Spracherkennung Swisscom TV 2.0

Wenn die Fernbedienung Ihren Dialekt versteht

Reden Sie mit Ihrer Fernbedienung. Sie wird Ihre Wünsche verstehen. Sie wird Ihnen zwar keine mündliche Antwort geben, aber Ihre Befehle ausführen. Gewünschten Sender via Sprachsteuerung suchen – so geht TV 2.0. Entwickelt von einem Walliser Start-up.

Christoph Widmer (Text), Thomas Andenmatten (Fotos), 18. November 2016

«Zäh vor zäh», spricht David Imseng mit Walliser Dialekt in seine Fernbedienung. Das gewünschte Programm erscheint auf dem TV-Bildschirm. Auch «Tagesschau» und «Aeschbacher» findet die Software. Bei «Pro 7» erscheint eine Auswahl ähnlich klingender Begriffe – der gesuchte Kanal steht aber an erster Stelle.

 

 

recapp: Pioniere der Mundart-Sprachsteuerung

 

Die Spracherkennung der Swisscom-TV-2.0-Box funktioniert für alle Schweizer Dialekte und Landessprachen. Imseng, CEO des Walliser Start-ups recapp, hat sie entwickelt. Für den 33-Jährigen ist sie «ein schöner Use-Case» – aber nicht das Kerngeschäft von recapp. Das Unternehmen entwickelt vor allem Lösungen für eine automatisierte Protokollführung.

Die Software nimmt das Gesprochene auf und verschriftlicht es, wobei das System selber Satzzeichen setzt und den Text formatiert.

Der Grosse Rat des Kantons Wallis setzt eine solche bereits ein: Dort nimmt die Software das Gesprochene auf und verschriftlicht es automatisch, wobei das System selber Satzzeichen setzt und den Text formatiert. Die Reden sind in einem Online-Speicher abgelegt und lassen sich nach Schlagwörtern und Sprechern durchsuchen.

 

 

Neben David Imseng (l.) gehören auch der Entwickler Michel Chanton (m.) und der CTO Andreas Kobler (r.) sowie Erika Imseng zum Team. 

 

 

Die Idee holte sich Imseng aus den USA: Während einer Studienreise sah er, dass die Spracherkennung fürs Englische schon möglich war. Imseng wollte das System auch für die Schweiz umsetzen. «Am Ende meines Doktorats habe ich ein Spracherkennungssystem für Walliserdeutsch entwickelt. Die Abhandlung wurde auch publiziert, wir wussten, dass Spracherkennung für Dialekte funktioniert – doch nichts passierte.» Imseng fasste den Entschluss, die Technologie selbst auf den Markt zu bringen. 2014 war recapp geboren.

 

Heute besteht das Unternehmen aus drei weiteren Mitarbeitenden: Da ist CTO Andreas, der wegen seiner Freundin ins Wallis zog und auf Stellensuche war. Weiter gehört Entwickler Michel aus Visp seit diesem Jahr zur Firma. Michel sei ein «Kollege eines Kollegen eines Kollegen», erklärt Imseng. «Wie es im Wallis halt manchmal so ist.»

 

 

Das Start-up-Unternehmen recapp hat der Fernbedienung und TV-Box auch Walliserdeutsch beigebracht.

 

 

Zum Team gehört auch David Imsengs Frau Erika. «Erika und ich sind komplementär, wenn man so will», stellt Imseng fest. Geschäftliches und Privates könnten die beiden gut voneinander trennen. Etwas unklar bleibt dagegen die berufliche Rollenverteilung. «Ich bin mehr Forscher und im Prinzip kein typischer CEO. Das wäre eher meine Frau», gibt er lächelnd zu. Erika hat einen Master in Business Administration, sie verfüge über mehr Geschäftssinn als ihr Mann. Aber er relativiert: «Ich bin trotzdem der Meinung, dass ich momentan der beste CEO für recapp bin. Denn ich kann unseren Kunden genau sagen, was machbar ist.»

