thrones»-Zyklus stammen. Das Ergebnis kann sich im farbenprächtigen Treiben sehen lassen.

Inzwischen hämmert im Hintergrund «Chase of Pancake» schweren Techno-Metal über den Griespark – den harten, bizarren Soundtrack zum friedlichen Beisammensein und zu an jeder Ecke gespendeten «Free Hugs», Umarmungen von Wesen aller Art. Einzig die eleganten Steampunks verweigern sich der wilden und aufdringlichen Umarmung der pelzigen Knuddeltiere.

 

 

1/5 Welten treffen aufeinander: Der Storm Trooper steht auf ofenfrische Waffeln.

2/5 Am Beaumonde spielt Spiderman im Pixel-Game Minecraft mit.

3/5 Auch wenns zum Fürchten aussieht: Die Figuren am Beaumonde sind romantisch, archaisch und nur gespielt gewalttätig.

4/5 Auch Boba Fett war da, und viele japanische Comic- und Trickfilmfiguren mit grossen Augen, bunten Frisuren und kurze Röcke.

5/5 Jack Sparrow trifft auf Steam-Punkerin.

1/5 Welten treffen aufeinander: Der Storm Trooper steht auf ofenfrische Waffeln.

 

 

Wer sich nicht vor der Bühne austoben oder gruppendynamisch kuscheln will, kann sich seine Zeit bei Met (Honigwein) und Bogenschiessen vertreiben. Oder sich in der grossen Halle ein Autogramm vom britischen Schauspieler Peter Roy (Dr. Who, Star Wars – Rückkehr der Jedi-Ritter, James Bond – Feuerball) ergattern, die fantastische Ausstellung von Steampunk-Ingenieur Dan Aetherman bestaunen oder sich ein Original-Lichtschwert von Darth Maul erstehen.

 

Während ich mich dem profanen Essen hingebe und für einen mittelalterlichen Baumstriezl, eine leckere Teigrolle mit Zucker und Zimt, anstehe, posiert Chulitna mit Boba Fett, dem Kopfgeldjäger aus «Star Wars», und ihrem Gefährten «Haranes», der auch in ihrem richtigen Leben an ihrer Seite steht.

 

Man könnte völlig aufgehen in dieser Fantasiewelt, wären da nicht die Handys, Selfies und Klingeltöne, die mich immer wieder daran erinnern, dass alles mit sehr viel Aufwand inszeniert ist. Ich bin beeindruckt und kann mich dem Charme der Rollenspieler nicht entziehen. Ich überlege mir ernsthaft, das nächste Mal richtig mitzumachen. Etwas allerdings kann ich garantieren: sicher nicht als Furry. Ich verbrachte fünf Jahre auf der Bühne in einem Murmeltierkostüm, das reicht für mehr als ein Leben.

 

 

 

 

 

Über den Autor:

 

Helmi Sigg (62) ist Autor, Blogger, Komiker. Er war Mitglied der legendären Zürcher Comedytruppe Trio Eden. Als Murmeltiermutter Martha im erfolgreichsten Schweizer Mundart-Musical «Ewigi Liebi» trat er vor über einer halben Million Menschen auf. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Kommende Veranstaltungen 2015:


18. – 20. September:

Mittelalterfest Schloss Lenzburg

schloss-lenzburg.ch

 

2. – 4. Oktober:

Gamez-Festival 3.0
gamezfestival.ch

 

11. Oktober:

Aki No Matsuri           
akinomatsuri.ch

 

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