Virtuelles Geld

Bezahlen mit dem Handy

Eine Woche soll der Autor nur mit dem Handy bezahlen. Zum Leben reichts, notfalls zahlt die Freundin. Aber so richtig breit ist das Angebot noch nicht.

Hansjörg Honegger, 6. Januar 2016

«Du kannst dich ja aus den Selecta-Automaten ernähren». Dieser gute Ratschlag stand am Anfang einer Idee: Lebe eine Woche lang nur mit Bezahl-Apps. Will heissen: Kein Bargeld, keine Kreditkarte, keine EC-Karte. Nur das Handy und ich. Die Selecta-Automaten sind bekannt dafür, dass Schokoriegel und Energy-Drinks per SMS bezahlt werden können. Im Notfall. Der sollte für mich also die Regel werden.

 

 

Die Wahl der App

 

Zuerst will ich wissen, welche Lösungen es auf dem Markt gibt. Auf den ersten Blick ist das Angebot vielfältig, auch wenn die Grossen der Branche wie Apple, Google oder Amazon noch nicht in der Schweiz tätig sind. Migros ist mit einer eigenen Bezahl-App am Start. Postfinance betreibt Twint, das von Coop und einigen hundert kleineren Detailhändlern genutzt wird. UBS, ZKB, Six und Swisscom sind mit Paymit am Start. Das sind die Wichtigsten. Es gibt noch einige kleinere Anbieter und Detailhandelsketten mit eigenen Bezahl-Apps, die spielen aber keine grosse Rolle und lohnen den Aufwand der Installation nicht unbedingt, falls man nicht Stammkunde bei einem Anbieter ist.

 

 

Mit der Migros-App bezahlt man an der Kasse mittels eines digitalen Codes.

 

 

Ohne Briefpost gehts nicht

 

Ich entscheide mich für die drei erwähnten Apps, die mich eine Woche über Wasser halten sollen. Also installieren, registrieren und los gehts! Oder auch nicht. Immerhin geht es um Geld. Eine ernste Sache. Sicherheit wird grossgeschrieben, was ja letztlich nicht schlecht ist, auch wenn es mich nervt beim Einrichten. Für Twint muss ich meine ID mit dem Handy scannen. Das geht recht schnell. Meine Bank ist leider nicht Mitglied des Netzwerks, was die Sache etwas umständlicher macht. Ich muss ein LSV-Formular ausfüllen, ausdrucken, unterschreiben und per Post einschicken.

 

Ach ja: Hätte ich ein Windows-Phone-Handy, wäre ich ganz weg vom Fenster. Unterstützt werden lediglich iOS und Android – übrigens von allen drei Apps. Der Migros-Einkauf wird der Kreditkarte belastet, das Einrichten dieser App geht am schnellsten. Allerdings gelingt die Anbindung der Cumulus-Karte meiner Freundin erst im dritten Anlauf. Meine Freundin spielt übrigens eine zunehmend wichtige Rolle im Experiment.

 

 

1/3 Mit Paymit kann man noch nicht in Läden bezahlen, dafür anderen Handynutzern Geld überweisen.

2/3 Twint lässt sich in rund 1500 Läden nutzen, beispielsweise in Coop-Filialen.

3/3 Mit der Migros-App kann man ausschliesslich bei Migros bezahlen. Mit dabei sind eine Einkaufsliste, Cumulus-Bons und Informationen zu Aktionen.

1/3 Mit Paymit kann man noch nicht in Läden bezahlen, dafür anderen Handynutzern Geld überweisen.

 

 

Von Top bis Flop

 

Nach rund zwei Wochen bin ich startklar: Migros-App, Twint und Paymit sind installiert, Geld ist überwiesen, Konten freigegeben, die Briefpost hat ihre Schuldigkeit getan und der erste Einkauf steht an. Erste Station: Eine mittelgrosse Migros-Filiale im Zürcher Oberland.

Ich bin nervös. Samstagmorgen, Grosseinkauf, der Laden dicht bevölkert mit ungeduldigen Kunden und ich stehe in der Warteschlange, das Handy in den schweissnassen Händen.

Ich gebe es zu: Ich bin nervös. Samstagmorgen, Grosseinkauf, der Laden dicht bevölkert mit ungeduldigen Kunden und ich stehe in der Warteschlange, das Handy in den schweissnassen Händen. Gemüse, Fleisch, einige Toilettenartikel laufen übers Band und ich strecke der Kassierin mein Handy entgegen, stammle etwas von «mit dem Handy bezahlen» und komme mir blöd vor. Die ältere Dame zuckt nicht mit der Wimper, scannt gelassen den Barcode für die Cumulus-Karte, anschliessend muss ich die PIN eintippen, der zweite Barcode wird gescannt, das wars. «Schon fertig», lächelt die Kassierin mir aufmunternd zu. Der ältere Herr wirkt wohl etwas verzagt. Der ganze Zahlvorgang dauerte nur unwesentlich länger als mit der EC-Karte.

