Gläserne Profis

Big Data im Spitzensport

Lückenlos erfasst und vermessen: Gehen Top-Skistars auf Goldjagd, landen dank Schweizer Hightech auch die verstecktesten Details ihrer Fahrten in Echtzeit bei den Analysten und Kommentatoren.

Andreas Turner (Text), Foto zVg, 17. Februar 2017

«Im Spitzensport messen wir heute auf die Millionstelsekunde genau», sagt Alain Zobrist, CEO von Swiss Timing, einem Schwesterunternehmen des Uhrenherstellers Longines.

 

Nur damit das klar ist: Die Rede ist von der sechsten Stelle hinter dem Komma, also 0,000001 Sekunden.

 

 

Kleine schwarze Box: Was lieferst du?

 

Start, Zwischenzeiten, Zieldurchfahrt – die Ultra-Präzision bei der Zeitnahme ist aber nur eine Seite der neuzeitlichen Chronometrie-Medaille. Die andere offenbart noch unendlich viel mehr: Eine unauffällige Mini-Blackbox, hinten am rechten Skistiefel des Rennfahrers befestigt, legt die letzten Geheimnisse einer rasanten Pistenfahrt frei. Beispiel Kuppe: Das Tempo beim Absprung, die Flugzeit, die verbleibende Geschwindigkeit beim Aufsetzen, der Skiwinkel in Relation zum Kurvenradius – alles wird haarscharf registriert.  

 

 

Die Black Box des Skirennsports: der Skistiefel.

 

 

Im mitgeführten Kästchen verbirgt sich ein Chip, der – mit Radarmodulen und Bewegungssensoren bestückt – Messungen von höchster Dynamik erlaubt. Die derart mit zusätzlichen Daten angereicherte Zeitmessung wird vorerst exklusiv in der Abfahrt und im Super-G eingesetzt. Mikaela Shiffrin etwa, der neue US-Superstar im Skizirkus, muss sich also noch etwas gedulden, bis ihr die Blackbox auch in ihrer Paradedisziplin, dem Slalom, an den Stiefel geschnallt wird. Begeistert von der Technologie zeigt sich die knapp 22-jährige Spitzenfahrerin allerdings schon heute: «Wir Athleten und unsere Coaches wissen natürlich über die ungeheure Präzision in unserem Sport genauestens Bescheid.»

 

«Wir Athlethen wissen natürlich Bescheid über die ungeheure Präzision im Skisport. Aber auch die Zuschauer?»

Mikaela Shiffrin, US-Skistar, über Schweizer Datenmessung

 

Das TV-Publikum hat davon jedoch bislang nicht allzu viel mitbekommen. Die Technologie mit dem Namen «Live Alpine Data» misst nun auch alle dynamischen Bewegungen, die in jedem einzelnen Streckenabschnitt stecken und in Kombination einen Siegeslauf ergeben.  

 

 

Unter Extrembedingungen


Matthias Hüppi, abtretender Skirennen-Kommentator bei SRF, begrüsst die zusätzlichen Informationen, mit denen die Reporter ihre Kommentare viel lebendiger als früher gestalten können: «Die Datenvergleiche und aufbereiteten Echtzeit-Grafiken zeigen, wie unglaublich präzise die Athleten im Ski-Spitzensport agieren müssen, um Siege herausfahren zu können.»

 

 

SKI ALPIN WM 2017 ST. MORITZ FERNSEHEN SRF

SKI ALPIN WM 2017 ST. MORITZ FERNSEHEN SRF

 

Dabei müssen die Datenströme im Schuh-Transponder auch unter extremen Bedingungen zuverlässig fliessen. Tiefe Temperaturen, hohe Feuchtigkeit und starke Erschütterungen stellen die Technik auf die Nagelprobe. Auch die eingesetzten Batterien müssen höchsten Qualitätskriterien genügen.

 

Im Ernstfall dumm gelaufen


Longines setzt ein ähnliches System bereits seit 2016 im Pferdesport ein und ist damit selbst dem Rundenzeiten-Management der Formel 1 überlegen. Alain Zobrist: «Im Motorsport basiert die Positionsbestimmung auf GPS-Daten, was eine Genauigkeit von lediglich ein bis zwei Metern ergibt. Für Ski- oder Pferderennen wäre diese Toleranz eindeutig zu gross.»

 

«Im Motorsport basiert die Bestimmung der Position auf GPS-Daten. Für den Skisport ist diese Toleranz zu gross - auch für den Pferdesport.»

Alain Zobrist, CEO Swiss Timing, zum neuen System

 

Was also, wenn zwei Skirennfahrer, wie es gerade bei der WM-Herrenabfahrt wieder mal vorgekommen ist, innerhalb der gleichen Hundertstelsekunde über die Ziellinie rasen? Die eigentliche Messung wäre ja zehntausendmal präziser. Könnte ein etwas feineres Raster doch noch den Schnelleren der beiden ermitteln? «Nein», winkt Alain Zobrist ab. «Das Reglement der FIS erlaubt als kleinste Masseinheit nur die Hundertstelsekunde.» Dann werden im Extremfall halt mal zwei Weltmeister gekürt. Und was wäre daran so schlimm?

 

Geschützt mit Style

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