Fast vergessene Tondokumente

So tönte die Kindheit

Die sprechende Uhr, der Pfeifton des Testbildes oder das Rauschen nach TV-Sendeschluss – gewisse Klänge dominierten einst den Alltag – und sind heute fast verschwunden.

Roger Baur (Text), 22. Dezember 2016

Das weisse Rauschen

 

Wenn sich das Rauschen über den Äther legte, war alles vorbei. Zumindest für diesen Tag. Das sogenannte «weisse Rauschen» kennzeichnete noch bis Ende der 70er-Jahre das Ende des Tages und der Beginn der Nachtruhe. Auf keinem Fernsehkanal und auf keiner UKW-Radiofrequenz war nach Mitternacht noch etwas zu hören – ausser eben, diesem weissen Rauschen.

 

Nun steht das akustische Nichts selbst vor dem Aus. Denn mit dem Ende des analogen Fernsehens und dem langsamen Tod des UKW-Rundfunks verschwindet es endgültig. Das Nichts kennzeichnet dann nur noch Stille und Schwärze. Wobei es das «Nichts» gar nicht mehr gibt. Digital ist immer irgendwo irgendetwas auf Sendung.

 

 

Das weisse Rauschen gibt es beim UKW-Radio bis heute, beim analogen Fernsehen bis 2013. Video: Youtube/Ruheund Krafttanken

 

 

Zeitansage und Sendungs-Signete

 

Radio, das war bis 1979 nur Radio DRS. Andere Schweizer Sender gab es auf legalem Weg nicht. Und es klang bis zu jener Zeit so, wie man es sich im staatlichen Auftrag vorzustellen vermochte: halt ein bisschen, wie eine vertonte Wegleitung zur Steuererklärung: Sachgemäss, aber nicht wirklich verständlich.

 

Wenn dann doch mal Lockerheit aufkam, dann war sie zeitlich eng begrenzt. Denn Radio, das war Programm nach Ansage: Jede Sendung hatte ihre Zeit und da konnte die Hitparade auf eine Volksmusik-Sendung folgen. Endsprechend wichtig war die Zeit. Diese zelebrierte Radio DRS zu jeder vollen Stunde mit schrillen Tönen:

 

 

Radio DRS: Zeitansage und Signete der Sendungen. Video: Youtube/PascalSchnyderTV

 

 

Radio DRS: Start-Signet der Nachrichten in den 1980er-Jahren. Video: Youtube/Seb Jec

 

 

Schweizer Radio International

 

Schweizer im Ausland nutzten zu dieser Zeit Schweizer Radio International (SRI). Von Schwarzenburg BE aus sendete der Dienst seine Kurzwellen rund um den Erdball. Und das noch bis Ende 2004. Heute ist Swissinfo.ch der letzte verbleibende Nachfolger dieses Dienstes.

 

Prägend für die Sendungen von SRI war eine kurze Melodie, die jeweils wenige Minuten vor Beginn der Sendungen eingespielt wurde. Ihr Wiedererkennungswert war dabei Konzept, da SRI nicht rund um die Uhr sendete – sondern seine Sendungen alle zwei Stunden in eine andere Region ausstrahlte und zudem sehr häufig die Frequenzen wechseln musste.

 

 

Programmbeginn Schweizer Radio International am 21.2.1982 – empfangen in Japan. Video: Youtube/HAYATO S

 

 

Schweizer Radio International am 30.10.04: Die letzte Sendung. Video: Youtube/Willi Niederer HB9DMJ

 


Piratensender Radio 24

 

Ende der 70er aber erwachte das Radio zu neuem Leben. Private Stationen gaben zuerst als Piratensender, ab November 1983 auf legalen Frequenzen einen neuen Takt an. Eine entscheidende Rolle spielte dabei Radio 24, das am 28. November 1979 im italienischen Como auf Sendungen ging und seine Signale über eine gigantische Antenne bis nach Zürich ausstrahlte.

 

Die Beliebtheit des Piratensenders war ein entscheidender Grund dafür, dass bereits 1983 in der Schweiz über ein Dutzend private Lokalradiostationen legal auf Sendung gehen durften.

 

Die SRG ihrerseits reagierte mit dem Start von DRS 3 auf die neue Konkurrenz. Die damalige PTT, die Vorgängerin der heutigen Swisscom, musste deswegen innert weniger Monate zahlreiche neue Sendestandorte installieren. Die letzten konnten erst wenige Stunden vor dem Start der neuen Sender in Betrieb genommen werden.

