TV-Serien im Streaming-Zeitalter

Fernsehkonsum mit Folgen

Serien-Fans sehen sich als Avantgarde der TV-Konsumenten. Früher, so der Tenor, sei alles viel schlimmer und schlechter gewesen. Nur: Stimmt das überhaupt?

Hansjörg Honegger, 26. Juli 2017

Jahre statt Tage

 

Damals, als der Cliffhanger noch eine wirkliche Bedeutung hatte, galt es, eine ganze Woche auszuharren, zu spekulieren und sich auf die nächste Folge zu freuen. Heute geht die nächste Folge schon nach 20 Sekunden weiter. Der Cliffhanger ist allerdings nicht ausgestorben, im Gegenteil: Besonders fiese finden sich heute meist am Staffelende. Wir werden ein Jahr mit unbeantwortbaren Fragen gequält. Das ging früher aber auch besser: Auf die Auflösung des Cliffhangers am Ende der zweiten Staffel von «Twin Peaks» von 1991 warteten wir bis 2017. Jetzt ist Staffel drei da – zum Inhalt sagen wir aber nichts – ist ja klar.

 

 

Das Ende der zweiten Staffel von «Twin Peaks» liess viele Fragen offen.

 

 

Komplette Reihe statt löchrige Geschichte


War der Cliffhanger schon schlimm genug, gab es locker noch eine Steigerung der Qual: Die verpasste Folge. Die war buchstäblich auf Nimmerwiedersehen verschwunden – Familienfeier oder ein nicht korrekt programmierter Videorekorder sei Dank. Wer hat nicht Jahre später morgens um drei diese ganz spezielle verpasste Folge von «Star Trek» nachgeholt? Heute dagegen sitzt man Familienfeiern gelassen aus: Zeitversetztes Fernsehen gibt die nötige Ruhe.

 

Diese Folge wurde von den Fans übrigens als wichtigste Episode von allen gewählt:

 

 

Fans von «Star Trek: The Next Generation» kennen es nur zu gut: das Ende von Staffel 3.

 

 

Spoileralarm statt gemeinsames Rätseln

 

Seien wir ehrlich: Alle reden über Serien, aber keiner über den Inhalt: Man weiss ja nie, wie viel das Gegenüber schon gesehen hat. Und wer will sich schon dem Vorwurf aussetzen, mit einer unbedachten Bemerkung roh zu spoilern? Besonders gefährlich sind angeregte Gespräche über «Game of Thrones», in denen gefühlt alle drei Minuten ein Hauptdarsteller völlig unerwartet über die Klinge springt. Früher war das angenehmer: Man konnte in aller Ruhe die vergangene Folge sezieren und sich gemeinsam darüber Gedanken machen, wie es wohl weitergehen würde.

 

 

Auch dieser «Game of Thrones»-Charakter musste das Zeitliche segnen.

 

 

Zeitliche Freiheit statt Termindiktat

 

«ES FANGT AAA!» Dieser millionenfache Ruf ist allen bestens bekannt, die bereits vor der Jahrtausendwende fernsehen durften. Denn es gab immer eine Person, die es nicht rechtzeitig aufs Sofa schaffte, bevor die neuste Folge von Derrick losging. Haben sich dann endlich alle vor dem Fernseher eingefunden, musste man den Zuspätgekommenen alles erklären und verpasste dabei selbst die Hälfte. Lästig! Geben wir es zu: Es hat nur Vorteile, dass uns die Programmchefs nicht mehr in den Tagesablauf reinpfuschen.

 

 

Derricks legendäre Anordnung.

 

 


10 Rekordserien

 

«Guiding Light» (dt. «Springfield Story»). 1952 bis 2009, 15'762 Folgen. Die Serie mit den meisten Folgen überhaupt.


«As the World Turns» (dt. «Jung und leidenschaftlich – wie das Leben so spielt»). 1965 bis 2010, 13'858 Folgen. Die Schauspielerin Helen Wagner spielte 54 Jahre lang die Hauptrolle als Nancy Hughes Smith und hält damit den Weltrekord.


«General Hospital». Seit 1963, 13'508 Folgen. Bekam den Daytime Emmy Award gleich 11-mal: Rekord.


«Days of Our Lives» (dt. «Zeit der Sehnsucht») Seit 1965, 12'776 Folgen. Familiensache: Produziert von Ken Corday, dessen Eltern, Ted und Betty Corday, erfanden die Serie.