 

 

An Coop-Kassen kann mit Twint bezahlt werden.  

 

 

Sofort wechseln wir in den benachbarten Coop, der Mensch lebt ja nicht nur von Gemüse, er braucht auch mal einen Schluck guten Wein. Selbstbewusst zücke ich mein Handy, halte es vermutlich an die richtige Stelle bei der Kasse und ernte einen verwirrten Blick der Dame an der Kasse. Die Twint-App funktioniert mit Bluetooth und einem so genannten Beacon. Der sollte das Handy erkennen und die Zahlung auslösen. Sollte. Ich frage die Kassierin, ob sie mir einen Tipp hätte, ich würde gern mit dem Handy bezahlen. Sie ist ratlos. Hinter mir murmelt einer mit zunehmender Ungeduld «immer das neumodischä Züügs». Ich verliere die Nerven, zücke meine Brieftasche und zahle bar. So viel zu einer Woche bargeldlos. 

Hier greife ich auf einen ganz billigen Trick zurück: Ich lasse meine Freundin blechen.
Der Rest der Woche ist schnell erzählt: Wenns funktioniert, ist die Zahlung mit der Twint-App richtig einfach. Bis 40 Franken wird der Betrag einfach abgebucht, darüber muss ich mein o.k. geben. Ein klarer Vorteil gegenüber der Migros-App. Der Nachteil beider Lösungen: Die Verbreitung ist beschränkt. Gerade in Restaurants ist das bargeldlose Zahlen mit dem Handy noch nicht wirklich weit verbreitet. Hier greife ich auf einen ganz billigen Trick zurück: Ich lasse meine Freundin blechen. Aber: Ich gebe ihr meinen Anteil mit der Paymit-App zurück. Mit dieser App lässt sich von einem Handy zum anderen Geld transferieren. Also nicht wortwörtlich, das wäre zu unsicher. Aber es wirkt so. Praktisch, wenn sich mehrere Leute eine Rechnung teilen oder einer kein Bargeld brauchen darf.

 

 

Fazit: Ziemlich praktisch


Twint, die Coop-App – die in anderen Läden übrigens anstandslos funktionierte – begeistert mich durch ihre einfache Anwendung: Keine PIN, nur o.k. , fertig ist die Zahlung. Per Karte auf der Twint-Webseite lassen sich die angeschlossenen Läden schnell ermitteln. Das Bezahlen mit der Migros-App ist etwas komplizierter als mit einer EC-Karte. Aber dafür hat man sämtliche Aktionen im Blick, immer alle Gutscheine dabei und profitiert immer und überall. Paymit steht noch ganz am Anfang, im Moment kann ausschliesslich Geld überwiesen werden.
 
Auf einen Selecta-Automaten musste ich übrigens nie zurückgreifen. Die Ladenöffnungszeiten der grossen Detaillisten und der angeschlossenen Bahnhofläden sind reichlich bemessen. 

 

Die drei Bezahl-Apps
 
Twint

Betreiber: Postfinance, rund 1500 Läden, u. a. Coop, 69 Online-Shops, SBB hat Interesse angemeldet.
Betriebssystem:
iOS und Android

Technik: Bluetooth
So gehts: Geld wird von einem Konto für den Einkauf freigegeben. Beim Einkauf braucht es keinen Code, den OK-Button drücken genügt. In der App erscheinen Angebote der angeschlossenen Händler.

 

Paymit

Betreiber: Six, ZKB, UBS, seit kurzem auch Swisscom
Betriebssystem:
iOS und Android (mehrere App-Versionen)
Technik: Handynetz
So gehts: Praktisch für schnelle Geldüberweisungen. Man lädt Geld auf sein Paymit-Konto und gibt die Mobilnummer des Gegenübers ein (der die App ebenfalls haben muss). Im Hintergrund wird eine Bankzahlung von einem Konto zum anderen ausgelöst. Einkaufen mit Paymit ist noch nicht möglich.

 

Migros-App

Betreiber: Migros
Betriebssysteme:
iOS und Android
Technik: Scan an der Kasse
So gehts: Die Migros-App funktioniert mit einem Konto der Migros-Bank oder einer beliebigen Kreditkarte. Beim Bezahlen wird nach dem Eintippen eines PINs der Barcode auf dem Handy gescannt. Die App bietet Zugriff auf Aktionen, Cumulus-Bons, eine gemeinsam nutzbare Einkaufsliste.

 

 

 

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