Digitale Bildbearbeitung

Die Photoshop-Diät

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Unser Autor Helmi Sigg ist nicht nur ein wenig in die Jahre gekommen, sondern auch ein wenig in die Breite gegangen. Nun hat er sich bei den Besten der Branche einer schmerzlosen Diät unterzogen.

Helmi Sigg (Text), Barbara Sigg (Fotos), 29. Juni 2016

Die Ausgangslage war klar. Ich wollte meine alte Form zurück. Und wie es heute gang und gäbe ist: sofort. Das ist möglich – wenn auch nur optisch. Blättern wir heute in den Magazinen der Schönen und noch Schöneren, werden wir nicht nur von toller Mode, sondern auch von wunderschönen Menschen mit perfekten Körpern und makellosen Gesichtern überschüttet.

 

So möchte man doch auch aussehen. Man geht hin, kauft sich für teures Geld diesen Stofffetzen und wird von der Realität brutal eingeholt. Aber zum Trost: Auch eine Tiefkühlpizza sieht nicht so aus, wie sie auf der Verpackung dargestellt wird. Der «Wirklichkeit» wird fleissig nachgeholfen. So wird jedes Foto kräftig bearbeitet, bevor es in einem Hochglanzmagazin veröffentlicht wird. Kein Bild ist so, wie es der Fotograf abgelichtet hat.



Bildbearbeiter, die digitalen Magier

 

Jeder kommerzielle Fotograf, jedes Medium, das Fotos veröffentlicht, arbeitet mit Bildbearbeitern. Früher nannte man diese Berufsgattung «Retoucheure», die mit Pinsel, Rasierklinge oder Airbrush jeden Makel vom Bild tilgten.

Nobody is perfect. Also wird fleissig nachgeholfen

Im digitalen Zeitalter angekommen, sind die Werkzeuge um einiges raffinierter geworden. Der Anspruch ist aber immer noch derselbe: die Illusion der Perfektion. Aber Nobody is perfect. Also wird fleissig nachgeholfen. Solange man sich dessen bewusst ist, kann man all die schönen Bilder geniessen.

 

Hegt man aber den Wunsch, dem Vorbild nachzueifern, kann dies fatale Folgen haben. Gefährlich wird es auch, wenn sogenannte «echte» Bilder, zum Beispiel aus Kriegsgebieten, aus manipulativen Gründen verändert werden. Das Exempel: Ein Foto aus dem Irak-Krieg, für das der Fotograf ausgezeichnet wurde. Erst später wurde er der Bildmanipulation überführt. Er musste zugeben, dass er zwei Bilder zusammengefügt und so die Impression verändert hatte.

 

 

Ein Selbstversuch: Macht aus mir einen Prinzen

 

Meinem Narzissmus frönend, unterzog ich mich also einer Photoshop-Diät. Dies allerdings bei den Besten der Branche: Bei Süsstrunk &Jericke, zu deren Kundschaft etwa Vogue (Germany, Paris, China), Harpers Bazaar, National Geographic, oder Annabelle, NZZ Folio und L’Officiel Schweiz gehören.

 

 

Die Bildbearbeiter: Bruno Jericke (links) und Remo Süsstrunk.  

 

 

Im Profistudio machten wir also ein eher unvorteilhaftes Bild und schickten es in die magische Werkstatt an der Hegibachstrasse in Zürich. Im Vorgespräch mit Remo Süsstrunk vereinbarten wir zwei Stufen: Eine Bildbearbeitung, mit welcher der Bildbearbeiter zufrieden war, und eine zusätzliche Version, bei der ich wie ein Prinz (haha!) aussehen wollte – also ein eher übertriebener Kundenwunsch.

 

 

1/3 Für eine Werbekampagne des ZVV-Nachtnetzes hängten die Bildbearbeiter Nachtschwärmer wie Fledermäuse an die Decke.

2/3 Remo Süsstrunk und Bruno Jericke setzen sich mit Photoshop selbst in Szene.

3/3 Schritt für Schritt optimiert: Die wundersame Wandlung des Helmi S.

1/3 Für eine Werbekampagne des ZVV-Nachtnetzes hängten die Bildbearbeiter Nachtschwärmer wie Fledermäuse an die Decke.

 

 

Remo Süsstrunk und sein Partner Bruno Jericke hatten nicht nur viel Spass an der grossen Retusche, sondern auch viel Arbeit. Meine Sonderwünsche beanspruchten neunzehn Stunden bis zum gewünschten Resultat.

 

 

Sein und Schein

 

Des Öfteren müssten zu schlanke Models aufgedickt werden, erzählt Remo Süsstrunk. «Die Modebranche und viele Fotografen bevorzugen dünne Frauen, da sie in den Kleidern besser aussehen und auch einfacher zu fotografieren sind», ergänzt Jericke. «Durch Magerexzesse wachsen aber oft Gesichtshaare, auf denen das Make-up die Farbe verändert und durch Feinarbeit nachträglich vom Bild entfernt werden müssen.»

 

 

Der Bauch muss weg! Dafür kommt ein «Eightpack» rein.

 

 

In der Fotobranche herrscht Druck. Anstatt fünf Sujets müssen heute acht fotografiert werden, alles muss schnell gehen und so sind auch die Bildbearbeiter rund um die Uhr im Einsatz, um allen – auch den ausgefallensten – Kundenwünschen gerecht zu werden.

 

Mein «geiles» Sixpack wurde extra auf ein Eightpack aufgestockt: eine anatomische Unmöglichkeit, optisch aber eine Sensation!
Bei meinem Prinzenwunsch mussten die beiden ebenfalls tief in die Trickkiste greifen, denn irgendwann stiessen sie an meine anatomischen Grenzen. Also wurde nicht nur verändert, sondern auch ersetzt. Im Branchenjargon nennt man das Composite (Zusammenfügen einzelner Teile).

 

Die Aktion war nicht ganz ohne Schalk, denn mein «geiles» Sixpack wurde extra auf ein Eightpack aufgestockt: eine anatomische Unmöglichkeit, optisch aber eine Sensation!

Übrigens: Nach dieser Diät habe ich mir geschworen auch real abzunehmen und mich mehr zu bewegen. Versprochen. Euer Prinz Helmi

 

 

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