 

 

Swisscom half mit

 

Auch beim Auftrag für Swisscom war es so. Zwar komme es bei einer Dialekt-Spracherkennung stark auf den jeweiligen Anwender an; sie funktioniere bei jenen besser, die mit ihrem Dialekt nahe beim Hochdeutschen seien. Trotzdem suchen nun Nutzer aus der ganzen Schweiz ihr TV-Programm per Sprache, in Mundart – und werden fündig. Doch Imseng bleibt bescheiden: Es sei ein sehr schönes Gefühl, dass die Lösung so präsent sei, und die Mitarbeitenden von recapp seien stolz darauf. Die Spracherkennung sei aber keineswegs das Verdienst eines Einzelnen gewesen.

 

 

Neben David Imseng waren für die Entwicklung der Swisscom-TV-Dialekt-Spracherkennung auch die Walliser Unternehmen Idiap und Keylemon beteiligt.  

 

 

So leistete auch Swisscom ihren Beitrag: Mitarbeitende aus der ganzen Schweiz sandten recapp Sprachaufnahmen für die Entwicklung zu. Imseng spricht aber auch vom Idiap, dem unabhängigen Forschungsinstitut für künstliche Intelligenz in Martigny, aus dem der Prototyp der Technologie stammt. Und das Start-up Keylemon – ebenfalls aus Martigny – war für die Implementierung der Software ins Swisscom-Produkt verantwortlich.

 

 

Mehr Arbeitsplätze fürs Wallis

 

Die neue Box für Swisscom TV 2.0 beweist also: Das Wallis als Technologiestätte gibt es. The Ark, die kantonale Stiftung für Innovation, fördert pro Jahr rund 15 innovative Start-ups. «Mit The Ark hat das Wallis ein regionales Innovationssystem aufgebaut. Innovationsprojekte in KMU oder Start-up-Unternehmen aus der Forschung sind heute Tagesgeschäft», erklärt Paul-André Vogel, Stiftungsrat von The Ark und Coach CTI.

«Siri und Cortana funktionieren im Alltag nicht, denn hier wird Dialekt gesprochen.»

David Imseng, CEO des Start-up-Unternehmens recapp

«Das Wallis ist inzwischen auch ein erfolgreicher Technologiestandort, die Industrie macht einen Viertel der Wirtschaft aus. Trotzdem denken viele nur an die Klischees Ski, Raclette, Fendant – und halten Unternehmen wie recapp im Wallis für undenkbar. Es gibt daher noch viel zu tun.»

 

 

Das Wallis als Technologiestandort

 

Trotzdem: Ohne recapp wäre Imseng allenfalls noch am Idiap oder im Silicon Valley tätig. recapp will international expandieren. Ob das Unternehmen im Wallis bleiben wird, wisse er nicht. Momentan gefalle es dem Start-up dort, und es solle schliesslich auch zum Wallis als Technologiestandort beitragen. «Von den Jungen heisst es ja immer, dass sie fürs Studium das Wallis verlassen und danach nicht mehr zurückkehren, weil es hier keine Jobmöglichkeiten gebe», sagt Imseng. «Daher ist es schon das Ziel, hier eine Firma aufzubauen, die diese Möglichkeit anbieten kann.»

 

Von Spracherkennungen wie Siri oder Cortana hält Imseng nicht viel. «Sie funktionieren im Alltag nicht, denn hier wird Dialekt gesprochen.» Auch sollen Maschinen den Menschen nicht als Gesprächspartner ersetzen. Die Spracherkennung bei der Swisscom-Box sei ein nützliches Hilfsmittel, es diene dazu, Dinge schneller zu finden. Die Vermenschlichung des Computers findet Imseng allerdings eigenartig: «Sprache ist nur Mittel zum Zweck, der Computer ist nicht dein Freund – und ich hoffe auch, dass das so bleibt.»

 

Intelligenter Fernsehen

Mit der preisgekrönten Fernbedienung von Swisscom TV 2.0 hat man mittels wenigen Tasten alle Funktionen seiner TV-Box im Griff. Dank Voice Search nimmt die Fernbedienung Befehle auch per Sprache entgegen.  

 

 

 

 

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