«One Life to Live» (dt. «Liebe, Lüge, Leidenschaft»). 1968 bis 2012, 11'105 Folgen. Die Serie wird oft als «die wohl eigenartigste Soap Opera der USA» bezeichnet. Der Grund: Sie thematisierte soziale Probleme und setzte auf einwillige Charaktere.


«The Young and the Restless» (dt. «Schatten der Leidenschaft»). Seit 1973, 10'782 Folgen. Ist seit 1988 die erfolgreichste tägliche Seifenoper im US-Fernsehen, heimste insgesamt 111 Emmy Awards ein.


«All My Children». 1970 bis 2011, 10'755 Folgen. Zwei Schauspieler waren von Anfang bis Ende mit dabei: Susan Lucci und Ray MacDonnell.


«Cotonation Street». Seit 1960, 8752 Folgen. Das Vorbild für die «Lindenstrasse». Die ersten Folgen wurden sogar live ausgestrahlt.


«Neighbours» (dt. «Nachbarn»). Seit 1985, 7230 Folgen. Die Australier könnens auch. Besonders berühmte Köpfe, die auch schon mitspielten: Kylie Minogue und Russel Crowe.


«The Bold and the Beautiful» (dt. «Reich und Schön»). Seit 1987, 7191 Folgen. Diese Serie hatte in den 90er-Jahren ein Riesenpublikum: 450 Millionen Menschen in 100 Ländern.

 

 

 

Eigenes Programm statt langweilige Serien-Sonntage


Die wirklich tollen Serien kamen selten am Sonntagnachmittag, abgesehen vielleicht von «Fury» oder «Bonanza» – nur schon die Titelmelodie! Abgesehen davon: gähnende Langeweile und Ratlosigkeit bei Regenwetter. Heute dagegen lässt man die Läden runter und kuschelt sich mit genügend Nahrung auf das Sofa: Seriennachmittag, vom besten Programmchef der Welt zusammengestellt – mir selbst.

 

 

Absoluter Kult: Die Titelmelodie von «Bonanza».

 

 

Einzelkämpfer statt Gruppengefühl

 

Die Strassenfeger der 60er-Jahre sind legendär. Einschaltquoten bis zu 90 % sorgten für – na ja – leergefegte Dörfer und Städte (siehe Box «Der erfolgreichste Strassenfeger aller Zeiten»). Man gehörte als TV-Konsument damals dazu, hatte jederzeit ein Gesprächsthema, das genauso unverfänglich und allgemein wie das Wetter war. Heute bekriegen sich die Anhänger von «Orange Is the New Black» mit jenen von «The Big Bang Theory», «Bloodline»-Versteher prügeln auf «Friends »-Anhänger ein (natürlich nur mit Worten) und über «Game of Thrones» kann man eh nicht reden, ohne zu spoilern. Serien gucken ist ein einsames Geschäft. Immerhin: Heute lässt es sich prächtig über sehr schwierige Männer im mittleren Alter diskutieren.

 

 

 

«The Sopranos» führte das TV-Zeitalter der «difficult men» ein.

 

 


Der erfolgreichste Strassenfeger aller Zeiten

 

Die sechsteilige Serie «Das Halstuch» von Francis Durbridge aus dem Jahr 1961 wurde vom WDR (Westdeutscher Rundfunk) produziert. Sie erreichte Einschaltquoten von sagenhaften bis zu 90 %. An den Ausstrahlungsabenden wirkten Dörfer und Städte wie ausgestorben, Nachtschichten in Fabriken wurden heruntergefahren, politische Debatten abgekürzt. Kabarettist Wolfgang Neuss, der vor der letzten Folge per Zeitungsanzeige den Mörder spoilerte, wurde als «Vaterlandsverräter» sogar mit dem Tod bedroht.

 

XGENCY

Auch immer mehr Unternehmen haben das Genre Serien für sich entdeckt. Migros, Comparis und Co. versuchen so ihre Markenbotschaften auf lockere – und meist auch witzige - Art und Weise transportieren. Die neue Webserie von Swisscom spielt in der Innovationsagentur XGENCY, wo an der technologischen Zukunft gearbeitet wird. Und es werden revolutionäre Gadgets für Swisscom erfunden. Zumindest war das der Plan ...

 

 

Swisscom TV 2.0

Swisscom TV 2.0 nimmt die Zukunft vorweg und bietet neuste Services wie Replay TV, Apps und Multiscreen-Funktionen.

 

 

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