 

Akustisch war die neue Epoche auch ein Musikwettstreit zwischen Popgrössen: Polo Hofer sang die Jingles für Radio 24, die späteren Weltstars «Yello» waren verantwortlich für das akustische Kleid von DRS 3.

 

 

Sendestart von Radio 24 am 28. November 1979. Gesendet wurde per Antenne vom italienischen Pizzo Groppera in die Schweiz. Video: Youtube/kiwibird2008

 

 

Sendestart von DRS 3 am 1. November 1983. Video: Youtube/SRF Archiv  

 

 

Telefontöne


In den 80ern war das Festnetztelefon noch das verbindende Element in der Schweiz. Grosse Auswahl gab es nicht – die PTT bestimmte, welche Geräte gemietet werden durften. Entsprechend uniformiert waren darum auch die Klingeltöne. Denn tatsächlich kam erst gegen Ende der 80er-Jahre Leben in die Läden – als erstmals Kaufapparate zugelassen wurden und die ersten Mobiltelefone erhältlich waren.

 

Während die Festnetztelefone weiterhin klingelten wie die PTT-Apparate, stachen die ersten kleinen Mobiltelefone von Nokia akustisch aus der Masse heraus.

 

 

Klingel des Wählscheibentelefons. Video: Youtube/winhistoryDE

 

 

Die Klingeltöne von Nokia waren ab 1994 überall zu hören. Video: Youtube/Sonic Games

 

 

Der Sound der 90er: Die Nokia Einschalt-Melodie. Youtube/danielgill6

 

 

Antiquierte PC- und Modem-Töne

 

Mit den 90ern begann das Multimedia-Zeitalter, was sich hörbar niederschlug. Doch bevor es soweit war, musste zuerst einmal der Computer fit gemacht werden. Das hiess damals: Disketten auspacken und einschieben. Gerne auch bis 10 Mal pro neuer Software. Entsprechend lange dauerte es, bis diese installiert war. Begleitet wurde das von einem bekannten Geräusch:

 

So klang das Einlesen von Floppy Disks.  


Schneller und einfacher ging es natürlich per CD-Rom, die langsam die Diskette zu verdrängen begann. Doch egal, ob mit Diskette oder CD – zum Schluss markierte ein Ton das Ende des Updates und das Beginn eines neuen Zeitalters: Die Startmelodie Windows 95.

 

 

Startmelodie Windows 95. Video: Youtube/Ballyweg

 

 

1995 begann die Zeit der Vernetzung. Die Zeit der Modems, die Zeit des Internets. Und ins weltweite Netz führte zu dieser Zeit eine Tonreihenfolge. Sie war zu dieser Zeit die einzige Möglichkeit, Daten über das Telefonnetz zu übermitteln. Erst 2001 begann das ADSL-Zeitalter und damit der Aufbau des Breitbandnetzes.

 

 

Modem: Datenübermittlung via Ton. Video: Youtube/Scotty H

 

 

Mit dem Breitbandzeitalter kam die Individualisierung und damit das Ende der Volksmelodien, der über Jahre gleichbleibenden Töne. Statt statischen Dauertönen oder ansteigenden Tonleitern werden heute, komplexe Musikteppiche geknüpft. Und doch: Etwas hat überlebt. Gewisse Kennzeichen aus dem analogen Zeitalter gibt es immer noch. So ist etwa der 1000-Hertz-Testton, besser bekannt als «Testbild-Pfeifen». Er ist nach wie vor ein Referenzwert und entsprechend im Einsatz:

 

 

Testbild mit 1000-Hertz-Ton. Video: Youtube/Farbfernsehen.tv

 

 

Und noch ein Klang hält sich tapfer: Die sprechende Uhr auf der Telefonnummer 161. Natürlich: Ihren USP hat sie längst verloren. Jedes Smartphone, viele Radiowecker und immer mehr Uhren richten ihre Zeit automatisch. Doch wenn Cupertino oder China einmal keine Daten mehr liefern sollten, dann bleibt die sprechende Telefonuhr der Referenzwert. Ein letzter Überlebender aus der analogen Generation, der den digitalen Eroberern noch den Takt vorgeben kann und eine unschlagbare Botschaft beinhaltet: Es geht weiter, immer weiter. Und ist nie vorbei.

 

Die sprechende Uhr:  

 

 

 

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